Spätestens im 19. Jahrhundert wollten viele Menschen nur noch das für wirklich halten, was sie mit eigenen Augen sehen konnten: Positivismus wird diese Geisteshaltung genannt. Damals wurde die Fotografie erfunden. Sie sollte etwas erreichen, was der realistischen Malerei nie ganz geglückt ist: die Welt exakt so abbilden, wie Menschen sie sehen. Bis heute wird fotografisch erzeugten Bildern mitunter Beweiskraft zugetraut.

Den Avantgarde-Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts war dieser Realismus-Begriff zu eng. Sie schufen Bilder, die mit alltäglichen Sehgewohnheiten brachen. Auch diese zeigten in ihren Augen Wirklichkeit. Wie in der Malerei wurde in der Fotografie nach neuen Darstellungsformen gesucht.

Die BASF zeigt in ihrem Kulturhaus in Schwarzheide (Landkreis Oberspreewald-Lausitz) Werke von insgesamt 21 internationalen Fotokünstlern. Darunter sind berühmte Foto-Pioniere wie Man Ray, El Lissitzky oder László Moholy-Nagy ebenso wie zeitgenössische Künstler, die an deren Erbe anknüpfen: etwa Floris Neusüss und seine Schüler der 1972 gegründeten Klasse für Experimentelle Fotografie an der Kunsthochschule Kassel. Auch Pablo Picasso, vor allem als Maler und Bildhauer bekannt, hat sich mit dem neuen Medium Fotografie beschäftigt, einige seiner Arbeiten sind ebenfalls ausgestellt.

Was alle Exponate charakterisiert, ist die Einbeziehung des Unbekannten, Experimentellen und Zufälligen. Als Mittel der Verfremdung dienen unter anderem Doppelbelichtungen, Fotomontagen, Spiegel- und Mikroskop-Aufnahmen. Oder die Künstler verwenden statt einer Kamera lichtempfindliches Papier, auf dem sie alltägliche Objekte wie Papierstreifen, Eier oder Streichhölzer zu "Fotogrammen" arrangierten. Manchmal sind diese Gegenstände wiederzuerkennen, manchmal erscheinen sie bloß als abstrakte Formen. Selbst wenn ganz realistisch Menschen abgebildet sind, wie bei einigen Porträt- und Aktaufnahmen Man Rays, stehen Phänomene von Licht und Schatten im Vordergrund. Fotografien sind hier nicht nur in technischer, sondern auch in künstlerischer Hinsicht: Lichtbilder.

In den Werken der Nachkriegszeit kommt die Farbfotografie ins Spiel, später dann auch die Digitaltechnik. Mit deren unbegrenzten Möglichkeiten der Verfremdung und Nachbearbeitung büßt die experimentelle Fotografie allerdings den magischen Charme des Unbekannten und Zufälligen ein. Seitdem jedermann Bilder mittels Software wie Fotoshop oder Gimp verändern kann, schwindet auch der ursprüngliche Glaube an die Beweiskraft von Fotografien.

Zur Ausstellung gehört ein kleines Labor mit Fotokopierer, Fotokamera und Computer. Dort können die Besucher die Arbeitstechniken der Künstler selbst ausprobieren: mit der Hand wie Man Ray oder per Mausklick.

Experimentelle Wirklichkeiten. Von Man Ray bis Floris Neusüss. BASF Schwarzheide GmbH, Schipkauer Straße 1, 01987 Schwarzheide. Bis 1. Juli. Geöffnet täglich von 12 bis 18 Uhr.