Das Theater war für Sophia Lungwitz eine Liebe auf den zweiten Blick - Kunst aber spielte für die in Düsseldorf aufgewachsene Theaterfrau immer eine Rolle. "Meine Eltern waren Bildhauer, auch mein aus Weimar stammender Großvater." Sie aber wollte etwas anderes, Eigenes. Musikerin werden vielleicht? Schließlich hatte sie seit frühester Jugend Geige gelernt. "Mit 17 war mir klar, diese einseitige Ausrichtung auf klassische Musik ist nichts für mich", erinnert sie sich. "Ich ging nach Köln und begann relativ planlos zu studieren - Germanistik, Philosophie, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft." Das war ab 1994. Aber was war daran kreativ, schöpferisch? "Wenn ich Geige spielte, fühlte ich, wie die Musik meinen Körper durchdrang, dieses Studium war einfach abstrakt."

Etwas Neues schaffen

Ein Schlüsselerlebnis hatte sie, als ein Professor in Theatergeschichte den Aktendeckel aufschlug und es staubte. Das hatte nichts mit dem zu tun, was sie wollte: etwas Neues schaffen. Über einen Freund kam sie zur Theaterbiennale in Bonn, machte eine erste Hospitanz am dortigen Theater. "Ich hatte das Gefühl, hier bin ich richtig."

Sie schmiss das Studium in Köln und begann an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater Schauspielregie zu studieren. Parallel übernahm Sophia Lungwitz Abendspielleitungen und Regieassistenzen in Bonn sowie am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Eigentlich hätte jetzt alles gut sein können, hätte die tödliche Krankheit ihrer Mutter die sensible junge Frau nicht in eine Lebenskrise gestürzt. Sie zog sich zurück und begann zu schreiben. Um zu überleben, hat sie gejobbt, "auch in Kneipen gekocht". Und sie hat viel Theater geguckt. "Das war die Zeit, als Christoph Marthaler unter der Intendanz von Frank Baumbauer am Deutschen Schauspielhaus tolle Inszenierungen machte und später dann unter Ulrich Khuon am Thalia Theater sensationelles Theater zu erleben war. Und immer hatte sie das Gefühl: Ich will wieder da hin. Mit den szenischen Lesungen eigener Texte war sie ja schon auf dem Weg.

Ein Freund schlug ihr dann vor, Dramaturgin zu werden. "Leicht war die Entscheidung nicht", weiß Sophia Lungwitz noch heute. "Damit steht man ja immer in der zweiten Reihe hinter dem Regisseur. Andererseits lassen sich in dem Beruf das Schreiben, mein Interesse für Literatur und das Theater wunderbar verbinden." In der freien Theaterszene Hamburgs arbeitete sie zum Beispiel mit der georgischen Dramatikerin und Regisseurin Nino Haratischwili zusammen, zwei Jahre war sie Schauspieldramaturgin in Konstanz - bis zur Ausschreibung der Dramaturgenstelle in Cottbus. "Ich hatte gehört, dass Mario Holetzeck dort sehr engagiertes Theater macht, und wusste, dass er in Hamburg Dozent gewesen war. Komischerweise waren wir uns dort nie begegnet."

Aus der zweiten ist eine große Liebe Theater geworden. Geradezu schwärmerisch klingt es, wenn Sophia Lungwitz von ihrem Beruf spricht. Ein "Erweckungsvorgang" sei es, ein Stück auf die Bühne zu bringen, faszinierend, wenn die Schauspieler dem Text auf den ersten Leseproben Leben einhauchen, Regisseure ihn schließlich zum sinnlichen Erlebnis werden lassen. Als Dramaturgin ist sie die Erste, die sich aufmacht, die anfangs fremde Welt der Figuren zu ergründen, ihren Charakter zu entdecken, zu erfahren, was sie antreibt.

Themasuche für die Spielzei

Das aber ist schon der zweite Schritt. "Etwa ein Jahr vorher sitzen wir Dramaturgen, Bettina Jantzen und ich, mit dem Schauspieldirektor Mario Holetzeck zusammen und überlegen, was die Menschen hier in der Region umtreibt, was gesellschaftlich relevant ist." Ist das Thema für die Spielzeit gefunden - in diesem Jahr "Deutschland - Wunder und Wunden", wird Material "herangeschaufelt", das Interessanteste ausgewählt. Die Dramaturgen helfen, interessante Regisseure zu finden, statten sie und die Schauspieler mit Sekundärliteratur zu den Stücken aus, um sich in Zeit und Thema einzufühlen. Dann beginnt gemeinsam mit dem Regisseur eine intensive Arbeit an der Inszenierung.

Gerade eben sind es zwei höchst unterschiedliche Stücke, die parallel zu betreuen sind: "Das Himbeerreich" ein Dokumentartheaterstück von Andres Veiel und die Satire "Alles Gold was glänzt" von Mario Salazar. "Eine spannende Kombination", findet Sophia Lungwitz, "für die Regisseur Mario Holetzeck eine Idee gefunden hat, die sie verbindet und einen unterhaltenden Theaterabend verspricht. In beiden Stücken geht es ums Geld. "Andres Veiel hat Banker anonym interviewt, um zu entlarven, was hinter dem Börsencrash von 2008 steckt. Sie spielen mit Zahlen, die so lang sind wie Telefonnummern und dem Wohl und Wehe von uns allen. Dem gegenübergestellt wird im zweiten Stück die Ein-Euro-Job-Realität einer Familie, in der das Fernsehen das einzig Verbindende ist. Der Vater puzzelt den ganzen Tag und niemandem fällt auf, dass er gar keine Arbeit mehr hat - bis das Geld alle ist", lüftet die Dramaturgin schon einmal kurz den Vorhang. Die Zuschauer erleben dieses Spiel um Ursache und Wirkung als witzigen, amüsanten Fernsehabend, der, so Sophia Lungwitz, auch die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen stellt.

Aus etwas Abstand

"Das Wunderbare am Theater ist, dass man sich aus etwas Abstand selbst zuschauen kann." Und sie liebt es, wenn der Abstand auch mal gering ist, die Geschichten etwas leiser, wie bei der mit Schauspielerin Heidrun Bartholomäus ins Leben gerufenen Reihe "Nachtaktiv". Auch am Theater hält Abwechslung die große Liebe frisch.

Für die Premiere gibt es Restkarten an der Abendkasse. Die nächsten Vorstellungen: 30. November und 7. Dezember, jeweils 19 Uhr; 13. und 19. Dezember, jeweils 19.30 Uhr ( Besucher-Service: Ticket-Telefon 0355/78 24 24 24).