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Wider den Luther-Mainstream

Steffen Fischers kritisch-satirische Farbzeichnungen zum Thema Sexualität und Religiosität.
Steffen Fischers kritisch-satirische Farbzeichnungen zum Thema Sexualität und Religiosität. FOTO: Weser/jgw1
Altenau. Ausstellung ,,Meine Reformation": In der Galerie Altenau 04 offenbaren sieben Künstler ihre individuelle, intime Beziehung zum kulturpolitischen Hauptthema des Jahres. Das tut auch schon mal weh. Jürgen Weser / jwg1

Die aktuelle Ausstellung in Altenau (Elbe-Elster) will provozieren, sie polarisiert aber vor allem will sie zur Diskussion herausfordern. Unter dem programmatischen Titel ,,Meine Reformation" zeigen sieben Künstler aus Brandenburg, Berlin, Sachsen und aus Kolumbien Arbeiten mit Bezug zum Reformationsjubiläum, zum Reformator Martin Luther und zu Kirche und Religiosität.

Dem Besucher der Ausstellung wird schnell klar, das Wörtchen ,,meine" ist Programm. E.R.N.A. und Paul Böckelmann, Steffen Fischer, Tina Flau, Fera Mansa, An dreas Hanisch und Juan Miguel Restrepo Valdes offenbaren mit ihren Arbeiten eine jeweils individuelle, intime Beziehung zu dem kulturpolitischen Hauptthema des Jahres. Vor allem, auch das wird den Besuchern beim Betrachten der Bilder, Installationen, Fotografien und beim Lesen der Textauszüge schnell klar, liegt ihnen nicht daran, den aus ihrer Sicht glatt gebügelten Luther-Mainstream zu bedienen. Schon die Statements in dem sorgfältig erarbeiteten mehrseitigen Ausstellungsflyer machen deutlich, hier geht es auch um Kritik an der Lichtgestalt Luther und am Umgang mit historischen Erfahrungen und Gegenwartsbezügen.

,,Lasst mir meinen Nichtglauben", fordert Ausstellungsinitiator Paul Böckelmann., der ,,Meine Reformation"mit den Künstlern der Ausstellung und den Essayisten Lieselotte Rojas Sanoja, Dr. Roland Strauß und Heinz Weißflog seit einem Jahr gründlich vorbereitet hat. Als bekennender Atheist ist er trotzdem fasziniert vom Wirken Luthers, das er seit Langem sorgfältig studiert hat. Böckelmann verfremdet Bibel- und Lutherworte bildnerisch, bezieht sich auf weniger bekannte Schriften und auf demagogische Reden Luthers und macht damit dessen dunkle Seiten sichtbar. Im übertragenen Sinn erscheint auf Böckelmanns Schrift-Bildwerken Gott metaphorisch als Erlöser und Dämon. E.R.N.A. Elke Böckelmann hat bereits 1990 Klaus Körners ,,Müntzer Poem" als Reise durch den Bauern-Krieg mit expressiver Linienführung ornamental figürlich beschrieben und dabei Luthers Positionen hinterfragt. Ihre neuen Ölarbeiten auf Papier zeigen ein zaghaft emanzipiertes Frauenbild mit all seinen Problemen, das Luther mit der Reformation durchzusetzen bemüht war.

Der Dresdner Steffen Fischer sorgt mit seinen zahlreichen Federzeichnungen und farbigen Mischtechniken am meisten für Tabubruch. Er konfrontiert den Besucher mit der aus seiner Sicht verlogenen Sexualmoral der Kirche, stellt den Klerus als machtbesessen dar und Luther in seiner Intimität bloß. ,,Das tut schon weh", konstatierte selbst Laudator Heinz Weißflog zur Vernissage. Fischer versteht seine Arbeiten auch als Satire. Darf Satire so sein? Mancher Ausstellungsbesucher zweifelt, wenn Sexualität im Beichtstuhl zur Orgie wird, die entlaufene Nonne zum Symbol für ausschweifende Sexualität und die unbefleckte Empfängnis mittels Spritze in der Gegenwart geholt wird. Hier scheiden sich Besuchermeinungen. Was für die einen äußerster Tabubruch ist, sehen andere als legitime Mittel künstlerischer Meinungsäußerung.

Tina Flau hinterfragt mit ihrer Installation den glänzenden Schein der Institution Kirche, wenn sie dem goldenen Kreuz mit Nägeln bestückte Bußschemel entgegenstellt. Mit Wut und jugendlichem Aufschrei attackiert Fera Manza alias Paula Böckelmann religiösen Fanatismus und beschreibt in einem wortgewaltigen Text, ,,warum dieser Gott nicht der meine sein kann". Der Fotograf Andreas Hanisch hat ,,seinen Luther" auf deutschen Straßen und Plätzen gesucht und, wie die Fotografien zeigen, Luther als Ikone oder missbraucht für nationalistisch-militärisches Gedankengut gefunden. Für den streng katholisch erzogenen Kolumbianer Juan Miguel Restrepo Valdes war die Auseinandersetzung mit dem Luther-Wort vom ,,lügenhaften Narrenspiel" schmerzhaft. Mit seinen Bildern zu ,,Heiligen Reliquien" sucht er einen Weg, um traditionellen Glauben mit der Moderne zu verbinden, auch wenn der seit zwei Jahren in Dresden lebende Künstler heute mit Bezug auf Giordano Bruno sagt: ,,Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion."

Die Ausstellung ,,Meine Reformation" Teil 1 ist bis 20. August nach Voranmeldung und bei Anwesenheit des Künstlerpaars Böckelmann in der Galerie Altenau 04 in der Nähe von Mühlberg ständig zu besuchen. Am 10. September eröffnet Teil 2 der Ausstellung mit neuen Arbeiten, es wird einen umfassenden Katalog zu beiden Ausstellungen und eine Podiumsdiskussion geben, auf der mit Pro und Contra über die Ausstellung gestritten werden kann.