Christoph Schroth arbeitet daher weniger die philosophische Mehrschichtigkeit von Taboris Stück heraus, sondern setzt mit Brechtscher Inszenierungsklarheit auf dessen aufklärerische und erklärende Komponenten.
Während Charlie Chaplin Hitler in "Der große Diktator" auf unübertreffliche Weise lächerlich gemacht hat, nennt der jüdische Autor George Tabori, dessen Vater und weitere Familienangehörige in Auschwitz umgekommen sind und der selbst vor dem Faschismus ins englische Exil flüchten musste, sein 1987 in Wien uraufgeführtes Stück "Mein Kampf" über Hitler einen "theologischen Schwank", in dem es "grundsätzlich um die Liebe" gehe. Wobei der Autor grundsätzliche Fragen stellt. Was bedeutet es, nach biblischer Weise den Feind wie sich selbst zu lieben„ Wie kann ich verstehen, wie kann ich verzeihen“
Voraussetzung des Stückes ist Taboris feste Überzeugung, dass es weder "den Nazi" noch "den Juden" gibt. Deshalb setzt er gegen einen so genannten "Die-Da-Ismus" auf die Untersuchung von individuellen Menschen und auf die Wahrnehmung von möglichen Änderungen in Haltung und Identität. Das ist kühn und extrem bei einer Auseinandersetzung mit Hitler und klingt viel komplizierter, als es dann auf der Bühne erscheint.

Sehnende Stimmung
Erst einmal ertönt Klezmermusik und schafft sofort die merkwürdig sehnende Stimmung, die Taboris mit dem Entsetzen aufklärerischen Scherz treibende, scheinbar naive Geschichte zu brauchen scheint. Weil hier mit Verstand auch gefühlt werden muss.
Auf der so einfachen wie funktionalen Bühne von Jochen Finke stehen drei Stahlrohr-Doppelbettgestelle in einer Reihe und ein Toiletten-Holzhäuschen an der Seite. Tief hinab in diese blitzblank gescheuerte Absteige, ein Wiener Männerasyl, steigt ein junger Mann. Er platzt in das übliche philosophische morgendliche Streitgespräch zweier Juden, von denen der eine mit Namen Lobkowitz, die Spielrolle Gottes übernommen hat. Der junge Mann dagegen kann mit diesem Humor nichts anfangen. Er heißt Hitler und kommt aus Braunau am Inn. Die Zeichenmappe mit Bildern wie "Meine Mutter beim Erbsenpuhlen im Zwielicht" unterm Arm, will er sich an der Akademie der Schönen Künste bewerben.
Schlomo Herzl, hausierender Bibelverkäufer, nimmt den ungebärdigen, zum Vergnügen des Zuschauers von Blähungen und Wortdrang geplagten jungen Mann unter seine schützenden Fittiche. Das Stück, das biographische Fakten aus Hitlers Jugend in eine fiktive Situation überführt, spielt nun auf zugleich wunderbar naive wie philosophische Weise mit unserem Wissen von der Figur Hitler. Denn Schlomo, der an einem Buch schreibt, das er "Mein Kampf" nennt (von dem er nur den Schlusssatz "und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" fertig bekommt), er frisiert den jungen Mann für dessen Akademie-Bewerbung, wodurch dieser erst seine bekannte Haarsträhne und seinen Bürstenschnauzer bekommt. Das ist natürlich eine urkomische Szene. Und wenn Hitler an der Akademie durchgefallen ist, schlägt er dem begeistert Einverstandenen ("Ich will die ganze Welt, auch Neuseeland") vor, in die Politik zu gehen. Und er hat immer wieder Verständnis für den doch recht ruppigen und judenfeindlichen Hitler. Virtuos, wenn auch etwas allzu geradlinig, wie Kai Börner diesen Hitler mit aufgerissenen Augen in Körperhaltung und Diktion dem historischen "Vorbild" nachspielt, während Wolf- Dieter Lingk das philosophisch-menschliche Bemühen seines Schlomo sehr schön von dessen skeptischer Schmerz- und Scherzhaftigkeit prägen lässt. Dieser Schlomo möchte gut sein, er möchte glücklich sein, und immer kommt ihm dabei die Moral dazwischen, bei der himmlischen so wie bei der erotischen Liebe. Auch beim Gretchen, das ihn regelmäßig besucht und sich für ihn splitternackt auszieht (Teresa Waas bewältigt die komplizierte Aufgabe, ihren nackten Körper völlig ins Spiel einzubringen, ihn aber zugleich dem Zuschauer auch wieder fast vergessen zu machen, mit erstaunlicher Sicherheit).

Suche nach Erkenntnis
Die Auseinandersetzung zwischen Schlomo und Hitler ist kein Spiel, sondern Suche nach Erkenntnis. Vom Autor und für das Publikum. Das Stück steckt voller dialektischer Witze und komischer Situationen, und Christoph Schroth bedient deren Anforderungen. Ein (in dieser Inszenierung elektrisch angetriebenes) Huhn spielt bis zu seinem Kochtopftod mit, und Frau Tod (von Susann Thiede mit elegantem Witz zugleich als Bedeutungsträgerin wie als überanstrengte Frau gespielt) holt Hitler ab. Aber nicht, weil Hitler den Tod erleiden soll, wie Schlomo meint, weshalb er Frau Tod erst einmal wegschickt, sondern weil er vielen Tod bringen wird.
Das Stück wirkt stets vorder- wie hintergründig. Es bedient unsere Lachlust und lässt uns gruseln. Seine Geschichten laufen gleichzeitig auf mehreren Bedeutungsebenen. So schaut der Zuschauer mit seinem heutigen Wissen auf Figuren von gestern, die im Spiel noch nichts von ihrer späteren Bedeutung ahnen, während Schlomo immer auch schon Ahnungen und Progromerfahrungen ins Streitspiel einbringt.
Nur ein klein wenig verfehlt Christoph Schroths insgesamt schöne und klare Inszenierung den ganz spezifischen Humor von Tabori. Der leicht, schwebend, mehr- statt eindeutig sein und aus den Situationen und Figuren erwachsen müsste. Doch Schroth heftet die Komik den Figuren allzu kräftig an. Besonders deutlich wird das bei Hans-Peter Jantzens Lobkowitz, der nur äußerlich und derb wirkt, und Jonas Hartmann, der Hitlers Gehilfen Himmlischst als übersteigerte Karikatur spielt.
Doch als positives Fazit bleibt: In Cottbus ist ein berührendes und faszinierendes Stück in einer überzeugenden und sinnlich klaren Inszenierung zu erleben.