ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:09 Uhr

Konsequenzen aus dem Theaterstreit
Wenn der Vorhang fällt

Generalmusikdirektor Evan Alexis Christ (l) und Intendant Martin Schüler.
Generalmusikdirektor Evan Alexis Christ (l) und Intendant Martin Schüler. FOTO: Frank Hilbert, dpa, HL Boehme / LR
Cottbus. Nach RUNDSCHAU-Informationen hat Intendant Martin Schüler am Donnerstag im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus vor versammelter Mannschaft den Rücktritt von all seinen Ämtern erklärt. Damit geht einer der dienstältesten Intendanten im Osten Deutschlands. Von Ida Kretzschmar und Christian Taubert

Der Bogen war längst überspannt, der Theaterkrach außer Rand und Band geraten. Die Misstöne wurden immer lauter. Eigentlich war für den Donnerstagmorgen eine Pressekonferenz zur neuen Spielzeit geplant, wo auch darüber informiert werden sollte, wie es nach der Ablehnung der empfohlenen Pause für den wegen seines Führungsstils angezählten Generalmusikdirektor weitergehen sollte.

Aus der Konferenz aber wurde nichts. Schon zwei Stunden vorher stand das Staatstheater unter Schock. Kurzfristig war am Abend zuvor eine Personalversammlung einberufen worden. Vor den Mitarbeitern im Zuschauersaal soll Intendant Martin Schüler nun am frühen Donnerstag auf der Bühne im Großen Haus zum Spielzeitende seinen Rücktritt von all seinen Ämtern angekündigt haben.

Die Spitze des Stiftungsrates der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder), Kulturministerin Martina Münch (SPD) und der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU), zeigten sich am Donnerstag völlig überrascht: „Die persönliche Entscheidung von Martin Schüler, seine Tätigkeit als Intendant am Staatstheater beenden zu wollen, nehmen wir mit Respekt und Bedauern zur Kenntnis“, so Münch und Kelch. Martin Schüler werde seine Verpflichtungen bis zum Ende der laufenden Spielzeit erfüllen.

Einer der Theatermitarbeiter schildert den Moment im Großen Haus des Staatstheaters: „Es war eine kurze, aber überaus ehrliche, emotionale Rede“, erzählt er. „Respekt! Er hat vor versammelter Mannschaft seine Fehler eingestanden und sich entschuldigt. Eine Geste, die wir vom Generalmusikdirektor Evan Christ nicht erlebt haben“, so einer jener, die in den vergangenen Wochen mit dafür gesorgt hatten, dass alles auf den Tisch kam. Der Intendant habe zugegeben, dass er sich um die Probleme dringlicher hätte kümmern müssen. Er aber habe in erster Linie die Kunst gesehen. Dass er zurücktreten würde, damit habe niemand gerechnet, sagt der Theatermitarbeiter. Das habe er nicht gewollt, ist sogar seine erste Reaktion. Aber es gibt auch andere Stimmen: „Er hatte letztlich keine andere Wahl. Schüler hat die Konsequenzen gezogen. Verantwortung übernommen. Das ist respektabel. Aber Theater bedeutet Veränderung. Das Staatstheater werde sich neuen Herausforderungen stellen“, hieß es selbstbewusst von Ensemblemitgliedern. Viele sehnen sich vor allem nach Ruhe, um wieder mit ganzer Kraft ihrer künstlerischen Arbeit nachgehen zu können.

Martin Schüler ist seit 2003 Intendant am Staatstheater Cottbus und damit einer der dienstältesten Intendanten im Osten Deutschlands. In seinem ersten RUNDSCHAU-Interview als Intendant sagte er Renate Marschall: „Ich habe eine große Lust, das Theater zu führen, weil das Cottbuser Ensemble einmalig ist in seiner Leistungsfähigkeit. Ich habe das Haus lieb gewonnen und auch die Herausforderung, die Cottbuser ins Theater zu locken.“ Angetreten für die Wiederverzauberung der Oper ging es von nun an auch um die Wiederverzauberung des Theaters. Das ist ihm vielfach gelungen. Und er wusste auch: „dass man als Intendant mit größerem Respekt ausgestattet ist. Den möchte ich auch nutzen, im Theater ein noch besseres Betriebsklima zu schaffen. Das Leben soll Spaß machen, auch die Arbeit“, betonte er.

Einen neuen Aufbruch wagen, so der Slogan in jenem ersten Jahr. Diese Chance bestand auch noch Ende 2017. Obwohl sich das Orchester ein Jahr zuvor mit großer Mehrheit gegen die Verlängerung des Vertrages des Generalmusikdirektors ausgesprochen hatte und es immer wieder zu Kritiken und Aussprachen gekommen war wegen dessen regiden Führungsgebarens, wurde der Vertrag von Evan Alexis Christ zusammen mit dem Vertrag des Intendanten bis ins Jahr 2024 verlängert.

Das war immer wieder Thema in dem wochenlangen Streit, der mit einem Brief der Sänger des Opernensembles erstmals öffentlich wurde. Darin listeten sie zahlreiche Vorfälle aggressiven Verhaltens des Generalmusikdirektors auf. In den Tagen danach folgte Brief auf Brief. Vor allem die Orchestermusiker, aber auch der Chor und Künstler anderer Sparten, schlossen sich der harschen Kritik an. Das Orchester forderte den Rücktritt des Generalmusikdirektors, wollte nicht mal mehr während der Opernpremiere „Macbeth“ mit ihm spielen. Schließlich forderte es seine Suspendierung. Der Intendant versuchte, die Wogen zu glätten, empfahl Evan Christ eine Auszeit, die zu einer Mediation führen sollte. Christ lehnte ab, brachte stattdessen eine Vertragsauflösung ins Spiel.

„Es scheint, dass die Situation am Staatstheater Cottbus der eines ,Gordischen Knotens glich. Offenbar konnte Martin Schüler ihn nur dadurch lösen, dass er ihn durchschlug. Dies gelingt nur, wenn man ,ein schwieriges Problem mittels energischer oder auch unkonventioneller Wege’ löst. So die Theorie. Was bleibt, ist ein zutiefst verunsichertes Haus und beschädigte Künstler*innen. Ich erwarte, dass die Politik nun verantwortungsklug handelt, ich hoffe, dass dem Staatstheater und unserer ganzen Region mit Martin Schüler ein wunderbarer Opernregisseur erhalten bleibt“, reagiert Manuel Soubeyrand, Intendant der Neuen Bühne Senftenberg bewegt auf die Nachricht.

Das Szenario des angekündigten Intendanten-Rücktritts erinnert durchaus an so manchen Abschied auf politischer Ebene: Nachdem das Fass längst zum Überlaufen voll ist, wird zunächst ausgesessen, kleingeredet, dann Stück für Stück eingeräumt, um letztlich in einer ausweglos erscheinenden Situation doch die Verantwortung für das Ganze zu übernehmen. „Das ist ehrenhaft von Martin Schüler. Aber er sollte diese Reaktion noch einmal überdenken“, erklärt der Cottbuser Stadtverordneten-Vorsteher Reinhard Drogla gegenüber der RUNDSCHAU. Der SPD-Politiker, selbst Theater-Leiter, fügt hinzu, dass es hier um die Psyche von Künstlern gehe. Um eine emotional aufgeladene Situation. „Aber: Es wäre nicht der erste Rücktritt vom Rücktritt.“

Nahezu geschockt zeigt sich das Mitglied des Vereins der Förderer des Staatstheaters, Heidemarie Konzack. „Es ist bedauerlich, dass Evan Christ die angebotene Auszeit im Interesse des Ensembles nicht akzeptiert hat“, hofft Konzack auf das Geschick von Kulturministerin Martina Münch (SPD), Schaden von der Theater-Perle in der Lausitz abzuwenden. Konzack wolle sich nicht ausmalen, welchen finanziellen Schaden – neben den ideellen Kratzern – das Staatstheater Cottbus bei einer Vertragsauflösung von Schüler und Christ davontragen könne.

Insider gehen davon aus, dass die Fortzahlung der gerade erst verlängerten Verträge für Intendant und Generalmusikdirektor bis zum Jahre 2024 weit mehr als 1,2 Millionen Euro ausmachen würde. Dem hält Drogla entgegen, dass es trotz der zusätzlichen Kosten besser für das Theater sein könne, „die Situation aufzulösen, als in ihr zu verharren“. Dennoch ist es für das Mitglied der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder) Kerstin Kircheis bedauerlich, dass Evan Christ die angebotene Auszeit und Mediation abgelehnt habe. Es sei offensichtlich, dass er unter erheblichem Druck stehe und Hilfe brauche. Dass Martin Schüler vor diesem Hintergrund Verantwortung übernommen und seinen Rücktritt als Intendant angekündigt habe, zeigt für die Cottbuser SPD-Landtagsabgeordnete, „dass es ihm um unser Theater geht“.

Oberbürgermeister Holger Kelch erklärte bereits am Mittwochabend vor dem Stadtparlament: „Eine Trennung vom Generalmusikdirektor, der sich viele Verdienste erwarb, scheint derzeit als sinnvolle und machbare Lösung der Konflikte. Es wird aber darüber zu reden sein, warum es so weit kommen konnte. Als Vertreter der Kommune im Stiftungsrat werden wir uns dafür einsetzen, dass künftig schneller auf solche gravierenden Hinweise reagiert wird.“ Welche finanziellen Auswirkungen die mögliche Vertragsauflösung von Evan Alexis Christ mit sich bringt, konnte das Stadtoberhaupt nicht sagen. Der Oberbürgermeister habe von den Querelen im Orchester nichts gewusst. Das bestätigte auch Helmut Schmidt (CDU), der als Vertreter des Stadtparlaments im Stiftungsrat sitzt. „Wir wussten von nichts“, sagte er und betonte mehrmals: „Die kritischen Stimmen des Orchesters sind nicht zu uns vorgedrungen.“

Während Kircheis gehofft hatte, dass sich Evan Christ seiner Führungsrolle bewusst werde und auf die Angebote zur Beilegung der Konflikte eingehe, wird über den Auslöser für Schülers Rücktritt nur spekuliert. So soll sich der Intendant – der auch Operndirektor ist – nach Insider-Informationen vorwerfen, dass er im Fall Frank Bernard inkonsequent gewesen sei. Schüler sei vor dem Hintergrund des  Zerwürfnisses zwischen dem Studienleiter, der den Umgang des Generalmusikdirektors mit Mitarbeitern angeprangert hatte, und Evan Christ gegen eine Kündigung von Bernard gewesen. Doch habe er dem Drängen von Christ nachgegeben.

Der Cottbuser CDU-Landtagsabgeordnete Michael Schierack (CDU) stellt sich deshalb auch die Frage, ob Kulturministerin Martina Münch (SPD) nicht längst von den Vorgängen am Staatstheater gewusst habe. Er werde sie im Kulturausschuss des Potsdamer Parlaments zur Rede stellen und wolle wissen, „wann die Ministerin davon erfahren hat und ob sie nicht viel früher hätte aktiv eingreifen müssen“.

„Cottbus im Schwebezustand“ hatte die RUNDSCHAU noch vor einem Jahr in Vorfreude auf die erste Cottbuser Walzernacht getitelt, die Evan Christ im Juni dirigieren sollte. Das alles so in die Schieflage geraten würde, hatte damals niemand geahnt.