ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:45 Uhr

Vor der Premiere
Geiz ist Weihnachten gar nicht geil

Senftenberg. Mit Andrea Eisensee vor der Premiere in die Theaterwerkstätten der Neuen Bühne Senftenberg geschaut. Von Heidrun Seidel

Von Heidrun Seidel

SENFTENBERG Durch die Werkstätten der Neuen Bühne Senftenberg weht ein Hauch von Weihnachten. Zwar riecht es nicht nach Zimt oder Bratäpfeln, und auch von beschaulicher Ruhe ist nichts zu spüren. Doch es wird gesägt und gehämmert, geschraubt, genäht und gemalt. Es ist höchste Zeit für die Kulissen und Kostüme des traditionellen Weihnachtsmärchens des Senftenberger Theaters, auf das sich Kinder mit Eltern und Großeltern aus der ganzen Region immer wieder freuen. Nach „Aladins Wunderlampe“ 2017 führt die Märchenweltreise in diesem Jahr nach London. „Die Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens steht auf dem Spielplan.

Es ist die Geschichte von Ebenezer Scrooge, ein Geiz-ist-geil-Typ des 19. Jahrhunderts. Für ihn zählt nur Geld. Mit der heimeligen Weihnachtszeit weiß er nichts anzufangen. Vorfreude hält er für Gefühlsduselei. Mit herzloser Härte begegnet er auch seinen Mitmenschen. Bis ihm in einer Adventsnacht sein verstorbener Freund Marley erscheint und ihn warnt, dass er, wenn er sich nicht ändert, in schweren Ketten durch die Ewigkeit geistern muss. Drei gute Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht helfen ihm nun auf die Sprünge, so dass aus ihm doch noch ein besserer Mensch werden könnte.

Schwebende Geister, Traumwelten neben ganz irdischen Orten – das viel gelesene und oft verfilmte englische Weihnachtsmärchen, als „ A Christmas Carol“ 1843 erstmals veröffentlicht, fordert Theatermacher heraus.

Andrea Eisensee schreckt das nicht. Es reizt sie. Als Bühnen- und Kostümbildnerin ist sie für die visuelle Gestaltung des Raumes, in dem ein Stück angesiedelt ist, und der handelnden Personen zuständig. Schon seit Februar beschäftigt sie die Weihnachtsgeschichte. Sie hat gelesen, wie der Autor Philipp Löhle das Buch von Charles Dickens in ein Stück gefasst hat, sich mit dem Regisseur Alejandro Quintana, der durch seine Arbeiten besonders den Cottbuser Theaterbesuchern gut bekannt ist, beraten und „sich in die Zeit reingekniet und viel recherchiert“. Dann entstanden erste Entwürfe, die sich an dem von der Theaterleitung geplanten Budget und an den baulichen Bedingungen auf der Senftenberger Bühne orientieren. Das alles ist noch vorm Sommer in der vorangegangenen Spielzeit passiert – ein lang geplanter, aufwendiger und klar strukturierter Prozess, ehe die Theaterklingel am 23. November zur ersten Vorstellung rufen kann.

So richtig los ging es in Tischlerei, Malsaal oder Schneiderei schließlich erst Ende September, nach der Premiere des aufwendigen Stürme-Spektakels zum Spielzeit-Auftakt, für das die kleine Mannschaft in den Werkstätten der Neuen Bühne alle Hände voll zu tun hatte.

Jetzt im November, einige Tage vor den Endproben der Schauspieler, sind Kulissen und Kostüme nun fast fertig. Andrea Eisensee begutachtet im Malsaal die 4,50 Meter hohen Wände für die Bühne. Wie ein Vorhang werden sie auf die „Weihnachtsgeschichte“ einstimmen und stets den Rahmen fürs Spiel bieten. Da blicken die Zuschauer in eine winterliche Straße, wie sie wohl in London im Viktorianischen Zeitalter am Ausgang des 19. Jahrhundert zu erleben war: dicht an dicht reihen sich Bürgerhäuser, an deren Fassaden hier und da Eiszapfen gewachsen sind. Funzelige Gaslaternen versuchen Licht in die Dämmerung zu bringen. Kutschen und Fuhrwerke scheinen über die vom Schnee bedeckte Straße zu holpern. Menschen eilen oder bummeln, verweilen vor Schaufenstern oder im Gespräch. „Ich möchte die Zuschauer, vor allem die Kinder, gleich von Beginn an in eine andere Zeit und eine andere Welt entführen“, sagt die Ausstatterin Andrea Eisensee. „Das ist das, was Theater für mich ausmacht: bezaubern.“

Für die beiden Theatermalerinnen Gesine Wolf-Bergk und Stephanie Pfeiffer gibt es da ordentlich zu tun. Neben dem riesigen Bild ist auch noch das düstere Kontor des von der Jagd nach Geld zerfressenen Ebenezer Scrooge herzurichten – und dessen wundersame Verwandlung in ein freundliches Zimmer. „Ja, es ist noch viel Arbeit“, sagt Gesine Wolf-Bergk, während sie sich mit schwarzem Schwamm an einem Schrank zu schaffen macht. „Aber das Weihnachtsmärchen macht auch immer Spaß, und ist für uns etwas Besonderes. Ist die Farbe so richtig“, will sie noch schnell von der Ausstatterin wissen. Die nickt zufrieden lächelnd, und da stehen auch schon Patrick Schumacher und Andreas Jennrich aus der Tischlerei bei ihr. „Soll Plexiglas in die Fenster?“ Die beiden bauen gerade kleine Häuschen für eine Szene, in der Scrooge, für den Weihnachten nur Humbug ist, vom Geist der vergangenen Weihnacht in seine Kindheit entführt wird.

In der Schneiderei arbeiten die Gewandmeisterinnen Karin Laïd und Cornelia Weise mit ihren drei Schneiderinnen unermüdlich an den Kostümen. „Wir haben im Fundus nach Biedermeier-Kleidung gesucht – und erstaunlich viel gefunden“, freut sich Andrea Eisensee. Manches hat etliche Jahrzehnte auf dem Buckel und schon die notwendige Patina angesetzt. Für das Stück, in dem auch die Armut vieler Menschen jener Jahre sichtbar sein soll, genau richtig. Die Fundus-Kostüme sparen Kosten beim Material, Arbeit allerdings nicht. „Sie müssen alle zerlegt und aufgearbeitet werden, passend für die jeweiligen Schauspieler“, beschreibt Karin Laïd. Bei mehr als 20 Kostümen mit unzähligen Einzelteilen von Hose, Weste, Hemd, Rock, Umhang oder üppigen Unterröcken ist da viel Kleinarbeit im kleinen Team gefragt.

Andrea Eisensee ist zufrieden: Die vielen Puzzleteile, mit Leidenschaft und Engagement in den Werkstätten angefertigt, fügen sich allmählich zum erwünschten Bild. Die freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin hat bereits in vielen Theatern zwischen Luzern und Rostock, Dresden und Kiel für die Ausstattung von Bühne und Darstellern gesorgt. In Weimar geboren, hat sie zunächst Baufacharbeiterin gelernt, ist aber schließlich vom geplanten Architektur- aufs Bühnen- und Kostümbildner-Studium an der Kunsthochschule in Berlin Weißensee umgestiegen, bestärkt von einem Theaterpraktikum an der Staatsoper. Inzwischen liegen mehr als 25 Jahre erfolgreiche Arbeit hinter ihr – mit jeder Menge Erfahrungen. Viele davon hat sie auch in der Ausstattung von Kinderstücken gesammelt: So haben ihre Bühnengestaltung und Kostümentwürfe die inhaltliche Wirkung von „Pettersson und Findus“, „Pinocchio“, „Papagenos Zauberflöte“, „Michel in Lönneberga“ oder der „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und vieler anderer in Theatern quer durch die Republik unterstützt. Wie für Regisseur Alejantro Quintana ist das geisterhaft gruselige und doch emotional berührende Weihnachtsmärchen ihre erste Arbeit am Senftenberger Theater.

Info

Eine Weihnachtsgeschichte (ab 6 Jahre) von Philipp Löhle nach Charles Dickens. Premiere am Freitag, den 23. November 2018, 10 Uhr. Es folgen 39 (!) Vorstellungen, darunter sieben Termine für Familien: 8. und 12. Dezember, 15 Uhr; 16. Dezember, 14 Uhr; 21. und 25. Dezember 16 Uhr; 24. Dezember 9 und 11 Uhr. Die anderen Vorstellungen sind vor allem für Kitas und Schulen reserviert, Restkarten möglich. Tickets unter 03573 801286 an der Theaterkasse, in den Vorverkaufsstellen oder im Internet unter www.theater-senftenberg.de.