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Von genüsslich bis zur brüllenden Höllenmaschine

Überzeugte wieder mit baritonaler Klangfülle: Cellist Maximilian Hornung.
Überzeugte wieder mit baritonaler Klangfülle: Cellist Maximilian Hornung. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Ein emotional anspruchsvolles Programm hat Generalmusikdirektor Evan Christ für das 2. Philharmonische Konzert am Staatstheater Cottbus zusammengestellt: russische und sowjetische Werke des 20. Jahrhunderts. Irene Constantin

Der weltumstürzende Bruch in Russland 1917 war dem Konzertprogramm überdeutlich anzuhören. Das erste Werk "Der verzauberte See" von Anatoli Ljadow entstand 1909. Tiefste Märchenromantik, nächtliche Stille - Bässe im pianissimo -, Lichtfünkchen - einzelne Harfentöne und Celesta -, dann Streicherweben, Flöte und ferne Waldhörner. Es geht nicht schöner, nicht geheimnisvoller. Kunstreiche Harmonien der Natur, nichts aus der bösen Welt der Menschen. Der Komponist, scheu, auch ein bisschen faul und träge, glaubt man den Lexika, soll mit seinem Werk sehr zufrieden gewesen sein.

In das Leben der beiden anderen Komponisten des russischsowjetischen Programms hat die Oktoberrevolution schicksalsbestimmend eingegriffen. Sergej Prokofjew emigrierte 1918 in den Westen, kehrte jedoch 1936 in die Sowjetunion zurück. Mehr und mehr war er den stalinistischen Kunst-Ideologien unterworfen und ausgesetzt, 1948 fiel das "Formalismus"-Edikt dann auch über sein Werk. Er gelobte Besserung, sozialistischen Realismus und vor allem Volkstümlichkeit. Das Mittel, volkstümlich zu sein bestand für ihn in einer Fülle melodischer Einfälle, einfach aber nicht billig.

Dieses kompositorische Herangehen verwirklichte er in seinem 1952 uraufgeführten "Sinfonischen Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 125" geradezu vorbildlich. Es schwelgt in Melodien. Eine fortschreitende Orchesterbegleitung grundiert schon zu Beginn eine genüsslich ausgesponnene Cellokantilene. Und in diesen ersten Tönen zeigte sich bereits die besondere Qualität im Spiel des Solisten Maximilian Hornung. Sein Celloton ist rund, satt, nobel, von baritonaler Klangfülle. Nichts näselt da in höheren Lagen, auch nicht die kleinste Störung, das winzigste Luftbläschen unterbricht den Strom der Melodien. Überflüssig zu sagen, dass auch die extrem virtuosen Passagen des zweiten, rasant verspielten, heiteren Satzes, gipfelnd in einer atemberaubenden Solokadenz, keinerlei Anstrengungen hören ließen. Das Werk geht mit einem Variationensatz zu Ende, dessen mons trös feierliche Einleitungsakkorde in ringelnde Girlanden atomisiert werden. Wenn der Komponist seinen Spott trieb, war der Cellist völlig damit einverstanden. Selten erlebte man einen so entspannten Solisten bei einem derart anspruchsvollen Stück.

Vor der Pause Naturromantik und Spielspaß auf allerhöchstem Niveau, nach der Pause die Beanspruchung aller musikalischen Reserven der Ausführenden, aller Seelen- und Verstandeskräfte der Zuhörer: Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie. Auch dieses Werk eine Selbstkritik und Abbitte für die Sünden der westlichen Dekadenz und des Formalismus. 1936, ein Jahr vor der Komposition der 5. Sinfonie, war Schostakowitsch für seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" in Grund und Boden, also lebensgefährlich kritisiert worden. Mit der neuen Sinfonie durfte er sich rehabilitieren. Volkstümlich, verständlich, melodisch, sozialistisch-realistisch hießen die Parolen. Schostakowitsch hielt sich daran, auf seine Weise. Die fünfte Sinfonie ist ein grinsend verkleideter Gesang über die Leiden des Volkes, den das Volk genau verstand.

Ein schroff gezacktes Bassmotiv leitet einen zarten, immer intensiveren Klagegesang ein, der sich schließlich zu einem diabolischen Marsch aufbläst, bevor das ganze Gebilde in sich zusammenfällt. Evan Christ mäßigte nichts, ließ das Orchester immer wieder in klangliche Extreme gehen, riss die Töne und melodischen Phrasen gleichsam auf. Den Kontrast setzten wunderschön gespielte Solopassagen, Horn, Oboe, Solovioline. Der zweite Satz ist ein Gaukelspiel im Rhythmus eines Menuetts, die Tanzmusik beim Ball des Satans, der im großflächigen dritten Satz dann die unverstellte Trauer folgt.

Immer lauter wird der Schmerz über die Leere, das Ausgelaugtsein, die Hohlheit des Lebens. Der Gipfel galligen Spotts über den stalinistischen Popanz ist jedoch der Schlusssatz. Da wird auf die Pauken gedroschen, die Blechbläser plärren eine kreischende Fanfare, die Streicher säbeln unablässig auf dem gleichen hohen Ton herum - Evan Christ verwandelte das Orchester in brüllende Höllenmaschine und machte damit großen Effekt. Viel Beifall, nachdem sich das Publikum wieder gefangen hatte.