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Was interessiert mich deine Seele

"Turandot" Soojin Moon (Turandot, M.), Martin Shalita (Calaf, l.) und Andreas Jäpel (Mandarin, r.) sowie Damen und Herren des Opernchores, des Extrachores und Chorgäste.
"Turandot" Soojin Moon (Turandot, M.), Martin Shalita (Calaf, l.) und Andreas Jäpel (Mandarin, r.) sowie Damen und Herren des Opernchores, des Extrachores und Chorgäste. FOTO: M. Kross
Cottbus. Die Mitwisser werden nicht nur mund-tot gemacht. Die Steigbügelhalterin zur Macht wird kaltgestellt. Irene Constantin

Das Volk ist zum Huldigen herbeibeordert und der Duce jubelredet hoch oben ins Mikrofon. So der ungewöhnliche, eiskalte und doch kristallen logische Schluss in Martin Schülers Inszenierung von Giacomo Puccinis letzter, nicht ganz vollendeter Oper "Turandot". 1926, zwei Jahre nach dem Tod des Meisters, wurde sie an der Mailänder Scala uraufgeführt, vollendet von Puccinis Schüler Franco Alfano. Mussolini wurde schon 1922 Chef des italienischen Regierungskabinetts. Der ganze chinesische Mumpitz landet in Schülers Inszenierung letztlich auf dem Sperrmüll. Die modernen Zeiten sind angebrochen, und man darf ahnen, die 26 Heiratskandidaten-Opfer der Prinzessin sind nur der grausige Vorgeschmack dessen, was nach der Inthronisierung des weiß uniformierten Diktators zu erwarten ist.

Ein wirklicher Sympath ist Calaf auch in der allerherkömmlichsten Inszenierung nicht. Der einzigen Frau, die in Puccinis Werk kein Opfer ist, mit dem schmierigsten Romeo-Trick auch noch den Schneid abzukaufen, hat mir noch nie gefallen. Schüler treibt es auf die Spitze nach dem im Libretto vorgegebenen, fast immer seifig überspielten Motto: Was interessiert mich deine Seele, ich will den Körper. Gefügig gemacht, in Liebe und Verlangen aufgelöst, landet Turandot auf den unteren Stufen der Himmelsleiter zur Macht.

Der Weg dahin über die ersten beiden Akte des Werkes steckt voller Opernopulenz und Witz. Für die Opulenz sind in erster Linie die grandiosen Chöre zuständig; das Staatstheater bot alles auf, was in und um Cottbus singen kann. Die Sänger konnten große ungemein eindrucksvolle Tableaus gestalten und die Kinderchöre wirkten schier engelsgleich. Man singt Staatsjubel oder Todesangst. Für den Witz der Inszenierung stehen die Minister Ping, Pang und Pong. Eigentlich stammen sie als komische Commedia-dell'arte-Figuren aus dem Theaterstück "Turandot" von Carlo Gozzi. Bei Puccini werden sie zu Ministern und bei Schüler verüben sie als bequeme Oberbürokraten im stillen Kämmerlein einen veritablen Staatsstreich, weil sie der tödlich bizarren Weiberherrschaft Turandots samt ihrem altchinesischen Brimborium überdrüssig sind. Also verraten sie Calaf die Lösungen von Turandots Rätseln. Das wird sie teuer zu stehen kommen.

Für die Titelrolle der "Turandot" braucht man eine echte Primadonna, die auch noch ein sehr modernes vielschichtiges Psycho-Spiel draufhat. Unter der harten Schale mitleidloser Unnahbarkeit - 26 tote Prinzen - muss man eine tiefe, altvernarbte Verletzung immer noch spüren können. Dazu ist sie die absolute Herrscherin. Dass eine solche Figur am Ende unter einem einzigen Kuss wachsweich wird, ist wohl eher eine Männer fantasie als einer lebenden Frau abgeschaut. Sei es drum, auch das muss eine Turandot darstellen. Soojin Moon war fast perfekt. Einen Tick mehr der inneren Erregung in der Erzählung von der Ahnfrau hätte man sich noch wünschen können. Aber vielleicht war die wohldosierte Emotionsabgabe auch Teil der Inszenierung, sozusagen Teil des altchinesischen Protokolls. Der Stimmklang war die reine Freude und die Liebesüberwältigung im letzten Akt absolut eindrucksvoll.

Über Turandot regiert der Altkaiser Altoum. Max Ruda durfte greisenstimmig mit seinen 83 Jahren noch einmal einen himmlisch grandiosen Auftritt feiern. Chapeau! Gute solide Leistungen von Ulrich Schneider als Timur. Mit sehr sonorem Bass singt er den blind umherirrenden Vater Calafs. Seine Führerin und Stütze ist Liu, die Calaf ebenso heimlich wie hingebungsvoll liebt. Debra Stanley gab ihr ein fein lyrisches, sehr mädchenhaft zurückhaltendes Profil. Der machthungrige Calaf nahm sie nicht einmal wahr. Heiko Walter, Hardy Brachmann, Dirk Kleinke waren schlicht hinreißend in ihren keineswegs kleinen Rollen als Ping, Pang, Pong. Selten sah man dieses Trio intrigal so präsent. Um als Calaf zu reüssieren, muss man vor allem die zur allgegenwärtigen Schmonzette abgenutzte Arie "Nessun dorma" ("Keiner schlafe") ohrenerweichend hinkriegen. Martin Shalita nahm sich anfangs ziemlich zurück, gestaltete diesen Gesang als intime Reflexion, wie es die Handlungslogik auch vorgibt, um dann im zweiten Teil der Arie wirklich imposant aufzudrehen. Gut gemacht. Auch alles andere dieser großen Partie konnte sich mit biegsam kräftigem italienischen Timbre wahrlich hören lassen. Auch schauspielerisch mit seinem immer zielgenaueren Heranpirschen an die Macht war Martin Shalita absolut überzeugend. Großer Abend auf Cottbuser Bühne!

Aber das wirklich überrumpelnde Erlebnis kam aus dem Graben. Evan Christ ist genau der richtige Mann für dieses Stück. Als Kenner und Liebhaber der Filmmusik hat er es bei Puccinis "Turandot" mit einem Über-Hollywood-Format zu tun und ließ sich nicht lange bitten. Das große exotische Schlagwerk wurde gehörig traktiert, helle Holzbläser gaben ihr ebenfalls fernwehes Kolorit dazu und die hohen Streicher servierten Puccini pur, sentimental und lieblich und süß schmerzlich. Dass Puccini mit diesem letzten Werk das Tor zur Moderne endlich deutlich durchschritten hatte, machte Evan Christ, wen wundert's, ebenso unüberhörbar klar. Da klangen Strauss und Debussy an, es gab harte Kontraste und kühne Harmonien und insgesamt ein mächtiges Klangerlebnis. Cottbus war restlos begeistert.