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Wie Kunst den Menschen erdet

Gerd Hallaschk (Mitte) bei der Ausstellungseröffnung.
Gerd Hallaschk (Mitte) bei der Ausstellungseröffnung. FOTO: Gerd Rattei
Dissen. Nicht allein Name und Größe eines Museums garantieren beeindruckende Kulturevents. Oft offenbart sich erst in der Beschränkung Originalität und Qualität. Das Heimatmuseum Dissen mit seiner gegenwärtigen Sonderausstellung ist ein Beispiel. Arno Neumann

"Geerdet" werden elektrische Geräte. Wie aber wird Kunst "geerdet"? Der Maler, Grafiker und Bildhauer Gerd Hallaschk aus Pechern an der Neiße nennt seine im Heimatmuseum Dissen (Spree-Neiße-Kreis) eingerichtete Ausstellung "Geerdet".

Der Anlass ist ein zweifacher. Einmal ist es eine nachträgliche Würdigung - wenn auch mit gut zwanzig Arbeiten sehr bescheidene - zu seinem diesjährigen 75. Geburtstag. Zum anderen eine zwiespältige Erinnerung an seine Rettung als Fünfjähriger vor dem Tode durch einen schießwütigen deutschen Jagdflieger in den letzten Kriegstagen. Seine Großmutter warf sich über ihn. Sie war tot, auch Mutter und Schwester. Er selbst war schwer verwundet. Über ein Jahr dauerte es, dass er wieder laufen lernte. "Bettlägrig waren Papier und Stifte mein liebstes und einziges Spielzeug", erinnert er sich.

Mit dem Zeichnen fand er zum Leben zurück. Die Erde hatte ihn wieder. Bei seiner späteren Ausbildung als Keramikeinrichter hatte er es im übertragenen Sinne mit Erde zu tun.

Vom Zeichnen und Malen ließ er nicht, auch nicht in seiner Armeezeit bei der Marine. Er "erdet" so sich selbst. Dienst bei der Handelsmarine war sein Berufsziel. Er wollte etwas von der Welt sehen. Doch seine zukünftige Frau hat ihn energisch auf die heimatliche Erde zurückgeholt. Er bewarb sich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, und das sofort mit Erfolg. Doch der Anmeldetermin für das Studienjahr war längst vorbei. Ein Jahr hätte er warten müssen.

So studierte er Kunsterziehung, ein pädagogisches Studium mit einer hervorragenden künstlerisch praktischen Ausbildung. Als Kunsterzieher und Zirkelleiter über Jahrzehnte in Weißwasser war er es nun, der seine besten Schülerinnen und Schüler mit Erfolg an die Kunsthochschulen schickte. Sein kunstpädagogisches Credo ist: "Bildnerisches Handwerk vermitteln, ohne die individuelle Kreativität zu zerstören, sondern sie aufzuspüren und zu fördern."

Doch die eigene künstlerische Arbeit blieb und bleibt sein Lebensmittelpunkt. Seine Motive sind geerdet, nach eigenen Worten, "bodenständig, es sind elementare Dinge in ihrem Werden und Vergehen". Sie hat er für die Dissener Ausstellung ausgewählt. Seine Bilder fühlen sich in den kleinen Räumen des alten Gebäudes ausgesprochen wohl. Es ist die Erde, die durch Kohlebagger aufgebrochen und ans Licht geholt ihre farbig hervorbrechende Schönheit offenbart. Es ist der Lebenslauf der Natur, der die Bäume in verschwenderischer Fülle blühen, aber auch verdorren lässt hin zu mystischen Wesen, grafisch und malerisch majestätisch im Bild zur Form geworden. Es sind die Farbakkorde blühender Blumen und Wiesen. Es sind Fluss und Meer und es ist im jüngsten Bild der Ausstellung, noch ganz frisch in der Farbe, der Himmel, der der Erde nur noch einen schmalen Streifen am Bildrand lässt. Der große Künstler Max Beckmann gibt mit seinen Worten geradezu eine Erklärung des Werkes von Gerd Hallaschk: "Das Unsichtbare sichtbar machen durch die Realität. . . die das eigentliche Mysterium des Daseins bildet."

Ausstellung bis 25. Mai, Di. bis Do. 9 - 16 Uhr, Sa. 11 - 14 Uhr, So. und Feiertage, 13 - 17 Uhr. Heimatmuseum Dissen bei Cottbus (Spree-Neiße-Kreis).

Zum Thema:
Die Ausstellung zeigt 18 Ölbilder aus dem vergangenen Jahrzehnt, darunter mit "Osterreiter" und "Fronleichnamsprozession" zwei sorbische Motive sowie drei Grafiken. Zur Vernissage spielte die Landesgewinnerin des bundesdeutschen Wettbewerbs "Jugend musiziert", Sara Rother-Jahn, Violine, mit Jakob Lindscheid, Akkordeon, und Konrad Klemba, Klarinette, jüdische Volksmusik.Die Laudatio hielt Kunsthistoriker Heinrich Schiertz