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Von Sehnsucht getrieben

FOTO: Verlag
"Am Fenster zu stehen und den Kopf in die Luft zu stecken, machte ihn sehnsüchtig. Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte. Sibylle Peine

" Dieses Zitat von Robert Walser hat Eva Schmidt (64) ihrem neuen Buch vorangestellt. Und tatsächlich erscheint es wie der Leitgedanke dieses kleinen, feinen Romans, mit dem die österreichische Autorin nach zwanzigjähriger Abwesenheit auf die Literaturbühne zurückkehrt und auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Denn die Menschen, von denen Schmidt erzählt, sind von Sehnsucht getrieben - der Sehnsucht nach einem anderen Leben oder auch dem Leben der Anderen. Alle sind Voyeure: Der Mann in Bomberjacke, der vom Balkon aus seine Nachbarin aus dem Siedlungshaus belauert. Oder die alleinstehende Fotografin, die den Klängen aus dem Mehrfamilienhaus lauscht. Bis sie bemerkt, dass sie ebenfalls observiert wird, von einer Frau aus der Wohnung gegenüber. In einer unaufgeregten, ruhigen Sprache schildern die Episoden das ganz normale Leben. Selten wurde mit so großer Tiefenschärfe vom Wunsch nach Zuwendung und Nähe erzählt.

Eva Schmidt: Ein langes Jahr. Jung und Jung Verlag, 212 Seiten, 20 Euro