Dieser ungewöhnliche Stoff hat die 35-Jährige sofort in seinen Bann gezogen. "Gerade deshalb versuche ich, ihn auf ungewöhnliche Weise auf die Bühne zu bringen", erzählt sie. Nicht die Bravourstücke des legendären Pianisten interessieren sie in erster Linie, sondern die Gedankenwelt des Trompeters Tim Tooney, der in einem imaginären Raum der Erinnerung Novecento gleichsam zum Leben erweckt.

"Die Undurchsichtigkeit der Welt, die Angst, ihr zu begegnen, das Gefühl, wie auf Dynamit zu sitzen, haben ja nicht nur in den 20er-Jahren Präsenz, sondern sind sehr gegenwärtig", glaubt die Regisseurin. So geht sie der Frage nach: Warum schreckt Novecento, der im Jahre 1900 (daher der Name) als Kind armer Auswanderer an Bord geboren und zurückgelassen wurde, diese Welt da draußen?

Seine Kunstwelt aber füllt er mit überbordender Fantasie. Der Trompeter Tooney, der in der bordeigenen Jazz-Band anheuerte, wird ihm zum besten Freund. Wird er ihn überreden können, die wirkliche Welt kennenzulernen?

Ulrike Müller, die selbst am Cottbuser Konservatorium Klarinette lernte, will hier nicht so sehr die entfesselten Klänge des Jazz heraufbeschwören. "Novecentos Spiel ist überirdisch, perfekt, einfach unerreichbar. Es kann nicht darum gehen, die 20er-Jahre wieder aufleben zu lassen. Ich lege den Fokus auf die Kraft der Imagination, der Fantasie."

Und so reizt sie die Möglichkeit, gemeinsam mit Sound- und Videokünstlern zu experimentieren. Das Metrum des Meeres, die Welt, Gedankenfetzen werden über eine Videowand in den Raum der Erinnerungen gespült, vermischen sich mit einem Sounddesign aus Wellenrauschen und sphärischer Musik. "Die unterschiedlichen Ebenen sollen sich nicht duellieren, sondern ergänzen", artikuliert die Regisseurin ihre Erwartungen. Für die Videoeffekte, die die Hoffnungen und Sehnsüchte, aber auch die Zukunftsängste des vergangenen Jahrhunderts in die Gegenwart holen, ist ihr Lebensgefährte Jan Lehmann zuständig, mit dem sie viele Inszenierungen gemeinsam bestreitet.

Für Ulrike Müller ist diese Regiearbeit in Cottbus ein Wiederkommen. Dabei ist sie nie wirklich weg gewesen. "Zum Theatergucken und Eltern besuchen bin ich immer wieder gern in Cottbus. Ich mag das Staatstheater, vor allem dieses tolle Schauspielensemble", sagt sie.

Schon als angehender Teenager hat sie hier in der Oper "Hänsel und Gretel" auf der Bühne getanzt. Gerade vier war sie, als sie am Cottbuser Konservatorium eine Tanzausbildung begann. Später spielte sie im Jugendklub des Piccolo-Theaters, um sich mit siebzehn, ein Jahr vor dem Abitur, für ein Schauspielstudium in Leipzig zu bewerben. Sie wurde vom Fleck weg angenommen und entließ sich erst einmal selbst aus der Schule und aus Cottbus. "Ich hatte Susann Thiede im Staatstheater in der Dreigroschenoper als Polly erlebt, und seitdem wusste ich: ,Das will ich auch.'"

So war es kein Zufall, dass sie Brecht für das Vorsprechen wählte. Ein relativ unbekanntes Stück "Der Bettler oder Der tote Hund", das sie - welch Wege des Schicksals - im vergangenen Jahr beim Brecht auf!-Spektakel in Senftenberg zusammen mit "Lux von Tenebris" inszenierte.

Nach dem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn-Bartholdy" Leipzig gehörte sie zu den Ensembles am Stadttheater Bielefeld und am Staatsschauspiel Dresden. "Als Gast stand ich vor elf Jahren gemeinsam mit Gunnar Golkowski auf der Bühne in Cottbus. Eine sehr schöne Zusammenarbeit, an die wir jetzt auf neue Art anknüpfen können", sagt Ulrike Müller, die sich mit 27 noch einmal entschieden hatte, ein Regiestudium an ihrem Traumhochschulort "Ernst Busch" in Berlin aufzunehmen. Ihrem Regiedebüt in Cottbus sind schon mehr als ein Dutzend Inszenierungen vorangegangen. Wobei sie für das Hörspiel "Das Projekt bin Ich" 2015 den ARD-Hörspielpreis erhielt. Darin sprechen Schauspieler über ihr Leben. Gern würde sie ein ähnliches Projekt mit Flüchtlingen verwirklichen. Wie bei Novecento geht es auch dabei immer wieder um den Platz im Leben, um Ängste vor einer Welt voller Unsicherheiten.

Eigentlich sollte Ulrike Müller schon vor zwei Jahren in Cottbus als Regisseurin ihren Einstand geben. Ihr zweiter Sohn war gerade erst geboren, sie sagte schweren Herzens ab. Umso mehr freut sie sich, dass sie jetzt mit freierem Kopf hier an die Arbeit gehen kann, über die sie sagt: "Ich brenne für diesen Beruf, aber ich will nicht daran verbrennen."

Karten für die morgige Premiere, 19.30 Uhr, in der Kammerbühne des Staatstheaters, und die nächsten Vorstellungen am 7. Mai, 19.30 Uhr, 22. Mai, 19 Uhr und 3. Juni, 19.30 Uhr im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355/ 78242424, an der Abendkasse oder

www.staatstheater-cottbus.de