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| 19:54 Uhr

Der aktuelle Kinotipp
Schwierigkeiten mit der Unwahrheit

Nach der Vorpremiere des Gundermann-Films in der Kulturfabrik Hoyerswerda spricht Knut Elstermann (2.v..l.) mit Musikproduzent Jens Quant (l.) sowie Darstellerin Anna Unterberger, Conny Gundermann und Regisseur Andreas Dresen (v.l.)
Nach der Vorpremiere des Gundermann-Films in der Kulturfabrik Hoyerswerda spricht Knut Elstermann (2.v..l.) mit Musikproduzent Jens Quant (l.) sowie Darstellerin Anna Unterberger, Conny Gundermann und Regisseur Andreas Dresen (v.l.) FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda. Vorpremiere von Dresens Gundermann-Film in (der „blassen Blume auf Sand“) Hoyerswerda erntet Standing Ovations. Von Ida Kretzschmar

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieser Film setzt Gerhard Gundermann kein Denkmal. Da gehört Gundi auch nicht hin. Er hasste Personenkult, erinnert Regisseur Andreas Dresen im Gespräch mit Radio 1-Moderator Knut Elstermann nach der Lausitzer Vorpremiere seines lang ersehnten Filmes am Sonntag in der Kulturfabrik (Kufa) Hoyerswerda. „Gundermanns Songs aber wollen wir ein Denkmal setzen. Er war der beste Rockpoet Deutschlands“, betont Dresen, der hofft, dass so Gundis Lieder noch weiter in die Welt getragen werden. Sie schwingen rebellisch durch diesen Sonntagabend mit einer Poesie und Melancholie, die direkt aus der Erde zu kommen scheint.

In Fleischerhemd und Hosenträgern taucht der Liedermacher auf der Leinwand auf, ein schlaksiger blasser Typ mit großer Brille. Wenig Heldisches ist an ihm – bis er anfängt zu singen. Schauspieler Alexander Scheer sieht ihm nicht nur verblüffend ähnlich, auch seine Stimme, mit der er 18 Songs völlig neu eingesungen hat, klingt irgendwie vertraut. Der Volksbühnen-Schauspieler geht völlig in ihm auf, hat Gundis Eigenwilligkeit und Verletzlichkeit angenommen, sogar unsere Lausitzer Art zu reden. Das schafft etwas unerhört Dokumentarisches. Dokumentarfilme aber gibt es schon über den Baggerfahrer und Rockpoeten, der in einer Mittsommernacht vor 20 Jahren starb. Der am Limit lebte, „immer härter als der Rest“ und nur 43 Jahre alt wurde. Es wäre vermessen, den realen Menschen Gerhard Gundermann zeigen zu wollen, sagt der Regisseur. Es ist es ein Spielfilm mit verdichtetem, hinzuerfundenem Leben. So habe Gundi zwar im Vorprogramm von Bob Dylan gesungen, Backstage getroffen habe er ihn aber im wahren Leben nicht.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der an Che Guevara glaubt und von der Offiziersschule fliegt. Als Hilfsarbeiter geht er in den Tagebau, ist Baggerfahrer und zugleich Poet. Er träumt und hofft und liebt, verletzt und petzt. Ein Mann, der seine Schwierigkeiten mit der Unwahrheit hat. Viel zu offen ist er für die engen Grenzen dieser kleinen DDR. Und so fliegt er schnurstracks aus der SED. Was nichts daran ändert, dass er sich als Kommunist fühlt. Weder sein Parteibuch gibt er einfach ab noch seine Gesinnung. Voller Mut ist er und voller Wut, mal derb, dann wieder zärtlich und sensibel. Wie seine Lieder.

Der Film „Gundermann“ aber beginnt gleich mit einer schmerzhaften Enthüllung. Diese ehrliche Haut, die sich nicht scheut, mit jedem anzulegen, der seine Ideale zur Farce macht und für seine erdnahen Lieder geliebt wird, war sieben Jahre lang IM „Grigori“. Unter Freunden wurde er manchmal so genannt, weil er gelegentlich so etwas maßlos Agitatorisches besaß wie der Grigori Kossonossow auf der legendären Jazz-Lyrik-Prosa-Platte von Manne Krug.

Gundis Stasi-Verstrickung aber wird in dem Film nicht nur angedeutet. Sie wird von Anfang an unverblümt auf den Tisch gepackt, bleibt Thema in den zwei Zeitebenen des Films – vor und nach dem Mauerfall. Aufstörend schleicht sie sich zwischen die Lieder, die so tröstend sind wie „Und immer wieder wächst das Gras“ und mit „Blasse Blume auf Sand“ Hoyerswerda aufatmen lassen. Wobei für den unbequemen Liedermacher nicht nur eine dicke Täterakte angelegt wurde, sondern eine noch weitaus dickere Opferakte. „Man kann über Gundermann nicht ehrlich erzählen, wenn man das Thema ausspart. Aber man muss es so genau wie möglich tun, um ein differenziertes Bild zu zeichnen, auch über Ostdeutschland. Es gibt da noch immer zu wenig Grautöne, zu viele Klischees“, ist Andreas Dresen überzeugt, der hier alles andere als Schwarz-Weiß-Malerei betreibt. Der Film urteilt nicht, er erzählt. Das macht ihn zu einem großartigen, sehr wahrhaftigen Film über die Auseinandersetzung um Schuld und Verantwortung.

„Über diesen Ansatz musste ich erst eine Nacht schlafen“, gesteht Conny Gundermann, Gundis Frau, die auch zu dieser Vorpremiere gekommen ist, den Film als großes Geschenk an ihre Liebe betrachtet. Sie habe Vertrauen gehabt und ihr Paket der Erinnerungen weit geöffnet. Auch für Anna Unterberger, die Gundis Frau eindringlich im Film verkörpert. Die beiden stehen nach der Filmvorführung Arm in Arm nebeneinander, auch hier ist die Ähnlichkeit verblüffend. „Nur einen Sprachkurs musste ich machen“, gesteht die Schauspielerin aus Südtirol. Überhaupt sind es tolle Schauspielerleistungen, von dem brillanten Hauptdarsteller bis in die kleineren Rollen. Axel Prahl gibt den abgehalfterten Stasi-Führungsoffizier. Horst Rehberg, auch bekannt aus vielen wunderbaren Rollen am Staatstheater Cottbus, spielt Gundis Vater, dessen Härte dem Sohn ein lebenslanges Schuldgefühl beschert. Horst Rehberg konnte die Premiere des Films nicht mehr erleben. Er starb im Mai dieses Jahres.

„Vor zehn Tagen kam der Film erst aus dem Ofen“, erzählt Andreas Dresen. Gemeinsam mit seiner Stamm-Drehbuchautorin Laila Stieler hatten sie zehn Jahre an dem vielschichtigen Porträt gearbeitet und für die Filmförderung gekämpft. Gelungen ist nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, das bei aller Dramatik und Melancholie auch heitere und tragikomische Seiten offenbart – wie immer wieder aufflackerndes Gelächter im Kufasaal zeigt. Mit Conny Gundermanns Hilfe ist es auch eine berührende Liebesgeschichte geworden.

Obendrein ist es ein Heimatfilm, der aus aufsehenerregender Kameraperspektive (tolle Kameraführung von Andreas Höfer, der seinerzeit viele Fotos von Gundi machte) zeigt, wie der Kohlebagger Lausitzer Erde umpflügt, die sich wie eine Mondlandschaft darstellt. Der Film fängt die Härte der Arbeit und die Herzlichkeit der Menschen ein und vermag, selbst in dem öden Flur eines Neubaublocks Poesie zu entdecken.

Und es ist auch ein wunderbarer Musikfilm mit bekannten und auch weniger bekannten Songs zwischen Sehnsucht und Schmerz. Mit ihren existenziellen, auch fröhlich-anarchischen Texten gehen sie unter die Haut. Jens Quandt, der den Soundtrack zum Gundermann-Film produziert hat, hat 20 Jahre nach Gundis Tod die Lieder in die Gegenwart geholt. Andreas Scheer hat sie mit Band neu eingesungen. „Musik lebt von Erfindung und Interpretation“, sagt Quant im Filmgespräch. Und so hat er auch neue Akzente gesetzt. Behutsamkeit im Umgang mit dem Original zeichnet den ganzen Film aus und erzeugt ein spannendes Wechselverhältnis von Treue zur Figur und Freiheit.

Andreas Dresen erklärt am Ende auch, warum der Film zum ersten Mal in Essen zu sehen war und nicht in Hoyerswerda, wo er hingehört, was zu berechtigten Diskussionen geführt hat. Das meiste Geld für die Filmförderung kam aus Nordrhein-Westfalen. Damit war der Premierenort klar. Zum Trost für die Lausitzer sagt er: „Die Lichtburg in Essen ist eines der schönsten Kinos Deutschlands. Sensationell, mit welcher Wärme und Empathie in diesem, einem Opernhaus ähnelnden Kino der Film begrüßt wurde.“ Der Dramaturgin flüsterte ein Besucher noch einen erstaunlichen Satz zu: „Das ist unser Film zur Wiedervereinigung. Jetzt haben wir den Osten verstanden.“

Am Ende gibt es auch in Hoyerswerda Standing Ovations für die Filmcrew, für diesen genauen Blick auf einen widersprüchlichen Charakter, auf ein verschwundenes Land. „Einfach fantastisch“, fasst Lydia Richter zusammen. „Hier bin ich geboren, wo die Kühe mager sind wie das Glück“, zitiert sie Gundis Liedzeilen, noch völlig angefüllt von der so authentischen Musik, mit der sie aufgewachsen ist. Viele Fans und Weggefährten aus dem Singeklub Hoyerswerda und der Brigade Feuerstein sind gekommen, aber auch junge Leute. Dieser Film, diese Lieder haben das Zeug dazu, auch die Herzen jener zu erreichen, die Gundermann nicht kannten. Chapeau! Einen besseren Dresen habe ich wohl bislang noch nicht gesehen.

Am Mittwoch gibt es im Amphitheater der Neuen Bühne Senftenberg noch eine (leider ausverkaufte) Vorpremiere mit anschließendem Konzert. Am Donnerstag kommt der Film in die Kinos. Unter anderem ist er auch im Cottbuser Obenkino und in der Kufa Hoyerswerda zu sehen.