Zwei Linien dieses Festival-Jahrgangs haben mich besonders beeindruckt. Erstens die offenbar zunehmende Tendenz osteuropäischer Filmemacher, mit der Wahrnehmung zu spielen: Wo sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion? Was ist wahr? Was wir wahrnehmen? Was uns oft und laut genug gesagt wird - wie etwa gerade im US-Wahlkampf?

Ein solches Spiel treibt zum Beispiel der slowenische Regisseur iga Virc mit seinem Film "Houston, wir haben ein Problem": In den 1960er-Jahren machte der jugoslawische Staatsführer Josip Broz Tito angeblich einen geheimen Deal mit der Nasa. Er verkaufte sein Raumfahrtprogramm für einen Haufen Dollars an die Amerikaner. Bis die merkten, dass das Programm nicht ausgereift war. Jugoslawische Mitarbeiter des Raumfahrtprogramms mussten unter falschem Namen in die USA. In ihrer Heimat wurden sie offiziell als tot oder vermisst erklärt . . . Der Film kommt wie ein Dokumentarfilm daher - und die Frage, ob da wirklich was dran war oder nicht, bleibt im Raum.

Oder "Verloren in München" des in Cottbus wohlbekannten tschechischen Regisseurs Petr Zelenka ("Die Knöpfler", "Das Jahr des Teufels"). Als Édouard Daladier, Neville Chamberlain, Adolf Hitler und Benito Mussolini im September 1938 das Münchner Abkommen unterzeichneten, nach dem das Sudetenland dem Deutschen Reich angegliedert wurde, wussten sie nicht, dass Daladiers Papagei ganz Ohr ist. 70 Jahre später wird der gesprächige Vogel in Prag von dem Journalisten Pavel Liehm entführt und ein Medienstar. Wieder ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion, am Schluss ist nicht mal sicher, ob es den ganzen Film überhaupt gegeben hat.

"Verloren in München" ist in der Reihe "Nationale Hits" bei diesem Festival gelaufen, aber von seinem geschichtlichen Ansatz her eine Art Bindeglied zur Specials-Reihe "Spuren suchen Spuren suchen: deutsch-tschechisch-polnische Geschichte(n) im Wandel". Diese Reihe - die zweite so beeindruckende Linie dieses Festivals - greift die zunehmenden Bemühungen polnischer und tschechischer Filmemacher auf, die Aussiedlungen von Menschen als Folge der Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges zu beleuchten.

Diesem Anliegen folgt der polnische Regisseur Wojtek Smarzowski mit großer Härte und Konsequenz. Sein Film "Rose" beginnt im Sommer 1945 in den Masuren. Der Krieg ist zwar vorbei, aber Gewalt und Verbrechen gehen weiter. Die verbliebenen Deutschen und auch Polen sind der Willkür marodierender Banden, sowjetischer Soldaten und des neuen Regimes ausgeliefert. Die neuen polnischen Gebiete des ehemaligen Ostpreußens werden "repatriiert". Wer polnisch spricht und sich als Pole bekennt, erhält mit der Auflage des Nichtgebrauchs der deutschen Sprache und der Ablegung deutscher Vor- und Familiennamen ein Bleiberecht. Die übrigen Bewohner Masurens werden als Deutsche eingestuft und bis auf wenige Ausnahmen vertrieben. Auch Rose, deren Mann von den Russen erschossen wurde, blüht die Vertreibung. Aber sie will kämpfen . . .

Ein verdammt schonungsloser Film, nach dem ich einen doppelten Wodka brauchte.

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