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| 16:57 Uhr

Wie Brecht beeindruckt von Villon

FOTO: dpa
Groß Jehser/Calau. Lieder und Texte von François Villon und Bertolt Brecht stehen im Herrenhaus Groß Jehser (bei Calau) im Fokus, wenn Physiker Thomas Naumann, jüngster Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf, sich mit einem Brecht-Thema beschäftigt. Als Gast wird Schauspielerin Angela Winkler erwartet. Ingrid Hoberg

Die Salon-Abende im Herrenhaus Groß Jehser sind ein Treffpunkt für illustre Gesprächsrunden, fokussiert auf ein Thema, das überraschende Aspekte von Kunst, Kultur und Naturwissenschaften aufgreift.

Unter dem Motto "In dem Bordell, wo unser Haushalt war" wird am Samstag Prof. Thomas Naumann Lieder und Texte von François Villon und Bertolt Brecht vorstellen und einem Vergleich unterziehen. Als Überraschungsgast hat Schauspielerin Angela Winkler kurzfristig ihr Kommen zugesagt. "Sie wird einige Brecht/Weill-Songs interpretieren - am Flügel begleitet von Schauspieler-Kollege Christian Steyer", kündigt Hausherr Siegfried Kühn vom Verein für Land- und Dorfkultur Schloss Groß Jehser an.

Während sich Prof. Naumann beruflich beim Deutschen Elek tronen-Synchrotron DESY mit Teilchenphysik beschäftigt, ist er darüber hinaus ein Kenner Brecht'scher Texte. So sprach er in Groß Jehser bereits über Brecht und die Bibel - mit aufschlussreichen Erkenntnissen, wie sich der Dichter im Buch der Bücher "bediente". Diesmal wird nun Thomas Naumann die Verbindung Brecht-Villon aufspüren. "Das wirkliche Leben von Villon waren die wüsten Träume von Brecht", sagt er. Brecht habe Villon als älteren Bruder gesehen, auch wenn Jahrhunderte dazwischen lagen.

Während der deutsche Dichter ein Theoretiker gewesen sei, habe der französische Poet des Mittelalters dieses Leben tatsächlich geführt - im Bordell, als Straßenräuber, Geächteter und Balladenverfasser. Villon (1431 in Paris geboren, nach 1463 vogelfrei gestorben) war zwei Mal zum Tode verurteilt. Seine Versuche, wieder ein neues Leben zu beginnen, scheiterten. Bekannt ist ein Vierzeiler, den er nach der Verkündigung seines Todesurteils schrieb: "Ich bin Franzose, was mich bitter kränkt, geboren in Paris, das bei Pontoise liegt. An einem klafterlangen Strick gehenkt spür ich am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt." Bei Brecht wird daraus in der Dreigroschenoper: "Hier hängt Macheath, der keine Laus gekränkt, ein falscher Freund hat ihn am Bein gekriegt. An einen klafterlangen Strick gehängt spürt er am Hals, wie schwer sein Hintern wiegt."

Prof. Naumann verweist darauf, dass Villon-Texte auch ohne Buchdruck, durch Abschriften von Adligen, bereits im Mittelalter eine große Verbreitung fanden. Und es gibt später eine Reihe von Übersetzungen - romantische wie expressionistische. In seinem Vortrag wird es nicht nur den Vergleich mit den Brecht-Songs in der Dreigroschenoper zu hören geben. Es werden Beispiele für unterschiedliche Interpretationen vorgestellt - die Nachdichtung von Paul Zech durch Klaus Kinski und von Wolf Biermann die "Ballade auf den Dichter François Villon". Die schrieb er - angeregt von Bertolt Brecht, der seinen Text 1918 in der Hauspostille veröffentlicht hatte.

Karten für den Salon-Abend am Samstag, 11. März, 15 Uhr, gibt es am Tage im Herrenhaus Groß Jehser, Schmiedeweg 50.