ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 07:23 Uhr

Vuillards "Tagesordnung" ist ein großer Nazi-Totentanz

Das ist eins der unglaublichsten Bücher der letzten Zeit, wobei man am Ende gar nicht genau sagen kann, was sie denn eigentlich gewesen sind, diese gerade einmal 120 Seiten? Ein Roman etwa, eine historische Betrachtung, ein Essay? Keine Ahnung, und dass man es auch gar nicht wissen kann und will, ist kein Manko, sondern der Ausweis seiner Einzigartigkeit. Jedenfalls: So ist über Hitler und seine skrupellose Machtaneignung des Jahres 1938 wohl noch nie geschrieben worden. Der Franzose Éric Vuillard tat es grandios und ist dafür mit Prix Goncourt geehrt worden. Lothar Schröder

Das ist eins der unglaublichsten Bücher der letzten Zeit, wobei man am Ende gar nicht genau sagen kann, was sie denn eigentlich gewesen sind, diese gerade einmal 120 Seiten? Ein Roman etwa, eine historische Betrachtung, ein Essay? Keine Ahnung, und dass man es auch gar nicht wissen kann und will, ist kein Manko, sondern der Ausweis seiner Einzigartigkeit. Jedenfalls: So ist über Hitler und seine skrupellose Machtausweitung des Jahres 1938 wohl noch nie geschrieben worden. Der Franzose Éric Vuillard tat es grandios und ist dafür mit dem Prix Goncourt geehrt worden.

"Die Tagesordnung" ist ein Buch über Verhandlungen, über Abkommen, über Schiebereien und Erpressungen. Die echte, physische Gewalt spielt sich anderswo und auch später ab, doch spürbar bleibt sie auf unheimliche Weise immer.

Und es beginnt so unheilvoll finster, wie eine furchtbare Geschichte nur ihren Anfang nehmen kann: mit den 24 deutschen Großindustriellen, die auf Hitler warten und auf das, was von ihnen erwartet wird und was sie sich finanziell davon versprechen könnten. Dem 50-jährigen Autor reicht es, Bilder zu betrachten, die Männer anzuschauen. "Vierundzwanzig Filzhüte" nennt er sie, Avatare und allesamt Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle. Wie viel wird einem da geboten, meinungsgesättigt, doch stets nachvollziehbar. Dieses kleine Buch mausert sich zum großen Totentanz, zu dem Hitler die schreckliche Geige spielt und der österreichische Kanzler Schuschnigg wie auch der britische Premierminister Chamberlain danach tanzen. Alles ist ein großes Schauspiel, selbst der Einmarsch der Deutschen in Österreich. Die große Kriegsmaschinerie verfranzt sich lächerlich im Panzerstau.

Mit einem Bluff beginnt die Apokalypse. Oder, wie es Éric Vuillard feinsinnig am Schluss dieses kleinen, großen Buches formuliert: "Die Machenschaften triumphieren über die Tatsachen."