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| 01:35 Uhr

Wagemutig wie Pückler

Roland Renner als Fürst Pückler. Foto: Kross
Roland Renner als Fürst Pückler. Foto: Kross FOTO: Kross
Cottbus. Das Stück „Fürst Pücklers Utopia“ von Christoph Klimke wird am heutigen Sonnabend um 19.30 Uhr im Staatstheater Cottbus uraufgeführt. Inszeniert wird es von dem renommierten Regisseur Johann Kresnik. Einer der Schauspieler, mit denen Kresnik bereits mehrfach zusammenarbeitete, ist der Münchner Roland Renner. Er ist Fürst Pückler. Von Renate Marschall

Kresnik brauchte nicht viel Überredungskunst, als er eines Tages bei Renner anrief und durch den Hörer brüllte: “Du bist der Fürst.„ Der Fürst? “Der Fürst!„ Als der Schauspieler dann endlich erfuhr, dass er Pückler sein sollte, hielten sich Überraschung und Freude die Waage. “Zufälligerweise hatte ich vor Jahren eine Pücklerbiografie gelesen und wusste, was für eine schillernde Gestalt der Fürst war.„ Für einen Schauspieler eine dankbare Figur. Auch wenn noch nicht klar war, wie Pücklers Leben zu einem Bühnenstück werden könnte. Dazu braucht es Wagemut, eine Eigenschaft, die Roland Renner auch an Pückler besonders schätzt. “Das Leben, das er führte, war doch wirklich spannend und erforderte viel Mut. Alleine das beschwerliche Reisen in der Kutsche oder auf Schiffen, sogar auf einem Esel - bequem war das nicht„, kann sich Renner einfühlen. Sich mit Pückler zu beschäftigen, sieht er als Bereicherung seines eigenen Lebens: Widersprüchlichkeit nicht als Mangel, sondern Bereicherung zu empfinden und eben der Wagemut: Den braucht es auch, um mit Kresnik ein neues Stück auf die Bühne zu hieven. “Man weiß nie, wie es ausgeht. Man weiß noch nicht mal, wie es losgeht. Christoph Klimke hat zwar ein schönes Libretto geschrieben, aber am Anfang gibt es keine Bilder, keine Musik, keine Kostüme - es ist ein Abenteuer im pücklerschen Sinne.„ Überhaupt fühlt sich der Schauspieler seiner Figur, die auch viel mit Peer Gynt gemeinsam habe, verwandt. Das betrifft die Reiselust ebenso wie die Neugier und das Gefühl, sich in eine fremde Umgebung einfügen zu müssen.

Seit 1987 ist Roland Renner freiberuflicher Schauspieler. Das bedeutet, immer neue Kollegen kennenzulernen, sich in bestehende Beziehungsgeflechte einzuordnen. Des Lobes voll ist er über die kollegiale Atmosphäre am Cottbuser Theater: “Sänger, Musiker, Schauspieler - die Truppe ist wirklich schön zusammengewachsen. Ich fühle mich hier sehr wohl.„ Nicht unwichtig, für einen, der von sich behauptet, harmoniesüchtig zu sein. Was ja nicht heißt, dass man nicht auch hart gemeinsam arbeitet. “Es ist doch eine schöne Verabredung, zu sagen: Wir finden heraus, was möglich ist und versuchen noch ein bisschen mehr.„ Wie ein Jungbrunnen sei für ihn die Zusammenarbeit mit Kresnik, der anders als andere Regisseure “über Bilder und Bewegungsabläufe - durch einen Reigen des Wahnsinns - ins Innere der Figur vordringt.„ Diese Arbeitsweise komme seinem Bewegungsdrang entgegen, sagt der ziemlich sportlich wirkende 60-Jährige. Zum ersten Mal trafen Kresnik und er 1995 aufeinander, als der Regisseur einen Gustaf-Gründgens-Darsteller suchte, den er in Renner fand. Auch der Schauspieler Gustaf Gründgens war ein Mensch, der in die Widersprüche seiner Zeit verstrickt war. Der nicht die Kraft hatte, sich zu entziehen. Den Schlüssel zu finden, was einen Menschen treibt - die Umstände, der Charakter - und wodurch er geformt wurde, findet der Schauspieler vor allem interessant an seinem Beruf. Dabei wurde er eher zufällig Schauspieler. Damals war er 24 und hatte eigentlich schon den schönsten Beruf der Welt: Puppenmacher. Die Großeltern hatten ein Wander-Marionettentheater - die Puppenleidenschaft war ansteckend. “Ich hatte ein eigenes Atelier in München, zwischendurch auch in Berlin.„ Im Gespräch mit einer Freundin sagte er dann den folgenreichen Satz: “Eigentlich würde ich selbst gerne mal auf der Bühne stehen.„ Nach einigen Wochen bekam er eine Einladung zum Vorsprechen an der Otto Falckenberg Schule in München. Seine Freundin hatte ihn einfach angemeldet. Nach der Ausbildung ging er ans Schauspiel in Köln, spielte in München, Berlin, Zürich, bei den Salzburger Festspielen und am Schauspielhaus in Hamburg, wo er gerade auch in “Frost/Nixon„ zu sehen ist. Nur der Traum von einst, im Glitzeranzug die Showtreppe herunterzukommen - weswegen er eigentlich auf die Bühne wollte - hat sich bisher nicht erfüllt. Bisher.

Als Pückler bekommt er nun seine Treppe. Dabei sind ihm Show und persönliche Eitelkeit längst nicht mehr wichtig. Um Inhalte geht es ihm, um Rollen. Gern spielt er Menschen, die gefährdet sind, die “auf der Rasierklinge tanzen„. Solche wie Richard II., den wahnsinnigen König, oder den Roelle aus “Fegefeuer in Ingolstadt„, der dem religiösen Wahn verfällt.

Zur richtigen Zeit von den richtigen Regisseuren die richtigen Rollen angeboten zu bekommen, habe viel mit Glück zu tun, ist Renner überzeugt. Er hatte dieses Glück. Und er wollte immer Theaterschauspieler sein. “Ich möchte wissen, für wen ich spiele, Zuneigung, Abneigung spüren, in Gesichter schauen.„ Sich ausprobieren, dem Leben viel abringen, immer wieder neu das eigene Ich erspüren, darin ist Roland Renner dem Fürsten ein Bruder im Geiste. Er hat viel über Pückler gelesen, sich Bilder von Muskau besorgt und ist ihm in Branitz begegnet. Am Sonnabend zieht er den brokatseidenen Gehrock an - wird Weltenbummler, Utopist, Weiberheld, kühler Rechner und Fantast - Fürst Pückler eben.