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Weil es so magisch klingt wie Mutabor

Es steht noch. Treffen nach 23 Jahren am Wort: Reinhard Bareinz, Annett Glöckner und Renate Marschall (v. l.).
Es steht noch. Treffen nach 23 Jahren am Wort: Reinhard Bareinz, Annett Glöckner und Renate Marschall (v. l.). FOTO: Hilbert
Voller Begeisterung ist Annett Glöckner über die Wiese gestiefelt zu ihrem Wort. Sie freut sich, wie gut ihr "Lacoma" noch aussieht nach all den Jahren, und dass die Vögel offenbar das letzte "a" als Aussichtspunkt bevorzugen. mar1

Wenn Sie heute, nach über 20 Jahren, vor dem Schriftzug stehen - was empfinden Sie?
Ich habe Freude empfunden und auch Stolz. Ich denke immer noch, es ist eine gelungene Skulptur, die für mich sehr viel mit zurück in die Heimat zu tun hat. Ich bin ja 1985 ausgereist aus der DDR, habe dann ab 1986 an der Hochschule der Künste in Westberlin studiert und bin nach der Wende zurückgekommen in den Osten. Stolz bin ich vor allem darauf, dass ich das mit der Baggerbrigade gemeinsam gebaut habe, dass es so ein großes, fettes Ding geworden ist, das da schon so lange steht.

Dieses Wortes wegen sind Sie zurückgekommen?
Nein. Ich wollte zurück in den Osten, in den Prenzlauer Berg, zu meinen Freunden. Und auch das Land hat mich interessiert.

Warum haben Sie ausgerechnet den Tagebau als Diplomthema gewählt?
So ganz genau weiß ich das gar nicht mehr. Vielleicht hat es damit zu tun, dass familiär die Kohle immer eine Rolle gespielt hat, mit aller Ambivalenz. Ich bin in der Kohleregion Borna bei Leipzig geboren, wir hatten ein Haus, das wurde zwangsenteignet, aber dann gar nicht abgebaggert. Die Familie hat immer sehr sauer darüber gesprochen. Mein Opa hatte das Haus gebaut. Aber die arbeiteten auch in der Braunkohle und mochten ihre Jobs. Meine Oma saß lange in der Pförtnerloge im Kraftwerk Thierbach. Meine Mutter war Sekretärin in einem der Betriebe, die das Kraftwerk Jänschwalde aufbauten. Wir lebten im Arbeiterwohnheim in Guben, allerdings in einer richtigen Wohnung.

War das nicht schwierig?
Nee, ich mochte das, das ist wie in "Franziska Linkerhand". Du guckst aus dem Fenster auf eine riesige Brachfläche, Bauteile liegen rum, jeden Tag sieht es anders aus, ein neuer Wohnblock entsteht. So war das damals in der Obersprucke. Das ist meine Heimat, so bin ich sozialisiert.

Wie war das erste Zusammentreffen mit Ihrer Brigade, was haben die Männer gesagt?
Die haben mich nicht für voll genommen, die waren amüsiert. "So, so, Künstlerin - und kommst jetzt jeden Tag?" Gekriegt habe ich sie erst allmählich. Ich bin so 'ne Plaudertasche. Man merkt mir dann aber an, dass ich es verdammt ernst meine. Ich musste auch immer pünktlich sein. Dann haben sie die ersten Buchstaben mitgebaut. Von dem "m" hatte ich erzählt, dass ich gern Bagger schaufeln dafür verwenden wollte. Als ich nach dem Wochenende wieder zur Arbeit kam, hatten sie die Schaufeln schon hingestellt. Da wusste ich, jetzt denken sie mit. Aber es gab auch Durststrecken. Als sie wussten, dass sie arbeitslos werden, haben sie mich erst mal hängen lassen.

Wissen Sie noch, welcher Buchstabe aus welchen Baggerteilen ist?
Das "o" aus Motoren- und Getriebeverkleidungen, die beiden "a" auch, zum Teil sind da auch Radkappen verbaut. Das "L" ist die Schurre, und für das "m" haben wir eben zwei Eimer verbunden.

Warum überhaupt Lacoma, und warum habt Ihr es mit "c" geschrieben?
Ich kannte es nur mit "c". So stand es damals auf dem Ortsschild. Das Wort habe ich lange gesucht. Ich glaube, ich habe es vor allem genommen, weil es so schön klingt, es hat was Magisches. Wie das Zauberwort Mutabor, im Kalif Storch. Die Leute hier in der Gegend wissen zudem mit Lacoma etwas anzufangen.

Der demontierte Bagger, der in einem Kunstobjekt weiterlebt und dann ausgerechnet in dem Wort Lacoma, das sinnbildlich für so viele weggebaggerte Lebensorte in der Lausitz steht - was sehen Sie darin?
Braunkohle ist ja ein vielschichtiges Thema, es gibt viele Betroffene - die Anwohner, die Umweltschützer, die Arbeiter, die Umgesiedelten, die Künstler. Es sind nicht nur die Dörfer in dem Wort und Lakoma selbst mit den Teichen und den seltenen Vogelarten darin, sondern auch die Männer aus der Brigade, von denen mir viele gesagt haben, "ich finde es gut, dass wir das gemacht haben, dass jetzt was bleibt".

Wissen Sie, was aus den Männern geworden ist?
Leider hat sich auch auf den Zeitungsartikel nur einer gemeldet.

Und wie ist es Ihnen ergangen? Wie sieht es mit der Liebe und wie mit der Kunst aus?
Die Liebe, wie sie halt so geht - und das Leben. Jedenfalls habe ich viele Liebeslieder geschrieben und Lieder, in denen ich schildere, wie ich mich als Frau und Künstlerin in meiner jetzigen Heimat, der Prignitz, fühle.

Ich finde es schön, dass Sie immer weitergemacht haben.
Ich bin mit Leib und Seele Künstlerin, ich muss meine Empfindungen ausdrücken. Ich mache Objekte aus Fundstücken, verwittert, mit Gebrauchsspuren, auf die ich Worte oder Zeilen schreibe. Ich habe sie eine Weile um mich und weiß irgendwann, welcher Text zu ihnen passt.

Oder Sie schreiben Literatur in die Landschaft.
Das habe ich jetzt in Kyritz gemacht, den Hörbe-Literaturpfad. Am See, auf der Insel im See, in der Stadt und in der Bibliothek habe ich Textpassagen aus Ottfried Preußlers Kinderbuch "Hörbe mit dem großen Hut" auf Holz, Papier und Metall geschrieben. Ich habe auch mit vielen verschiedenen Leuten Musik gemacht. . .

. . . und ziemlich professionell Flamenco getanzt.
Als ich anfing zu studieren, war in der Uni an der Wandzeitung ein Zettel: Spanierin gibt Flamenco-Unterricht. Tanzen war immer meins, auch im Disko-Keller "Universum" in Guben. Ja also, ich bin da hin, habe Feuer gefangen, in zwei, drei Jahren konnte ich auftreten. Mit mehreren Gitarristen und Tänzern haben wir eine Band gegründet "Viva la Fiesta!". Damit habe ich lange meine Brötchen verdient - auch indem ich Kurse gegeben habe. Irgendwann war mir dann aber das Singen wichtiger, das Verbinden verschiedener Musikrichtungen.

Aber auch immer wieder Kunst im öffentlichen Raum?
Ja, das mache ich sehr gerne. Ich freue mich gerade auf die Kunstaktion "Verborgene Höfe" der Stadt Kyritz am 3. Oktober, wo einheimische Künstler ihre Arbeiten zeigen. Ich werde an die Giebelwand eines schönen alten Hauses ein Gedicht schreiben. Einige Zeilen stammen von einer Schülerin aus der 4. Klasse "Ich möchte gern wie ein Vogel fliegen, doch leider kann ich keine Flügel kriegen, ich möchte gern wie ein Ball mich drehen und alles verschwommen sehen." 2016 will die Galerie am Bollwerk in Neuruppin ein großes Energieprojekt machen. Sie haben auch mich gefragt und fanden, Braunkohle wäre mein Thema.

Ihre Internetadresse heißt "windlieder", wo erhaschen Sie die?
Es gibt so Orte, da liegt Poesie in der Luft. Da kann man Lieder fangen. Für mich ist dieser Ort ein Berg, auf dem immer ein bisschen Wind weht, mit dem die Lieder kommen. Und manchmal auch die Liebe.

Hätten Sie noch mal Lust auf Tagebau?
Ja. Wo ich jetzt wieder bei dem Wort war, das Video mit der Brigade, das ja Teil meines Meisterschülerabschlusses an der Kunsthochschule war, vielleicht im Kunstmuseum Dieselkraftwerk gezeigt wird, ist auch die Lust da. Vielleicht könnte es was im Renaturierungsgebiet und vielleicht mit einer Schulklasse sein.

Mit Annett Glöckner

sprach Renate Marschall