Sewan Latchinian ist am vergangenen Freitag mit seinem Theater rundum zufrieden gewesen - jedenfalls was die Position der Neuen Bühne Senftenberg in der auf 130 Teile angesetzten Fernsehserie „Theaterlandschaften“ betrifft: Platz 56. „Es ist uns eine Ehre und eine Freude, dass wir so ausführlich und sensibel porträtiert werden“ , ergänzt er mit breitem Lächeln.

Keine Hitliste
Schauspielerin Esther Schweins, die die Reihe seit vier Jahren im ZDftheaterkanal und 3sat präsentiert, betont im Pressegespräch, dass „es hier um keine Hitliste geht“ . „Man kommt ja gar nicht mehr an Senftenberg vorbei“ , erklärt die 36-Jährige schelmisch gegenüber der RUNDSCHAU die Wahl des Drehortes und verweist auf die Kür zum „Theater des Jahres“ im vergangenen Jahr.
Die herausgehobene Stellung des Theaterstandortes Senftenberg verdeutlicht die Aktrice unter anderem anhand einer biografischen Anekdote: „Das Erste, worauf man stößt, ist die Einwohnerzahl. Auch die badische Stadt Viernheim, wo ich aufgewachsen bin, hat so um die 20 000 Einwohner: Nur gibt es dort weder ein Kino noch ein Theater.“ Einzig Meiningen sei ein weiteres Beispiel für einen Theaterbetrieb in einer Stadt vergleichbarer Größe.
Geboren wurde Esther Schweins in Oberhausen, also mitten im Ruhrgebiet. Gefragt nach ihren Eindrücken von der einstigen Bergarbeiterstadt Senftenberg, antwortet sie: „Hier sieht es aus wie in den Vororten von Oberhausen oder Bochum, dort aber ist alles viel größer.“
ZDFtheaterkanal-Redakteurin Bettina Kasten macht deutlich, dass es in dem 30-minütigen Porträt um mehr geht als die bloße Geschichte einer der 130 deutschen Theaterbühnen. Nämlich darum, welche Wechselwirkungen zwischen einem Theater und einer Stadt bestehen: wie sie voneinander profitieren und an welchen Stellen konkrete, auch symbolische Verbindungspunkte zu erkennen sind.
Vor diesem Hintergrund benennt Regisseur Matthias Schmidt, ein ausgewiesener Kenner der Region, die „Alleinstellungsmerkmale“ des Senftenberger Kulturtempels, die sich unter anderem in der einstigen Betitelung als „Theater der Bergarbeiter“ und dem GlückAuf-Festes äußere: „Zum Amphitheater am Senftenberger See, einer unserer Drehorte, kommen die Leute im Sommer, dort zeigt man, wir sind präsent“ , berichtet er. „Man erkennt das Theater auch auf den Litfasssäulen, die uns unter anderem in einem Neubaugebiet aufgefallen sind. Auch der Hinweis auf der Stadtfahne - ,Wir sind Theaterstadt' - zeigt, dass die Stadt offenbar erkannt hat, dass sich dieses Attribut lohnt.“

Schauplätze der Symbiose
Doch neben den Schauplätzen der Symbiose, denen das Filmteam unter anderem am Bahnhof nachspürte, hätten die Kameraleute Eindrücke von den IBA-Terrassen eingefangen: Das Klischee „Braunkohle gestern und heute“ fungiere als sinnliche Einordnung für jene Fernsehzuschauer, die die einstige Energiemetropole Senftenberg nicht kennen.
Stichwort Wechselwirkung: Latchinian schlägt die Brücke zu den allseits zitierten weichen Standortfaktoren Senftenbergs und anderer Kommunen und verkündet: „Ein Theater bringt Wirtschaftskraft in die Stadt.“
Redakteurin, Moderatorin und Regisseur zeigen zustimmendes Nicken.
Wieder einmal verweist Latchinian auf die Skurrilität, „im ärmsten Landkreis Deutschlands jedes Jahr ein paar 100 000 Euro für einen Theaterbetrieb aufzutreiben“ .

Trotz mageren Budgets
Dass das finanzielle Potenzial der Neuen Bühne selbst wiederum im Vergleich zu größeren Theatern eher bescheiden ist, stellt Schmidt als Kapital dar: „Theatermacher können von der Neuen Bühne lernen, wie man unter schwierigen Bedingungen Außergewöhnliches leistet.“ Die Aufführung des Stücks „Frühlingserwachen“ habe trotz des mageren Budgets exemplarisch gezeigt, wie man die Probleme einer Region auf der Bühne verarbeitet, anstatt ausschließlich mit gefälligen Publikumshits wie auf Nummer sicher zu gehen.
Die Bühne im klassischen griechischen Sinne als Ort, „Haltungen zu entwickeln“ , „Stellung zu beziehen“ und Identität zu stiften: Genau darin liegt für Esther Schweins das Erhaltenswerte an der „einzigartigen deutschen und deutschsprachigen Theaterlandschaft“ , für die sich Bettina Kasten nach eigenem Bekunden den Status als Weltkulturerbe wünscht, um sie angesichts allgegenwärtiger Kürzungspolitik nicht vor die Wand fahren zu lassen.
Wie es in diesem Sinne um die Neue Bühne bestellt ist, erfahren die Fernsehzuschauer im März 2007 im ZDFtheaterkanal.