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Wende-Wanderung in der Kammerbühne

Euphorie 1989 zwischen Heliumballons. Ein bisschen Geschichtsunterricht im Theatersaal der Kammerbühne.
Euphorie 1989 zwischen Heliumballons. Ein bisschen Geschichtsunterricht im Theatersaal der Kammerbühne. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Zusammen oder getrennt? Das ist die erste Frage, die sich Paare und Freunde an diesem Theaterabend stellen müssen. In sechs Gruppen wird das Publikum an verschiedene Spielstationen geführt. Am Ende werden die Zuschauer nicht alle dasselbe gesehen haben und unterschiedliche Eindrücke der vergangenen 25 Jahre in Cottbus mit nach Hause nehmen. Lydia und Daniel Schauff

Es ist wie bei einem Ausflug mit einer Reisegruppe: Bevor das "Cottbus-Projekt" in der Kammerbühne seinen Lauf nehmen kann, werden die Besucher in Gruppen eingeteilt, A bis F. Im Verlauf des Abends werden Gruppenleiter das Publikum hinter den Kulissen der Kammerbühne an verschiedene Spielorte führen, bei denen - passenderweise - auch hinter die Kulissen der Stadt Cottbus seit der Wende geblickt wird. Wer alle Szenen sehen will, muss zwei Vorstellungen besuchen.

Den Wendeherbst 1989 erleben die Zuschauer gemeinsam. Bürgerrechtler und Umweltaktivist Peter M. (Gunnar Golkowski) spricht zwischen Heliumballons, die symbolisch für all die Wünsche und Hoffnungen stehen, von den Montags-Demos in Cottbus. Von denen, die damals auf die Straße gingen, denen, die dem Staat gegenüber loyal bleiben wollten, von denen, die Gummibärchen vom Begrüßungsgeld gekauft haben. Es geht um große Erwartungen, die auch der Westen nicht erfüllen kann. Mal lustig, mal tragisch, mal bedrohlich. Ein Querschnitt dessen, was die Zuschauer später im Kleinen erleben werden.

Die Vorlage für diese kleinen Geschichten, die einzelnen Schicksale, lieferte den Machern und Regisseuren des Abends, Christiane Wiegand und Harald Fuhrmann, die Wirklichkeit. Mehr als 40 Cottbuser haben sie interviewt, sich deren Erlebnisse vor, während und nach dem Mauerfall schildern lassen.

Kaum ist die Mauer im Theatersaal gefallen, geht das Publikum getrennte Wege. Einer führt zu einer Mutter, für die es im vereinigten Deutschland keine Arbeit mehr gibt, die sich selbst bereits aufgegeben hat, während ihre Tochter sie zurück ins Leben holen will. Zu einer Journalistin, die die einstigen hohen Tiere der DDR entlarven will, die trotz handfester Drohungen nicht schweigen will, auch wenn selbst die Kollegen kaum verstehen, warum sie für ihren Kampf um Gerechtigkeit ihr Leben riskiert. Da sind Vater und Sohn, die sich noch heute darüber streiten, dass der einstige MfS-Mitarbeiter keine Reue zeigt, seine Arbeit am Cottbuser Nordrand verteidigt. Da ist der ehemalige SED-Parteisekretär, der nach einem ehrlichen Weg sucht, die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten. Und da sind die jungen Cottbuser, die sich die Frage stellen, ob sie in ihrer Heimat bleiben wollen oder sie verlassen möchten.

Es sind viele Blickwinkel, die Christiane Wiegand und Harald Fuhrmann in ihrem Cottbus-Projekt öffnen. Einige davon sind überraschend, alle sehr ehrlich, manche positiv, manche negativ, manche sogar amüsant. "Der Atem der Heimat ist sehr lang", sagt Alex (Michael von Bennigsen), während er mit Larissa (Lucie Thiede) rappend über die Stadt philosophiert. Wer geht, kommt oft wieder zurück.

Der 26-jährige Thomas Jainz, der diesen Abend mit Spannung verfolgt hat, bestätigt das, erzählt: "Wir sind kurz nach der Wende nach Baden-Württemberg gezogen. Jetzt bin ich seit mittlerweile zehn Jahren wieder in Cottbus, studiere hier." Beeindruckt war der 26-Jährige von der Wut und Enttäuschung, die Jochen Palteschek in der Rolle des Sohnes seinem Vater entgegenbringt, als er ihn voller Pathos eindringlich davon zu überzeugen versucht, dass das, was er in der DDR getan hat, Unrecht war.

Ein interessantes Stück, nicht nur für Cottbuser, sagt auch Sascha Kahle, der vor allem den Schluss des Stücks lobt. Die Zuschauer kommen nach ihrer Wanderung durch die Kammerbühne wieder zusammen, um gemeinsam mit dem gesamten Ensemble die Zukunft der Stadt zu erleben - den Ostsee, der so viel Flair in die einst staubige Lausitzmetropole bringen wird, aber auch den fortschreitenden Wegzug aller, die es noch lange hier ausgehalten haben.

Der große Höhepunkt des Cottbus-Projekt ist die Pause, die die Kammerbühnen-Wanderer in der Mokkabar verbringen. Dort wird nicht gespielt, sondern geredet. Künstler und Sozialarbeiter Martin Jainz und die Kenianerin Monica Ooro erzählen ganz persönliche Geschichten über ihre unterschiedlichen Heimaten, ihre Liebe zu Cottbus. Schaukästen zeigen Erinnerungen aus dem Leben der beiden unterschiedlichen Cottbuser mit den so verschiedenen Hintergründen. Spätestens hier wird die schwere Wendegeschichte zu einem bunten und leichten Erlebnis für die Zuschauer, die ganz plötzlich zu Mitwirkenden des Projekts werden. Wie gut, dass alle sechs Reisegruppen den Abstecher in die Mokkabar machen.

Es ist ein Experiment, das Harald Fuhrmann und Christiane Wiegand mit dem Cottbus-Projekt in die Kammerbühne bringen, das mitunter nicht mit Pathos spart. Aber auch Pathos ist wohl ein Teil der Wendegeschichte. Insofern: Experiment geglückt.

Aufführungen: 21., 23., 24., 25., 28., 29., 30. April und 2., 3., 5. Mai, 19.30 Uhr, 26. April, 19 Uhr.