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| 08:19 Uhr

Von der Seele geschrieben

Ingrid Schuknecht
Ingrid Schuknecht FOTO: Adi Wawro
Die Geschichten, Biografien der Ostdeutschen ergeben in ihrer Vielschichtigkeit ein Bild von der vor über 15 Jahren untergegangenen DDR. Was Ingrid Schuknecht, die heutige Bürgermeisterin von Rietzneuendorf-Staakow (Kreis Dahme-Spreewald), erlebte, hat sie sich in zwei Büchern von der Seele geschrieben. Ingvil Schirling

„Tragisch ums Leben gekommen“, das ist die Formulierung, die für den Tod ihres Ehemannes 15 Jahre lang die offizielle war. Ingrid Schuknecht, die Witwe, durfte nicht darüber sprechen. Wer hier groß geworden ist, kann sich schon denken, was da war. 15 Jahre lang schwieg Ingrid Schuknecht eisern. Die warmherzige Frau, ein Familienmensch, wie sie selbst sagt, versiegelte ihre Lippen mit der kleinen Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen dahinter. „Ich war mit drei Kindern alleine und hatte ständig Angst, dass ich eingesperrt werde, und die Kinder ins Heim kommen.“

Und während sie sich durch den Alltag kämpfte, ihre Wohnung voller Wanzen vermutete, schiefe Blicke ertrug und Normalität vortäuschte, richtete sie ihren Blick in die Zukunft. „Damals hatte ich mir geschworen, dass ich das alles einmal aufschreiben werde.“ Nun ist ihre Geschichte erschienen. Im Selbstverlag sind daraus zwei Bände geworden unter den Titeln „Wir im Osten“ und „Fliegen war sein Leben“.

Ingrid Schuknecht, patent, bodenständig und eine Ruhe ausstrahlend, die eine so verletzte Seele nicht vermuten lässt, wollte zwei ganz einfache Dinge mit ihren Büchern erreichen. Sich die Geschichte von der Seele zu schreiben war das eine. Das andere war, das Leben in der DDR so zu erzählen, wie es war. „Es war ja auch schön, das soll rauskommen“, sagt sie. „Ich will ein Buch, das realistisch ist und das Gute wie das Schlechte darstellt.“ Als Flüchtlingskind, dessen Familie in Kollm bei Niesky gestrandet war, wuchs sie dort in armen Verhältnissen auf und arbeitete sich aus eigener Kraft hoch.

Sinn fürs Machbare Eine Portion Ehrgeiz gehörte dazu, auch Klarheit und ein ausgeprägter Sinn fürs Machbare. Von ihrem Willen, Ziele zu erreichen, profitiert heute die Gemeinde Rietzneuendorf-Staakow, deren Bürgermeisterin sie ist.

Doch das Leben in der DDR hatte Schattenseiten. Mit dem Tod ihres ersten Mannes hatte die Stasi nicht unwesentlich zu tun. Ingrid Schuknecht hat den Konflikt, in den er geriet, von allen Seiten beleuchtet, seziert und aufgeschrieben.

„Mama, pass bitte auf, schau in Weisheit zurück und nicht in Groll“, gab ihr ihr Sohn, derzeit promovierender Historiker, auf den Weg. Diesen Ratschlag hat Ingrid Schuknecht beherzigt und ein Bild von der DDR gezeichnet, das von ihrer Tragödie nicht verzerrt ist. „Doch die Stasi werde ich immer hassen“, sagt sie. Vielleicht „ist es ganz gut, wenn auch unsere Leute wieder daran erinnert werden“, sagt sie nachdenklich mit Bezug auf den Bespitzelungsapparat, der ihr Familienleben damals zerstörte. „Das es so was gegeben hat, das darf man nicht vergessen, das darf nicht wieder passieren.“

Stark muss ihr Mann gewesen sein, so stark, dass er seine junge Angebetete, die gegen die Härten des Lebens rundum etwas gepolstert und nicht ganz glücklich darüber war, mit Schwung über einen kleinen Graben tragen konnte. In dem Moment schmiegt sie den Kopf an seine Schulter, und der Leser weiß: Hier ist etwas Besonderes, etwas Zärtliches, etwas von Dauer entstanden. Etwas, an das sich die Autorin so viele Jahre später noch so erinnert, als wäre es gestern gewesen. Und doch soll diese äußerliche wie innerliche Stärke nicht ausreichen gegen ein System, das sich seine Leidenschaft, das Fliegen, zum Druckmittel macht.

Das wäre der Autorin Ingrid Schuknecht schon fast zu viel verraten vom Inhalt. Schließlich ist der zweite Band gerade fertig geworden, und die Leute sollen ihn ja lesen. Sie teilt das Schicksal vieler, deren Arbeitsplatz nach der Wende abgewickelt wurde. „Jetzt beginnst du!“, sagte sie sich Anfang der 90-er. In ihrem Arbeitszimmer, das die innere Ruhe und Konzentration der Autorin exakt widerspiegelt, setzte sie sich an den Computer und schrieb die erste Fassung. „Dann fiel mir ein, dass ich nicht so mittendrin anfangen kann. Schließlich ist die Handlungsweise bestimmt von der Vergangenheit, und ich beschloss, bei meiner Geburt zu beginnen. Dabei habe ich so richtig über das Leben meiner Großeltern nachgedacht. Sie kamen von einem Bauernhof bei Breslau und haben immer an ihrem Heimatort gehangen.“ Das Bild der Großeltern, heimatlos, familienverbunden, herzlich und bedingungslos bemüht, ihren Kindern und Enkeln das Beste zu geben, wurde eingearbeitet, „und so hat sich automatisch ergeben, dass meine Eltern auch einen Platz gefunden haben“.

Entstanden ist ein großes Panorama, detailreich, fast akribisch erzählt, in dem sich viele Menschen der Region wiederfinden werden. Aus Kollm zog die Familie in die Hoyerswerdaer Neustadt, wo die Autorin und junge Protagonistin das Gymnasium besuchte, bevor sie zum Studium nach Freiberg ging. Die Familiengründung kam dazwischen. Drei Kinder zog sie groß mit ihrem Mann, dessen Herz an der Familie und ebenso sehr an der Fliegerei hing – bis zu dem Tag, der ihr Leben veränderte.

Vom Trauma befreit Zwei dicke Stasi-Akten über ihren Mann habe sie nach der Wende eingesehen, sagt Ingrid Schuknecht. Ihre Wut ist unvermindert, doch von dem Trauma hat sie sich befreit, in dem sie die Geschichte aufgeschrieben hat. Bis ins Innerste habe es sie aufgewühlt, zum zweiten Mal, während sie aus dem Gedächtnis Dialoge belebte und Situationen beschrieb. Alpträume plagten sie: „Die Stasi steht vor der Tür, nimmt mich mit, nimmt die Kinder weg.“ Nun, ein Jahr, bevor sich die Familientragödie zum 20. Mal jährt, liegen die Bücher vor. „Mir fiel ein Stein vom Herzen“, sagt Ingrid Schuknecht.

Ihre Familiengeschichte endet nicht mit der Tragödie. Sie hat ein zweites Mal geheiratet, einen Witwer. Sie wurde gläubig erzogen und schöpfte daraus innere Stärke. Sie hat sechs Enkelkinder, deren ältester Flugzeugmechaniker werden möchte und jetzt schon Flugzeugtechnik als Nebenfach am Gymnasium belegt. „Nichts kommt im Leben von ungefähr“, sagt Ingrid Schuknecht. „Es ist ein Kreis, der sich schließt, oder besser: Es sind viele Kreise, die sich schließen.“

Erhältlich ist das Buch (dessen zweiter Band erschienen ist) in der Heron-Buchhandlung in Lübben, in Buchhandlungen in Hoyerswerda, Weißwasser und Niesky sowie direkt über den Verlag Selvering, Waldstraße 24, 15910 Rietzneuendorf (Tel. und Fax 035477/4005).