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| 17:43 Uhr

Preisgekrönt
Bär oder Pavian? Das ist hier die Frage

Michael Zehentner als Bär und Papa Pavian alias Friedrich Rößiger.
Michael Zehentner als Bär und Papa Pavian alias Friedrich Rößiger. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Viel beklatschte Premiere von „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ an der Neuen Bühne Senftenberg. Von Renate Marschall

Bär oder Pavian? – auf diese Frage läuft das Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“, für das Jens Raschke 2014 den Kindertheaterpreis erhielt, hinaus. Nicht so einfach zu beantworten, denn es geht nicht so sehr um Sympathie als um Haltung.

Fünf mit Koffern bepackte Menschen purzeln mehr als sie laufen die Treppe der Studiobühne an der Neuen Bühne Senftenberg hinunter. An ihnen baumeln alle möglichen Utensilien, die sich schon bald als Requisiten herausstellen. Die fünf Darsteller Anja Kunzmann, Nicole Haase (a. G.), Friedrich Rößiger, Michael Zehentner und Roland Kurzweg wechseln fast unablässig zwischen mehreren Rollen hin und her, was leicht verwirren könnte – tut es aber nicht. Dank der klaren Figurenführung durch Regisseurin Alice Asper und des klugen Textes mit erzählenden Passagen.

Auf der Bühne ein Käfig, hinter dem sich ein großer Schornstein erhebt, unschwer als Krematoriumsschornstein zu erkennen, eine Wand mit schmalen Pritschen, die, um 180 Grad gedreht, hinter der Wand verschwindet, dort, wo die Gestreiften sind – und die Gestiefelten. Letztere sieht man nicht, ihre Präsenz ergibt sich aus dem Bühnenbild (großartig gelöst von Holger Syrbe, der auch für die Kostüme zuständig ist) und aus der Haltung der Figuren. Kein Stacheldrahtzaun, keine Wachtürme. Und doch sind sie da.

Das Stück hat einen ernsten und, was den Handlungsort betrifft, authentischen Hintergrund. Der erste Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald ließ 1938 als Zerstreuung für die Familien der SS-Angehörigen und die Weimarer Bürger am Rande des KZ einen Zoo errichten. Während auf der einen Seite des Zauns die Menschen gequält und zu Tausenden umgebracht werden, geht es den Tieren gut. Vor allem, so lange sie sich wohlgefällig verhalten, was mitunter Blüten treibt – zum Vergnügen der zehn- bis zwölfjährigen Zuschauer. Dann wieder bleibt das Lachen im Halse stecken. Wenn etwa ein Lagerinsasse einfach so von einem Jungnazi erschossen wird.

Der Bär ist schuld, er macht die ganzen Viecher närrisch, befindet Papa Pavian. Der hatte bisher das Sagen: Für die Gestiefelten den Affen machen und sich raushalten. Schließlich hat man ja erlebt, was dem Nashorn geschah, weil es über den Zaun schaute. Es ist tot. Allerdings ist die Todesursache eher eine Mutmaßung, die sich am Ende des Stückes als Fake erweist. Aber das Gerücht reicht, um alle zu disziplinieren – das ängstliche Murmeltiermädchen, Herrn und Frau Mufflon, auch wenn in ihm ab und zu die Wut hochkocht, die Trauerschwäne, die sich als etwas Besseres dünken.

Ein Querschnitt der Gesellschaft. Allein der Bär, als Jungtier in Sibirien gefangen, kann den Gestank, der von der anderen Seite kommt, nicht ertragen und beginnt Fragen zu stellen. Was hat es mit den dünnen Zebrawesen auf sich. Warum gibt es hier keine Vögel, hat der stinkende Qualm sie vertrieben? Was transportieren die Gestreiften auf dem schweren Karren – an der Seite, das sah aus wie ein nackter Fuß. Papa Pavian will das nicht gefallen. „So lange die sich selbst tot- machen, kann es uns doch egal sein“, versucht er die anderen zum Wegschauen zu bewegen.

Allein der Bär, der ohnehin vor Sehnsucht nach seiner Mutter und Schwester vergeht, beschließt zu handeln. Er bezahlt den Widerstand mit dem Leben. Doch die Stunde der Befreiung naht. Das Murmeltiermädchen steht auf der Bärenburg und verspricht: Ich werde dich nicht vergessen. Wirklich? Hat sie das nicht schon einmal versprochen? Und dann waren andere Dinge wichtiger: Hunger! Oder wie Brecht sagt „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Jens Raschke erzählt die Geschichte wie eine Fabel aus der Sicht der Tiere. Schließlich gab es ja auch noch eine andere Seite des Zaunes, die nach Weimar hin, mit jeder Menge opportunistischer Paviane und Mufflons, arroganter Schwäne, naiver Murmeltiere, die offenbar das ganze Drittes Reich verpennt haben. Oder wie sollte man die Reaktion der Weimarer Bürger sonst beurteilen, die angeblich gar nicht gewusst haben, was auf dem Ettersberg passiert?

Pavian oder Bär? Die Frage begleitet die Menschen aus der Vergangenheit bis ins Heute. Eine Antwort muss jeder für sich finden.

Ein tolles Theaterstück mit großartigen Akteuren – nicht nur für junge Leute zu empfehlen.

 Nächste Vorstellung: 12. November, 10 Uhr