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Wer bin ich und Warum bin ich wieder hier?

Turbulentes Treiben im Laden. Foto: M. Kross
Turbulentes Treiben im Laden. Foto: M. Kross FOTO: M. Kross
Cottbus ". Unter der Regie von Schauspieldirektor Mario Holetzeck bringt das Staatstheater Cottbus zwei Theaterabende nach Erwin Strittmatters "Der Laden" zur Uraufführung. Premiere für den ersten Abend war am Sonnabend. Hartmut Krug

Der Laden", Erwin Strittmatters autobiografisch begründeter Romantrilogie, erschienen zwischen 1983 und 1992, spannt einen Bogen von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die ersten Jahre der DDR. Es ist eine Kleine-Leute-Geschichte, witzig und voller Anekdoten, liebevoll lebensprall. Der Roman ist einfach und klar gebaut und man kann ihn gut brechtisch "verstehen". In Ostdeutschland besitzt er eine große Anhängerschaft.

Dass sich gerade das Staatstheater Cottbus, nach Strittmatters "Ole Bienkopp" (1996 von Christoph Schroth inszeniert) an den "Laden" wagt, ist nicht nur wegen Strittmatters 100. Geburtstag (am 14.8.) logisch, sondern auch, weil er in der Lausitz spielt, zwischen Bohsdorf (wo der Laden der Familie Strittmatter heute ein Museum ist) und Spremberg, dem Geburtsort des Dichters.

Einfach war es sicher nicht, eine komprimierte Bühnenfassung der ersten beiden Bände der Romantrilogie für einen (dreieinviertelstündigen) Theaterabend herzustellen. Holger Teschke, in den 80er-Jahren erst Regisseur und Dramaturg in Senftenberg, dann am Berliner Ensemble, hat eine Theaterfassung vorgelegt, die der Regisseur Mario Holetzeck unter Mitarbeit seiner Dramaturgin Bettina Jantzen zur Grundlage seiner Regiefassung nahm.

In ihr ist ein Mann auf der Suche nach sich selbst. Er will den Weg verstehen, den er zurückgelegt hat, will wissen, wo er ist und wofür er steht. Seine klare Kinderstimme klingt aus dem Off, erzählt von den "Eechen" und Pappeln der Kindheit, während der erwachsene Mann auf dem Boden der leeren, gleißend weißen Bühne liegt. Hier, in seinem (Nach)Denkraum mit Schreibmaschine, kramt dieser Esau Matt, Alter Ego des Schriftstellers Erwin Strittmatter, in seinen Erinnerungen. Dabei reflektiert er zugleich, ob und wie er sich die Vergangenheit "zurechte" sieht. Er benennt "die Furcht, die mir die Eltern einsenkten, dass meine Existenz allein vom Wohlwollen meiner Mitmenschen abhinge", und begeistert sich für das Schreiben und Dichten. Wie der Schauspieler Oliver Breite (der, als er den Ole Bienkopp spielte, noch Oliver Bäßler hieß und nun mit dem Namen seiner Kinder nach Cottbus zurück kehrte), diesen Esau in dessen ihn bis zum Zerreißen belebenden Erinnerungsvorgang wirft, wie er Esau seine Sätze durchschmecken und seine Gefühle, so beweglich wie bewegt, mit ganzem Körper durchleben lässt, das zieht den Zuschauer sofort in den Bann.

Merkwürdig übersteigert

Regisseur Mario Holetzeck lässt das Dorfleben der Familie immer wieder mit geballter Wucht in den Denkraum Esaus hineinkrachen. Dafür stellt er Volks- oder Gruppenbilder hinter einen Gazevorhang, dann wird dieser weggezogen, und für das Vor-Spiel schieben sich die Requisiten herein. Der Laden mit Regalen, ein Stück Waldboden, das Schulzimmer: Gundula Martins praktisches Bühnenbild besitzt ästhetische Kraft und Klarheit. Doch leider führt das Regiekonzept, das wohl die Verdrängungsversuche Esaus bei seinen Erinnerungen durch das Ausweichen in Anekdoten verdeutlichen soll, zu einem merkwürdig biederen Wirkungsspiel. Die Figurenarrangements lösen sich meist in heftig bewegte Munterkeit auf. Da wird gerannt, getobt, geschrien, wie sich das Theater das Leben bei kleinen Leuten eben so vorstellt. Dieses merkwürdig übersteigert veräußerlichte Spiel soll realistisch sein, wirkt aber in jedem Moment wie ein Theater der falschen Haltungen und Töne und bedient mit seinen scharf ziselierten Klischees vor allem das Unterhaltungsbedürfnis der lachfreudigen Zuschauer.

Wie allerdings die ungemein präsente junge Laura Maria Hänsel das lebensfreudige Kindermädchen Hanka spielt, einfach und liebevoll direkt, das zeigt, wie man eine Figur auch aus sich heraus leben lassen kann. Dagegen wird selbst der vom Krieg verstörte Heimkehrer Phile (angenehm zurückhaltend: Thomas Harms), ausgestattet mit einer Tuba, zur komischen Figur. Sicher, die Cottbuser Schauspieler sind durchaus virtuos als Eindeutigkeitsfiguren. Kai Börner als dickbäuchige Karikatur eines Dorfschullehrers mit Rohrstockzwang, Gunnar Golkowski in vielen Rollen, darunter als Baron, der auf einem großen Schimmel (wow, welch auftrumpfender Effekt (!) auf die Bühne reitet, und Oliver Seidel vor allem in seiner Vertreter-Rolle, in der er Mutter Matt mit erotischer Anzüglichkeit allerlei Waren aufschwatzt. Die Mutter (aufgekratzt: Susann Thiede), energisch und schlicht, beherrscht taktische Ohnmachtsanfälle, während der Vater (zappelig: Amadeus Gollner) sich in Geldstreitereien mit seiner Frau und dem Großvater (Michael Becker als schmunzeliger Sorbe und Kreditgeber der Familie) vertobt.

Nur ein Stichwort

Sie alle spielen souverän, und doch nervt ihr ihr hochgetuntes Veräußerlichungsspiel. Das immer mal wieder, in mechanischem bis unfreiwillig komischem Vorgang, angehalten wird. Worauf, Spot an und auf Esau, dieser vor das Publikum tritt und das Geschehen aus späterer Sicht reflektiert. Wobei er auch anspielt auf die von Strittmatter verheimlichte Tätigkeit als Ordnungspolizist in einer der Waffen-SS unterstellten Einheit, indem er mit Goethe über das Verhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit nachdenkend, gefragt wird und fragt: Wer bist du, was hast du anderen Menschen mitgeteilt?

Im zweiten Teil des Abends, in dem es um erste Liebe und Schulerlebnisse auf der höheren Schule mit nationalistischem Lehrer und von Hitler begeistertem Mitschüler geht, bricht zu Beginn eine Flut von Ortsnamen aus ihm heraus. Von Orten, an denen Strittmatter als Soldat war. Was der erwachsene Esau als Strittmatters Alter Ego mit der Behauptung seiner Unschuld und der Hinwendung zum Schreiben und Dichten beantwortet. Die Implantierung der Frage nach seiner vom Autor im "Laden" verschwiegenen Kriegstätigkeit in das Stück ist durchaus ehrenwert. Leider führt sie nicht weiter, weil sie nur ein Stichwort bleiben muss, das an ein offenes Problem erinnert. Wie Dichtung und Wahrheit sich bei Strittmatter zueinander verhielten, wird sich besser untersuchen lassen in den Lesungen und Diskussionen, die im Herbst als Rahmenprogramm zur Premiere des 2. Teils der Romandramatisierung (am 14.8. mit Band 3) geplant sind. So bleiben am offenen Schluss dieses, trotz aller Versuche zur Formstrenge und trotz seiner publikumswirksamen kabarettistischen Szenen, an seinen Spielformen scheiternden Abends die Fragen für Esau weiterhin stehen: Wer bin ich? Was bin ich? Warum bin ich wieder hier". Und offene Fragen sind kein schlechter Schluss.