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| 17:45 Uhr

"Wer überragend sein will, muss hart trainieren"

Ingo Witzke in der Rolle des Osmin.
Ingo Witzke in der Rolle des Osmin. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Ingo Witzke ist ein großer Mann. Der Basso, der seit der Spielzeit 2010/11 zum Ensemble des Staatstheaters Cottbus gehört, überragt mit seinen zwei Metern fünf alle anderen im Ensemble. Der Sänger weiß aber: "Wer in der Kunst wie im Sport überragend sein will, muss hart trainieren." Ida Kretzschmar

Eine überragende Bass-Rolle hat Ingo Witzke jedenfalls schon mal. Im Mozart-Singspiel "Die Entführung aus dem Serail", die am Samstag im Großen Haus des Staatstheaters Premiere hat, wird der 37-Jährige zum Osmin - und damit zum Aufseher des Paschas. "Die Partie ist also nicht nur stimmlich eine große Herausforderung", sagt der Bassist: "Sie liegt ziemlich hoch und ziemlich tief, vom hohen f bis zum tiefen D." Außerdem verlange sie auch viel Bewegung und Darstellungskunst. "Immerhin ist Osmin der Einzige, der sich als Unbelehrbarer erweist."

Der Aufseher bringt seine mannigfaltigen Drohungen im Koloratur-Bass zum Ausdruck. Mozart, der mit "Die Entführung aus dem Serail" die Reihe seiner reifen Meisterwerke eröffnete, soll für die Uraufführung am 16. Juli 1782 in Wien die Rolle des Osmin dem berühmten Bass Ludwig Fischer förmlich auf den Leib geschrieben haben, hat Ingo Witzke erfahren. Mozart soll von Fischers Stimmkraft so beeindruckt gewesen sein, dass er dem Bass mehr Platz als vorgesehen eingeräumt und im dritten Akt noch die berühmte Arie mit dem tiefen D hineingeschrieben habe: "Oh, wie will ich triumphieren. . ."

So darf nun auch Witzke in der tiefsten männlichen Gesangsstimmlage seinem Willen zum Triumph in Cottbus Ausdruck verleihen und schmetternd verlangen, Köpfe rollen zu sehen.

Finster. Unbelehrbar. Ganz gegen Witzkes privates Naturell. Er hat was dagegen, wenn sich Fronten verhärten, Miteinander unmöglich erscheint. So imponiert es ihm, dass sich Intendant Martin Schüler mit dieser Inszenierung eines hochaktuellen Stoffes angenommen hat. Was passiert, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen? Wie lässt sich der Kreis aus Gewalt und Vergeltung durchbrechen?

Ingo Witzke ist neugierig auf andere Kulturen, hat sich Marokko angesehen, stand in Luxemburg und Lodz auf der Bühne. Als Student hat er in einer jüdischen Gemeinde gearbeitet und in der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln. Diese wurde bundesweit bekannt, als Lehrer 2006 in einem "Brandbrief" die Schließung der Schule verlangten, weil sie der Gewalt durch Schüler nicht mehr standhalten könnten. Witzke war einer jener, die mit einem der vielen Sozialprojekte gegenhielten, die daraufhin entstanden. Schüler verschiedener Herkunft ließen Mozarts Zauberflöte rappen. "Integration, Gemeinsamkeit aber muss bereits gefördert werden, bevor die Probleme zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen zu Brandherden werden", ist der Sänger überzeugt.

Und so ist für ihn dieses Singspiel in Cottbus nicht nur seine Lieblingsoper, sondern auch ein Plädoyer für Menschlichkeit - und Vielfalt. Auch musikalisch. "Dafür trainiere ich wie ein Hochleistungssportler", verrät der Sänger, der nicht nur jeden Tag mehrere Stunden Stimmübungen macht, sondern auch körperlich bei Volleyball oder Joggen fit bleiben will.

"Menschen zu unterhalten, zu berühren, ist harte Arbeit", weiß er. Für diesen Beruf, den er relativ spät für sich entdeckt hat, müsse man sehr diszipliniert und willensstark sein.

In Göttingen geboren und aufgewachsen, ging er manchen Umweg, bis er die Möglichkeiten seiner Stimme entdeckte. Eine Freundin, die in Leipzig Gesang studierte, brachte ihn mit der Konzertsängerin und Gesangslehrerin Susanne Krumbiegel (übrigens eine Schwester des Prinzen Sebastian Krumbiegel) zusammen. "Sie hat mir unheimlich viel abverlangt. Ohne sie hätte ich die Aufnahmeprüfung an der Berliner Hochschule für Musik ,Hanns Eisler' wohl kaum geschafft. Von Hunderten Bewerbern wurden drei genommen. Ich war dabei", erinnert er sich noch immer dieses Glücksgefühls.

Glück hatte er auch dort mit seinen Lehrern, frühen Auftritts chancen und den Sängern, mit denen er schon während seines Studiums an der Komischen Oper Berlin gemeinsam auf der Bühne stehen durfte. Und auch später in Cottbus, als Martin Schüler ihn für "Romeo und Julia" als Gast ins Staatstheater holte und nach der Generalprobe verkündete, er wolle ihn gern fest im Ensemble haben.

Hier kann der große Mann auch große Träume haben. "Ein Bass verfällt nicht dem Jugendwahn. Die Stimme braucht Zeit zur Reife", sagt der 37-Jährige. Und hofft weiter auf Überragendes. Eines Tages will er den Hagen in der "Götterdämmerung" singen.

Die Premiere ist ausgebucht. Für die weiteren Vorstellungen sind Karten erhältlich im Besucher-Service, Ticket-Telefon: 0355/ 78242424, sowie unter www.staatstheater-cottbus.de und an der Abendkasse.

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