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| 18:23 Uhr

Wenn eine Schauspielerin durchs Leben fliegt

Lisa Schützenberger und Gunnar Golkowski verwandeln sich auf der Bühne in Medea und Jason.
Lisa Schützenberger und Gunnar Golkowski verwandeln sich auf der Bühne in Medea und Jason. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Regisseur Mario Holetzeck bringt am Samstag mit "Mamma Medea" einen hochaktuellen Stoff ins Staatstheater. Lisa Schützenberger verkörpert die berühmte griechische Sagengestalt. Eine spannende Herausforderung für die 24-Jährige in ihrer ersten Spielzeit in Cottbus. Ida Kretzschmar

Wer Lisa Schützenberger in der "Spanischen Fliege" zum Spielzeitauftakt erlebt hat, ist verblüfft: Diese blutjunge Schauspielerin hat nicht nur komödiantisches Talent. Sie vermag regelrecht zu fliegen. Dieser Eindruck verstärkt sich im Zwiegespräch. Alles an ihr ist in Bewegung. Sie spricht schnell und überlegt, mit beredter Gestik und Mimik, ihre Augen leuchten. Ein intensiver Moment und doch schon auf dem Sprung. "Ich fliege durchs Leben", sagt sie, "und muss doch jetzt meine Kräfte bündeln für diese sagenhafte Medea", ist die 24-Jährige überwältigt von dieser archaischen Rolle, die ihr Schauspieldirektor Mario Holetzeck während der Proben zur "Spanischen Fliege", ihrem Theaterdebüt, angeboten hatte. "Ist schon aufregend, so kurz nach dem Studium gleich ins kalte Wasser geworfen zu werden", sagt sie. "Ich habe mich natürlich unheimlich gefreut, weil Medea eine sehr starke Frauenfigur ist. Gleichzeitig ist das natürlich eine große Herausforderung", bekennt die 24-Jährige.

Emotional und vielschichtig

Ihr gefällt die Vielschichtigkeit dieser Rolle: "Eine Frau, die sich gegen patriarchalische Strukturen auflehnt, Rechtlosigkeit erfährt, aber sich nicht kleinkriegen lässt. Sie ist stark, aber auch unberechenbar, voller Liebe und Rachsucht", beschreibt es Lisa Schützenberger. Es ist harter Tobak und dabei sehr heutig, was da auf der Bühne, einer Versuchsanordnung gleich, mit emotionaler Wucht und formaler Strenge in Szene gesetzt wird: Bruder- und Kindermord, Vaterverrat, Flucht. . .

Erzählt wird die Begegnung zweier Menschen aus verschiedenen Kulturen, sinnlich erlebbar auch durch Videos und von sechs Musikern live gespielten Kompositionen Hans Petiths.

"Medea durchlebt eine äußerst widersprüchliche Gefühlswelt, man kommt nicht umhin, sich davon treffen zu lassen. Und ich bin sehr froh, dass Gunnar Golkowski mein Jason ist. Mit ihm kann man sich richtig hineinwerfen in die Rolle. Das braucht Vertrauen", spürt Lisa Schützenberger. Und sie schätzt auch sehr, wie Regisseur Mario Holetzeck mit den Schauspielern den mythologischen Stoff aufbereitet und darüber hinaus im Ensemble "Zusammenhalt und einen geschützten Raum schafft, in dem auch viel gelacht wird, und man Zutrauen in sich selbst gewinnt."

Im Spiel sucht die junge Schauspielerin dabei auch nach Äquivalenzen in ihrem eigenen Leben. So kennt die gebürtige Grazerin, wenn auch weitaus weniger dramatisch, das Gefühl, fremd zu sein. "Manchmal verliert man seine Wurzeln irgendwo, kann man sich selbst kein Zuhause sein, fühlt sich entfremdet", hat sie selbst schon erfahren. Im österreichischen Graz aufgewachsen, studierte sie an der dortigen Kunstuniversität die Schauspielkunst. Ein Erasmus-Studium führte sie auch an die Universität der Künste Berlin. Und sie war schon in zahlreichen Inszenierungen in Hamburg, Graz und Berlin zu sehen.

In der deutschen Hauptstadt hat sie dann ihren Freund kennengelernt. Wie das Schicksal so spielt: Der Theatermann stammt aus Graz.

Ein kleines Zuhause

"Auch wenn mir die Verbindung nach Hause sehr wichtig ist, habe ich in Cottbus nun schon ein kleines Zuhause gefunden", erzählt sie. Damit meint sie nicht nur das Schauspielensemble, das sie mit offenen Armen empfing. Auch ihre Sechser-WG in der Cottbuser Bahnhofsstraße ist ihr schon ans Herz gewachsen. In der "Spanischen Fliege" applaudierten ihre Mitbewohner in der ersten Zuschauerreihe.

"Für mich fühlt sich also die Theaterluft in Cottbus gar nicht mehr so fremd an", sagt sie. Es ist der Spaß am Spiel, den sie mit den anderen teilt, der sie immer wieder fliegen lässt, wohl wissend, dass man den Moment nicht festhalten kann, es immer wieder von vorn beginnt. Und so hält sie nicht nur die Medea in Bewegung. Ihre Träume aber lässt sie noch nicht zu hoch hinausfliegen. Eine Rolle spukt aber doch in ihrem Kopf herum: Franz Moor aus Friedrich Schillers Drama "Die Räuber" würde sie gern einmal spielen. Die Männerrolle hat ihr Glück gebracht beim Vorsprechen am Staatstheater Cottbus. Mit dem Bösewicht ist ihr immerhin ihr erstes Theaterengagement zugeflogen.

Karten für die Premiere und die nächsten Vorstellungen am 25. Januar, 8. Februar und 2. März (jeweils 19.30 Uhr) im Besucherservice, Ticket-Telefon: 0355/ 78242424 sowie

www.staatstheater-cottbus.de

Zum Thema:
Der belgische Autor Tom Lanoye hat für sein Stück die Medea-Sage aufgegriffen, sie im Kontext der Gegenwart bearbeitet und den Geschlechterkampf zwischen Medea und Jason ins Extrem getrieben. Die junge Königstochter Medea lebt in Kolchis, wo sie berühmt ist für ihre magischen Kräfte. Als die Argonauten aus dem fernen Griechenland unter Jasons Führung ankommen, um das legendäre Goldene Vlies zurückzuholen, verändert sich für sie alles. Sie verliebt sich in den fremden Abenteurer, muss ihre Heimat verlassen und flieht mit Jasons Hilfe. Jahre später lebt sie mit ihm im griechischen Korinth als Mutter zweier Söhne. Hier aber ist sie fremd geblieben. Nun will Jason die Tochter des hiesigen Königs heiraten. Verzweifelt und wütend sucht Medea nach Wegen, ihn nicht endgültig zu verlieren.