Zwei Dinge vorneweg: Georg Schramm ist ein kluger, hervorragender Kabarettist. Selbst seine zur Auflockerung eingestreuten schlichteren Pointen führen meist auf überraschende und raffinierte Wege. Die Bühnenpersönlichkeiten, in deren Jacken er schlüpft, sind komplexe, schauspielerisch fein austarierte Charaktere und nicht bloß Klischeefiguren. Noch wichtiger: Es gibt überhaupt keinen Anlass, ihm irgendwelche politisch bedenklichen Ansichten zu unterstellen. So.

Mulmig machte das Kabarettprogramm "Meister Yodas Ende - Über die Zweckentfremdung der Demenz" am Montag an der ausverkauften Neuen Bühne Senftenberg aber schon, und um die Gründe für dieses mulmige Gefühl soll es hier gehen.

Da gab es vor allem diesen Erzählfaden, in dem Georg Schramm das Bankunternehmen Goldman Sachs und speziell dessen ehemaligen Manager und heutigen Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, zu Inkarnationen des Bösen erklärte. In dem Zusammenhang kam er auf die Rolle der Geldverleiher in früheren Zeiten zu sprechen, als sie zwar ebenfalls schon von den Herrschenden gebraucht, aber noch mit allgemeiner gesellschaftlicher Verachtung bedacht worden seien. Und weil man als Zuhörer weiß, dass diese einst verächtliche Rolle oft Juden zufiel und auch Goldman Sachs von einem deutsch-jüdischen Auswanderer gegründet wurde, fragte man sich alarmiert: Wie will Schramm von hier aus die Kurve kriegen vorbei an all der scheußlichen, von den Nazis auf die massenmörderische Spitze getriebenen Propaganda über die angebliche jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung? Wird Schramm gleich seinem Publikum erklären, dass Kritik an der undurchsichtigen Macht der Finanzmärkte berechtigt und notwendig ist, dass es sich die Funktionsweise dieser Märkte aber besser mit kühler Analyse bewusst machen und mögliche Alternativen oder Verbesserungsmöglichkeiten überlegen sollte, statt die Vertreter dieser Branche mit dumpfen, selbstgerechten und zu nichts Gutem führenden Hassgefühlen zu überziehen? Leider kam dann nichts dergleichen, die fatale historische Verbindung von Antikapitalismus und Antisemitismus, die sich an dieser Stelle aufdrängte, wurde von ihm ignoriert. Wieso, blieb unverständlich.

In einem vorausgehenden Programmteil, als Georg Schramm in der Rolle des Rentners Lothar Dombrowski sein Publikum fragte, ob man nicht zusammenlegen wolle, um einen Auftragsmord an Josef Ackermann, dem ehemaligen Chef der Deutschen Bank, zu finanzieren, war noch klar gewesen, dass hier ein Spiel mit dem Ungeheuerlichen getrieben wird. In der frivolen Verbindung eines guten und eines schlechten Gedankens - soziale Probleme erfordern gemeinsame Lösungen, aber die stammtischlüsterne Tötung von Herrn Ackermann ist gewiss nicht diese Lösung - lag gerade der Witz. Diese Durchdachtheit ließ dagegen die spätere Tirade über die verachteten Geldverleiher leider vermissen.

An einer anderen mulmigen Stelle sagte Georg Schramm in seiner zweiten Paraderolle als Oberstleutnant Sanftleben: "Verglichen mit dem Zweiten Weltkrieg ist der Krieg in Afghanistan ein Kindergeburtstag." Inhaltlich lässt sich dieser sarkastisch zugespitzte Satz als zutreffend bezeichnen. Merkwürdig war nur, dass es dazu spontanen Szenenapplaus gab. Warum haben jene Zuschauer wohl geklatscht? Weil hier jemand in Erinnerung rief, wie schlimm der Weltkrieg war, und wie froh wir sein sollten, dass er vorbei ist? Oder weil die Lage in Afghanistan im Vergleich dazu so gut ist?

Oder haben Zuschauer den Satz so verstanden, dass die Soldatengeneration von 1939 bis 1945 im Vergleich zu der heutigen viel Schlimmeres durchgestanden habe und diese vermeintliche Leistung entsprechend gewürdigt gehöre? So oder so: Applaus war bei diesem Satz eigentlich fehl am Platze. Natürlich kann Georg Schramm nichts dafür, wenn jemand an der falschen Stelle klatscht. Aber der Theaterbesuch vermittelte den Eindruck, dass Kabarett nicht nur der humorvoll-kritischen Aufklärung über politische Zusammenhänge dient, sondern sich dabei auch allerlei ungute und undurchdachte Ressentiments Luft machen, sei es beim Auftretenden oder bei den Zuhörern.

Richtig gut und applauswürdig war dagegen der Hinweis des Oberstleutnants, dass - wenn man schon Krieg führt - die versäumte Verhinderung des Massakers von Srebrenica eine gute Gelegenheit für "militante Humanität" gewesen wäre. Das war der richtige Weg vom Witz zur geistigen Klarheit.