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| 09:09 Uhr

Mülheim
"Vor Sonnenaufgang": Hauptmann neu erzählt

Mülheim. Wie reagieren deutschsprachige Bühnen auf die Gegenwart? Die Mülheimer Theatertage "Stücke" zeigen es einmal im Jahr an ausgewählten Inszenierungen. Die diesjährige Eröffnung hatte eine besonderes Qualität: Sie zeigte, wie sich Gegenwartsdramatik in den Kanon einschreibt. Autor Ewald Palmetshofer hat mit "Vor Sonnenaufgang" Gerhard Hauptmanns gleichnamiges Stück neu aufgesetzt, das 1889 den Naturalismus auf deutschsprachige Bühnen brachte. Max Florian Kühlem

Palmetshofer dampft das Figurenpersonal stark ein auf den Kern der mittelständischen Unternehmerfamilie Krause. Wie in Hauptmanns Bauernfamilie gibt es auch bei den modernen Krauses ein Alkoholproblem, das sich verheerend allerdings nur noch auf Ebene der Elterngeneration zeigt. Die folgende Generation hat mit etwas anderem zu kämpfen: Depressionen.

Das neue "Vor Sonnenaufgang" ist so eine spannende Gemengelage aus alten und neuen Gesellschaftsdiagnosen. Nora Schlocker hat die Uraufführung am Theater Basel im nackten Guckkasten als naturalistisches Sprechtheater inszeniert. Das Publikum wirft mal durch die Vorhänge der Terrassentür, mal durch komplett abgezogene Wände einen voyeuristischen Blick in die Abgründe der Familie. Nach einer etwas langatmigen Stunde vor sich hin plätschernder Konversation geht es ans Eingemachte, wenn Alfred Loth, ein Jugendfreund des bei den Krauses eingeheirateten Thomas Hoffmann, dessen neoliberale Einzelkämpfer-Moral infrage stellt. Die Gefährdung, die Hoffmann durch ihn verspürt, zeigt, auf wie losem Fundament sein Weltbild gebaut ist.

Palmetshofers neuer Naturalismus wirkt wie eine Bebilderung der Gesellschaftsdiagnosen des Soziologen Didier Eribons, der im Buch "Rückkehr nach Reims" aufzeigt, wie folgenschwer soziale Klassen in der Gegenwart fortbestehen und bloß im Diskurs verschwinden, und des Philosophen Byung-Chul Han, der die Depression als Hauptsymptom der ungesunden Existenz des vereinzelten Leistungssubjekts diagnostiziert. Natürlich endet auch Palmetshofers Überschreibung tragisch - und mündet in großen Applaus.