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Wählerische Poesie der Furchtlosigkeit

Ermutigende Musik in der ehemaligen Pentacon-Halle der heutigen Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus.
Ermutigende Musik in der ehemaligen Pentacon-Halle der heutigen Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Der Liedermacher Wolf Biermann feierte am Montag im Cottbuser Menschenrechtszentrum mit seiner Frau Pamela, dem Zentralquartett, dem chinesischen Dichter Liao Yiwu und Hunderten Lausitzern ein zerbrechliches Gut: die Demokratie. Ida Kretzschmar

"Wer sich nicht in Gefahr bringt, kommt darin um", singen Pamela und Wolf Biermann, damit die Zuschauer gleichsam auffordernd, sich einzumischen in die "eigenen inneren Angelegenheiten", wie es der unbequeme Barde nennt, dem vor gut 40 Jahren nach einem Konzert in Köln die Rückkehr in die DDR verweigert wurde. Die große Protestwelle gegen seine Ausbürgerung war für viele der Anfang vom Ende der DDR.

In der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus wirbt der poetische Provokateur nun in einem von neun Konzerten mit seiner Mannschaft darum, wählerisch zu sein beim Gebrauch des Wahlrechtes. "Ein Luxusgut in den Augen jener, die freie Wahlen schmerzlich vermissen", weist Sylvia Wähling, Geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtszentrums Cottbus, auf den Ehrengast des Benefizkonzertes hin: Liao Yiwu.

"Ein echter guter Mensch aus Sezuan", spielt der 80-jährige Biermann auf Brechts Stück an, das er als junger Regieassistent am Berliner Ensemble mit auf die Bühne brachte. Der aus der chinesischen Provinz Sichuan (früher Sezuan) stammende "verrückte Dichter Yiwu", brachte alle zum Lachen, erzählt Biermann, bis er 1989 das todernste Gedicht "Massaker" schrieb, das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking vorausahnend.

Vier Jahre wurde er dafür inhaftiert und gequält. 2011 flüchtete Liao Yiwu zu Fuß nach Vietnam. Heute lebt der Dichter, der unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, in Berlin.

Nun steht er mit auf der Bühne in dieser proppevollen Halle, in der nicht wenige seine schmerzlichen Erfahrungen als politische Häftlinge teilen. Auf einer Klangschale erzeugt er einen durchdringenden Weckruf zu dem Lied "In China hinter der Mauer". Später trägt Biermann auf Deutsch Yiwus Elegie vor, die dieser für seinen Herzensbruder schrieb, den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der im Juli an Krebs starb. Eine Behandlung außerhalb Chinas war dem Dissidenten verwehrt worden. Eindringlich Yiwus Gesang voller Trauer und Schmerz.

"Wann ist denn endlich Frieden in dieser irren Zeit?", fragen dann Pamela und Wolf Biermann - auch ein kraftvoller Willkommensgruß für Flüchtlinge.

Dieser Abend geht unter die Haut. Zu den rebellischen und nachdenklichen Liedern der Vorhut des DDR-Untergangs liefern die Vorreiter des Free-Jazz in der DDR mit ihren Improvisationen und Kompositionen den idealen Background. "Wo die Worte aufhören, beginnt die Musik", kündigt Drummer Günter Baby Sommer einen Hymnus an. Der 74-Jährige ist einer der alten Freunde Biermanns vom Zentralquartett, in dem hier auch Henrik Walsdorff (sax), Christof Thewes (tb) und Ulrich Gumpert (p) zugange sind.

Baby Sommer hat den Hymnus jenen gewidmet, die der Pegida-Bewegung in seiner Heimatstadt Dresden mit Zivilcourage entgegentreten. Musik wie dieser ganze bewegende Abend - aufschreckend und ermutigend. Stacheldraht als Kunstwerk gibt es am Ende für die Künstler mit der Botschaft: "Man kann die Wahrheit unterdrücken, aber nicht erdrücken."