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Wie der Augenblick zum Bild wird

Detlev Schilke zeigt in der Stadtpfarrkirche Müncheberg großformatige Schwarz-Weiß- und Farbfotografien, die ein Schlaglicht auf Persönlichkeiten der Jazzgeschichte werfen.
Detlev Schilke zeigt in der Stadtpfarrkirche Müncheberg großformatige Schwarz-Weiß- und Farbfotografien, die ein Schlaglicht auf Persönlichkeiten der Jazzgeschichte werfen. FOTO: Ingrid Hoberg
Peitz/Müncheberg. Die Müncheberger Kirche überragt die Stadt, die sich als Tor zur Märkischen Schweiz präsentiert. Doch sie ist nicht nur ein überragendes Bauwerk, sie ist als Kirche mit dem Schiff im Schiff architektonisch einzigartig. Zum regen Kulturbetrieb gehört aktuell die Ausstellung "Jazz-Photographie" des Berliner Fotografen Detlev Schilke, der auch in Peitz bei der Jazzwerkstatt fotografiert. Ingrid Hoberg

Als idealer Ausgangspunkt für eine Reise ins Berliner Umland, so auch in den Spreewald, wirbt die Stadt Müncheberg für sich. Genauso gut geht es anders herum, zumal es in diesem Sommer ein besonderes Ziel gibt. In der Stadtpfarrkirche ist gerade erst eine herausragende Ausstellung eröffnet worden. Detlev Schilke aus Berlin zeigt seine "Jazz-Photographie".

Schnörkellos wie der Ausstellungstitel sind die 20 großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und 13 Farbfotos, die im Laufe von rund drei Jahrzehnten entstanden sind. Außerdem sind die 53 Blätter aus dem "Jazz-Calendiary 2007" zu sehen. "Ich hatte kein besonderes Thema für diese Ausstellung. Die Auswahl hat sich daraus ergeben, welche Bilder ich endlich einmal präsentieren wollte", sagt Detlev Schilke.

Für Besucher, die in der Jazz-Szene zu Hause sind, ist die Ausstellung eine Begegnung mit alten Bekannten. "Manche Musiker kenne ich länger als Detlev Schilke", bekennt Wolf Kampmann bei der Ausstellungseröffnung. Der Musikjournalist, Autor und Lehrbeauftragte für Popgeschichte, erzählt von seiner Begegnung mit Schilkes Fotos. So ist in der Ausstellung eine Aufnahme von Woody Shaw zu sehen, die auch das Deckblatt des Kalenderbuchs ist. Aufgenommen bei den Leipziger Jazztagen 1987 zeigt es den Trompeter, vielmehr sein Auge, das durch die Hand auf den Betrachter blickt. Es wird die ganze Geschichte eines Lebens aufgeblättert - so hat es Wolf Kampmann schon damals empfunden, so sieht es der Betrachter mit dem Abstand der Jahre heute noch.

Der Fotograf, der dieses Bild eingefangen hat, "ist bald darauf ein Kollege und Freund geworden". "Auf den Fotos von Detlev ist das Minenspiel der Musiker zu sehen. Was treibt sie an, diese Musik zu spielen", sagt Kampmann. Deshalb berühren ihn diese Bilder.

Wer Detlev Schilke bei Konzerten wie der Jazzwerkstatt in Peitz beobachtet, kann erfahren, wie er arbeitet. Er sitzt in der ersten Reihe, hat seine Kamera am Auge und wartet. Während manch anderer an ähnlicher Position die Chipkarte seines Fotoapparats geradezu beschießt, nimmt er sich Zeit - um dann den Augenblick, in dem sich der Musiker offenbart, zum Bild zu machen. "Jazz klingt nicht nur anders, Jazz sieht auch anders aus", ist Wolf Kampmann überzeugt. Und das zeigt Detlev Schilke mit seinen Fotografien.

Dabei hört sich der Anfang seiner Fotogeschichte an wie bei vielen anderen: "1979 und 1980 sind meine Kinder geboren worden. Da habe ich mir eine alte Balgenkamera, Bildformat sechs mal neun Zentimeter, angeschafft." In Berlin hat er dann begonnen, bei Jazzkonzerten zu fotografieren - bald auch mit anderer Technik. Und mit der Familie ging es zum Open Air nach Peitz. "Die Kinder waren im Zelt im Laufgitter. Einer von uns beiden war bei ihnen, der andere beim Konzert", erinnert er sich. 1982 war Schluss mit der Jazzwerkstatt Peitz. Doch 2011 gelang es Veranstalter Ulli Blobel, die Reihe fortzusetzen. Zwischen der Jazzwerkstatt Peitz Nr. 47 und Nr. 48 lagen immerhin fast 30 Jahre. Und zur 50. Ausgabe 2013 war Detlev Schilke wieder mit seinen Kameras dabei.

In der Ausstellung in Müncheberg sind Schwarz-Weiß-Fotografien, die er bis heute macht, von Marshall Allen (90) bei seiner "Jubilee-Tour 2014" in Berlin und Wadada Leo Smith in Peitz 2013 zu sehen, sowie von Alexander von Schlippenbach und Sven-Åke Johansson im Kreiskulturhaus Treptow im September 1989. Die Farbaufnahmen sind bei Open-Air-Konzerten im Schlosspark Neuhardenberg entstanden, unter anderen dabei Ornette Coleman, Candy Dulfer, Jan Garbarek.

Wie sich der Fotograf Zeit genommen hat, die Musikerporträts in der Stadtpfarrkirche ins rechte Licht zu setzen, sollte auch der Besucher Muße mitbringen, sich auf die "Jazz-Photographie" einzulassen. Er blättert zum Abschluss vielleicht noch in der Mappe, die einen Einblick in die Pressearbeit von Detlev Schilke gibt. Dass vorher die Videopräsentation mit 800 Fotografien, die seit Oktober 2013 bis Juli 2014 entstanden sind, Beachtung gefunden hat, versteht sich von selbst. Detlev Schilke ist nicht nur ein Fotograf, dessen Leben vom Jazz geprägt ist - er nimmt die Betrachter seiner Bilder mit in diese Welt. Ob sie nun Jazz-Fans sind oder nicht.

Zum Thema:
Detlev Schilke, 1956 in Ost-Berlin geboren, begann 1979 als Autodidakt mit dem Fotografieren. 1983 erhielt er seinen ersten Fotopreis, erste Veröffentlichungen, weitere Preise und nationale wie internationale Ausstellungen folgten. Er arbeitet ab 1990 als freiberuflicher Fotojournalist, wirkt über die Jahre an verschiedenen Publikationen und Ausstellungsprojekten mit. 1999 ist er an einer Jazz-Foto-Ausstellung in den USA beteiligt. Die Ausstellung "Jazz-Photographie" ist bis 7. September in der Stadtpfarrkirche Müncheberg, Ernst-Thälmann-Straße 52, 15374 Müncheberg, zu sehen. Geöffnet ist Montag und Freitag von 10 bis 16 Uhr, Dienstag, von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch und Samstag nach Vereinbarung und Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Weitere Infos: www.detschilke.de , theeyecatcherblog.blogspot.de/search/label/Peitz und www.stadtpfarrkirche-muencheberg.de .