"Don't Come Knocking!" warnt ein schäbiges Pappschild im Wohnwagen des alternden Westernhelden Howard Spence. Doch Spence ist weg: In rasendem Galopp flieht er vom Schauplatz einer Billigproduktion und sucht einen Ausweg aus dem kaputten Leben, das er Jahrzehnte lang verantwortungs- und bindungslos geführt hat.
Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach familiärem Halt - und gleichzeitig die Angst davor: Für Wenders ist das "eines der wichtigsten Themen, das die Menschen auf der ganzen Welt beschäftigt". Für den selbst kinderlosen Regisseur ist es "Tatsache, dass man Familie und Liebe vermisst, weil man immer davor weggelaufen ist". Wie einer dieser ewigen Wegläufer versucht, seine Familie und Kinder, die er irgendwann gezeugt hat, wiederzufinden, erzählt Wenders (59) in tragikomischem Ton und wundervollen Bildern.
Der gebürtige Düsseldorfer hat "Don't Come Knocking" wieder in seiner Wahlheimat Amerika gedreht. Das Drehbuch von Sam Shepard verbindet trockenen Witz mit großen dramatischen Szenen. "Die Charaktere sind die Story", betonte Wenders in Cannes. Nur leider lenken ein paar Nebenstorys zuviel - wie ein neurotischer Versicherungsdetektiv auf der Fährte von Spence - vom dichten, schönen Kern der Geschichte ab.
Shepard selbst spielt den Cowboy in der Lebenskrise. Irgendwann hat er die Nase voll von Kokain, Affären, Alkohol und Einsamkeit. Er findet den Weg zu seiner Mutter (Eva Marie Saint), die der plötzlichen Rückkehr des verlorenen Sohnes ziemlich cool begegnet. Kein Vorwurf, keine Tränen, das Kapitel scheint für sie abgeschlossen. Doch sie erzählt ihm von einer Frau, die vor langer Zeit schwanger von ihm war.
Schnell findet Spence die vergangene Liebe Doreen (gespielt von Shepards Ehefrau Jessica Lange) in einer Kleinstadt in Montana wieder. Wiederbeleben lässt sich die alte Leidenschaft nicht. Und sein fast 30 Jahre alter Sohn reagiert mit maßloser Wut auf den Mann, der ihm sein ganzes Leben lang gefehlt hat. Doch Spence ist ein harter Kerl mit Cowboyhut und Stiefeln und gibt so schnell nicht auf.
Visuell ist "Don't Come Knocking" wie geschaffen für ganz große Leinwände. Gesichter in Nahaufnahmen, Felsen in der Dämmerung, Landschaften und Städte wirken in ihren satten Farben wie gemalt, inspiriert von den Gemälden Edward Hoppers. Viele Lieblingsmotive von Wenders wie strahlend bunte Leuchtreklamen oder der Namenszug auf einem Hoteldach wiederholen sich hier. Doch der deutsche Kameramann Franz Lustig hat auch das Bekannte in einem aufregenden, eleganten Stil gedreht.
"Ich bin sehr, sehr stolz auf diesen Film", betonte Wenders in Cannes. "Das ist wahrscheinlich einer der besten Filme meines Lebens." Bleibt abzuwarten, ob es 21 Jahre nach "Paris, Texas" am Samstagabend für eine zweite Goldene Palme reicht.