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Was einst im Osten rollte

Wolfgang Schwarz erläutert die riesige Sammlung alter Kräder im einstigen Speisesaal.
Wolfgang Schwarz erläutert die riesige Sammlung alter Kräder im einstigen Speisesaal. FOTO: Rolf Bartonek/rbt1
Strausberg. Wer sich interessiert für alte Autos und Zweiräder, die auf Ostdeutschlands Straßen rollten, wird in einem kleinen Ort bei Strausberg fündig. Etwa 180 Exemplare sind zu sehen. Rolf Bartonek / rbt1

Alte Westautos haben schon immer eine große Lobby, alte Fahrzeuge aus dem Osten haben Galina Brunner. Tief im Walde versteckt betreibt die bald 55-Jährige auf einem ehemaligen Armeegelände nördlich von Strausberg in Prötzels Ortsteil Harnekop ein Kfz-Museum. Die Sammlung, die sie gemeinsam mit ihrem 2012 verstorbenen Mann Lothar Brunner seit 1993 aufgebaut hat, umfasst rund 180 Kräder, Pkw und Lkw. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Bunker Harnekop, der ehemaligen Hauptführungsstelle des DDR-Verteidigungsministeriums.

Nach der Wende, erzählt Brunner, wollten die Leute ihre Ost-Fahrzeuge so schnell wie möglich loswerden, sie waren billig zu haben. Zudem rangierte die Armee Lkw aus sowjetischer und DDR-Produktion aus. Heute gelten die meisten davon als echte Raritäten. Ältere Lausitzer erinnern sich bestimmt an den "Pobeda" (deutsch: Sieg), der von 1946 bis 1958 in Gorki (rückbenannt in Nischni Nowgorod) gebaut wurde. Er prägte seinerzeit das Straßenbild in der Sowjetunion stärker, als es der VW-Käfer in Westdeutschland jemals vermochte. Auch in der DDR war der "Pobeda" anzutreffen.

Wie seine Nachfolger "Wolga M21" (1956-1968) und "Wolga M24" (1968-1992) spielte er als Privatauto kaum eine Rolle, wohl aber als Dienstwagen und Taxi. Bemerkenswert am M21 war, dass er nur über drei Vorwärtsgänge verfügte. Aus fast zweieinhalb Litern Hubraum holte er 70 bis 85 PS und war bis zu 130 km/h schnell.

Die Motorisierung der DDR-Bürger begann in den 50er-Jahren vor allem zweirädrig. Harnekop zeigt die einfachste Version, mit der Oma und Opa zur Arbeit fuhren: den "Hühnerschreck". Zwei dieser Fahrräder mit Hilfsmotor gehören zur Sammlung, daneben natürlich Simson-Mopeds wie "Schwalbe" und "Star", die Motorroller "Berlin" und "Troll", MZ-Kräder aus Zschopau sowie etliche der ebenfalls beliebten "Jawa"-Motorräder aus der Tschechoslowakei. Einige Maschinen stammen aus Beständen der Sowjetarmee. Bei der "Dnepr MT16" wurde sogar der Beiwagen über eine Kardanwelle mit angetrieben.

Erheblich komfortabler unterwegs waren die obersten Repräsentanten von Partei und Regierung. Davon zeugt in Brunners Sammlung der schwarze SIM (GAS-12). SED-Chef Walter Ulbricht und der einzige DDR-Präsident Wilhelm Pieck nutzten solch riesige Limousinen, von denen von 1950 bis 1960 nur etwa 20 000 Exemplare gebaut wurden. Ein SIM kostete 1954 bereits 40 000 Rubel. Nach dem vom Touristenkurs abweichenden Umrechnungssatz im Handel entsprach das 200 000 Ostmark. SIM steht für Sawod Imeni Molotowa (Werk namens Molotow) und damit auch für ein Stück Personenkult: Molotow war Stalins Außenminister. GAS bedeutet Gorkowskij Automobilnij Sawod. Der SIM besaß knapp 3,5 Liter Hubraum und brachte es mit 95 PS auf Tempo 120. Gleich neben ihm steht in Harnokop sein Nachfolger "Tschaika", mit dem Erich Honecker und seine Getreuen deutlich schneller unterwegs waren. Er verfügte über 5,5 Liter Hubraum, bis zu 220 PS und schaffte 175 km/h.

Die vierrädrige private Motorisierung der DDR-Bürger setzte in den 50er-Jahren zunächst zaghaft ein mit dem "P70" aus Zwickau, im Volksmund "Papp 70". Das war weltweit eines der ersten Autos mit Kunststoffkarosserie. Vom "P70" mit Zweitaktmotor wurden 1955 bis 1959 nur etwas über 36 000 Stück gebaut, dann folgte die lange Ära von "Trabant" und "Wartburg". Aus der Sowjetunion hinzu kamen ab den 60er-Jahren die drei "Moskwitsch"-Generationen (deutsch: Moskauer) 408, 412 und 2140, ab den 70ern der "Lada" aus Togliatti an der Wolga. Leute mit kleinerem Geldbeutel griffen zum "Saporoshez", der im ukrainischen Saporoshje vom Band lief.

Autos dieser Marken sind in Harnekop zu sehen und zum großen Teil noch fahrtüchtig, ebenso wie der riesige Armee-Lkw "Ural". Er braucht pro 100 Kilometer mindestens 100 Liter Benzin. Einige Fahrzeuge aus Harnekop haben in Filmen mitgewirkt.

Die in der Westukraine aufgewachsene Galina Brunner möchte, unterstützt von ihrem neuen Lebensgefährten Wolfgang Schwarz, zur Erhaltung des "Kfz-Park Harnekop" eine Stiftung gründen, damit noch viele Menschen sich an den alten Modellen erfreuen können. "Ich möchte die Leute glücklich machen, bei uns findet jeder sein Auto."

Die Ausstellung ist im Sommerhalbjahr an den Wochenenden ab 10 Uhr geöffnet, wochentags bitte anmelden unter: 033436-23911 oder 0176-67649109. Auch der Bunker Harnekop kann nach Voranmeldung (0171-9440304) besichtigt werden.