Mit Beifall wurde an diesem Abend, für den einem leicht die Superlative ausgehen, nicht gegeizt. Kein Wunder bei so viel Prominenz auf der Bühne. Da haucht Marilyn Monroe "I Wanna Be Love By You" ins Publikum, steigt Udo Lindenberg in den "Sonderzug nach Pankow", behauptet Tina Turner "It's Simply The Best" , verspricht Whitney Houston "I Will Always Love You" und Marlene Dietrich ist vom Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Beinahe im Sekundentakt wechseln die Künstler. Wie viele mögen es in diesem gut einstündigen Programm gewesen sein? Fünfzig? Frappierend und eine Show für sich ist, in welcher Windeseile sich Ennio Marchetto verwandelt, meist gleich auf der Bühne. Er schlüpft in seine Kostüme nicht hinein, sondern entfaltet sie. Perücken, Kleider, Accessoires sind kunstvoll aus feinem Papier gestaltet, haften mit Klettverschlüssen am Körper des Pantomimen. Man könnte sagen: Origami am lebenden Objekt. Denn diese Kostüme sind wahre Wunderwerke. Nicht nur, dass hier ein kreativer Kostümdesigner am Werke war, alles ist so ausgeklügelt gefaltet, dass bei jeder Veränderung ein Aha-Effekt entsteht - höchst amüsant. Da wird aus Udo Lindenberg die Biene Maja, die am Schluss noch Stachel zeigt. Aus Luciano Pavarottis breiter Brust klappen rechts und links Placido Domingo und José Carreras, die sich als die Drei Tenöre einen kleinen Sängerkrieg liefern. Das Rednerpult von Barack Obama beherbergt Tänzerinnen, und aus Minnie Mouse wird Miley Cyrus auf ihrem Wrecking Ball, die schließlich in einer Zwangsjacke landet und einen Maulkorb verpasst bekommt. Lady Gaga kommt in ihrem Fleischkleid. Das geht nicht lange gut, da muss sie mit der Fliegenklatsche gegen allzu aufdringliche Fans ihrer Robe ankämpfen und verwandelt sich schließlich selbst in eine Schmeißfliege.

Ennio Marchetto kommentiert und persifliert, ist ein guter Beobachter. Er übernimmt nicht nur die Kleidung der dargestellten Stars, sondern auch deren Mimik und Gestik, ihre Performances - perfekt, meist ein bisschen überzeichnet, wie es eine Persiflage eben macht. Und wenn Edith Piaf behauptet, nichts zu bedauern, "Non, je ne regrette rien", geht Marchetto für sie in die Knie - man weiß, sie war sehr klein. Für andere hüpft der 55-Jährige über die Bühne, schmeißt als Agneta und Anni-Frid von Abba die Beine und tanzt als Helene Fischer "Atemlos durch die Nacht" - damit nichts passiert, mit Beatmungsgerät.

Mit seiner Show füllt der Venezianer überall in der Welt große Säle. Schade, dass in Cottbus Plätze frei blieben. Wer nicht da war, darf sich ärgern. In etwa 70 Ländern hat der Verwandlungskünstler bereits gastiert - von Neuseeland über die USA bis Südafrika. Dabei versucht er, neben internationalen Stars und Politikern auch immer Prominente des jeweiligen Landes in sein Repertoire aufzunehmen, so wächst die Schar seiner Figuren stetig weiter.

Dass er im Nachbarhaus des Komödiendichters Carlo Goldoni aufgewachsen ist, könnte man als Omen bezeichnen. Doch sollte es ein Weilchen dauern, bis es sich erfüllte. Zunächst arbeitete Ennio Marchetto in der Firma seines Vaters, einer Reparaturwerkstatt für Espresso-Maschinen. Eine Aufgabe, die ihn offensichtlich nicht sehr erfüllte, denn der junge Mann stahl sich in Tagträumen immer mal wieder davon. Ein solcher Traum handelte von Marilyn Monroe im Papierkleid. Marchetto war so fasziniert davon, dass er sofort ein solches Kleid entwarf. Zuvor hatte er schon Kostüme und Masken für den berühmten venezianischen Karneval gestaltet. Zuerst probierte er sich mit der Papier-Kreation vor der Familie aus, dann beim Karneval und schließlich bei einem Wettbewerb für junge Comedians, bei dem er den ersten Preis gewann.

Der Erfolg ermutigte ihn, eine eigene Theatershow zu entwickeln. Gemeinsam mit dem Mode- und Kostümdesigner Sosthen Hennekam, mit dem ihn eine jahrelange Zusammenarbeit verband, inszenierte er seine erste eigene Show. Von Jahr zu Jahr und von Land zu Land kamen immer neue Figuren hinzu - immer auch eine Hommage an sein Publikum. Und das liegt ihm zu Füßen. Auch in Cottbus. Der Beifall wollte nicht enden. Also durfte Nina Hagen noch verkünden, dass Maria andere Pläne gehabt hatte, und Katja Ebstein ließ das Theater hoch leben, das so viele Gesichter hat und auf so unterschiedliche Weise berührt. Ennio Marchetto hat mit seinen lebenden Papier-Cartoons seine Facette hinzugefügt.