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| 19:05 Uhr

Werkgetreu und doch ganz anders

"La Traviata": Regisseur Manfred Schweigkofler und Violetta-Darstellerin Cornelia Zink.
"La Traviata": Regisseur Manfred Schweigkofler und Violetta-Darstellerin Cornelia Zink. FOTO: M. Kross
Cottbus. Giuseppe Verdis Oper "La Traviata" hat am Samstag um 19.30 Uhr Premiere im Staatstheater Cottbus – in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Evan Christ. Die Regie übernahm Manfred Schweigkofler, der bereits an vielen Bühnen Europas und in Amerika gearbeitet hat. Seine Sicht auf Verdis Werk ist überraschend. Renate Marschall

Er sei kein Stücke-Zertrümmerer, sondern einer, der gern Geschichten erzählt - emotionale Geschichten, sagt Manfred Schweigkofler von sich. Ein Konservativer sei er. Wie aber will dazu sein Konzept von Gothik-Verdi passen?

Besser, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. "In Verdis Opern ist der Tod immer latent präsent", erklärt er den Bezug zur Gothik-Kultur. "Aber auch das nicht Angekommensein in dieser Gesellschaft, die Suche nach Alternativen bietet Parallelen." Die Idee allerdings hat der Zufall geliefert - in Hollywood. Manfred Schweigkofler war dort als Tourist unterwegs und wartete auf den Sightseeing-Bus. Hinter ihm ein Shop mit Gothik-Artikeln. "Ich sah hinein und hatte die ersten Takte von ,Don Carlo' im Ohr, den ich damals für das Opernhaus in Helsinki inszenieren sollte", erinnert er sich. "Die Oper beginnt und endet auf dem Friedhof." Er ging daran, eine eigene Ästhetik daraus zu entwickeln. Mit grandiosen Bildern. Man kann sie im Internet bewundern.

Nun in Cottbus der zweite Gothik-Verdi mit "La Traviata". Dabei blieb und bleibt Schweigkofler seinem Credo treu, dem Werk dienen zu wollen. "Alexandre Dumas' Roman ,Die Kameliendame' und Verdis Oper ,La Traviata' sind so genial - was soll ich dem hinzufügen? Ich kann nur versuchen, mit den Sängern eine Spielweise zu erarbeite, die den Menschen von heute diesen 150 Jahre alten Stoff nahe bringt. Aber nicht, indem ich ihn auf Krampf modernisiere. Die Story funktioniert auch so."

Violetta, ein Mädchen vom Lande - jung, schön - kommt in die große Stadt und wird in kürzester Zeit zu einer der begehrtesten Frauen. Eine, für die die Kerle bereit sind, sich zu ruinieren - was damals in war. "Wie heute an der Börse zu spekulieren", sagt Schweigkofler. Es sei mutig gewesen von Verdi, eine Kurtisane in den Mittelpunkt seiner Oper zu stellen. Aber nicht nur das. Er erhebt sie moralisch über die angeblich so moralische bessere Gesellschaft.

Der Traum zerplatzt

Die von einem Vergnügen ins nächste taumelnde Edelhure Violetta verliebt sich ernsthaft in Alfredo. Gemeinsam mit ihm geht sie aufs Land, will ihr früheres Leben hinter sich lassen. Die Zeit, die ihr die Tuberkulose noch lässt, will sie mit ihm verbringen. Der Traum zerplatzt, als Alfredos Vater erscheint. Er wirft ihr vor, dem Sohn gewissenlos die Karriere zu verbauen, ausgestoßen aus der Gesellschaft. Schweren Herzens versagt sich Violetta ihr Glück. Alfredo gegenüber behauptet sie, ihn nicht mehr zu lieben und in ihr altes Leben zurückkehren zu wollen. "Das Perfide ist, dass sich Violetta erneut zur Hure machen muss und damit das Vorurteil bedient, für das die Gesellschaft sie verurteilt", beschreibt Schweigkofler Verdis Absicht, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Alfredos Vater bereut zwar am Ende, Violetta zu dieser Täuschung überredet zu haben und Alfredo erkennt seinen Irrtum, aber es gibt keine Chance auf Wiedergutmachung. Violettas Kräfte sind aufgebraucht, sie stirbt - und lässt das Unrecht zurück. "Dieses scheinbar wertelose Mädchen stellt am Ende alle anderen moralisch in die Ecke", so Schweigkofler. "Trotzdem ist auch das Handeln jeder der anderen Personen nachvollziehbar, so fies wir es auch finden. Und es ist von Verdi grandios umgesetzt, auf jedem Wort sitzt der richtige Ton", findet der Regisseur. Daraus "gewaltige Bilder" zu entwickeln, die nicht Schweigkoflers, sondern Verdis Botschaft verkünden, ist sein Anspruch.

Erfahrungen als Rockmusiker

Des Lobes voll ist er über die Zusammenarbeit mit dem Ensemble, mit den Werkstätten des Theaters, den Beleuchtern. "Man merkt, dass hier über Jahre auf hohem Niveau gearbeitet wurde und alle mit Freude dabei sind", sagt der Gast, der mitunter auch außergewöhnliche Wünsche hat. Zum Beispiel beim Licht. Da greift er gern auf seine Erfahrungen als Rockmusiker zurück. Er war 20 Jahre lang Sänger einer Band. Wie er überhaupt sehr vielseitig ist: Aus Mozarts Requiem hat er ein bejubeltes "Rockquiem" gemacht und die Matthäus-Passion als Tanz szenisch umgesetzt. Auch "Steel", Stahl also, ließ er vertanzen. Zwölf Jahre leitete er das Theater Bozen (Tirol). Und eigentlich ist er Schauspieler. Künstlerische Erfahrungen, die ihm ein geradezu unerschöpfliches Reservoire an Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Um das zu tun, was er für das Wesen des Theaters und als sozialen Akt zugleich ansieht: Geschichten zu erzählen, die die Fantasie anregen und das Denken und so die Welt vielleicht ein kleines bisschen besser machen.

Die Premiere ist ausgebucht, für alle weiteren Vorstellungen gibt es Karten im Besucher-Service, Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24.

Die nächsten Vorstellungen: 1. April, 19. April, 6. Mai, 14. Juni, jeweils 19.30 Uhr.