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Von der Mailänder Scala zum Cottbuser Kaffeeklatsch

Sie laden zum Kaffeeklatsch am Staatstheater: Birgit Mache und Hellmuth Henneberg.
Sie laden zum Kaffeeklatsch am Staatstheater: Birgit Mache und Hellmuth Henneberg. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Der Kaffeeklatsch mit Prominenten hat zehnjähriges Jubiläum. Wir fragten Theaterarchivarin Birgit Mache und Moderator Hellmuth Henneberg nach unvergesslichen Momenten einer Veranstaltungsreihe, die zu einem beliebten Wiedersehen mit wichtigen Theaterleuten wurde. Ida Kretzschmar

Die ersten Gäste waren Wilhelm Scholz, der singende und theaterbegeisterte Tankwart aus Cottbus, der schon damals auf die 100 zuging. Dazu gesellten sich Günter Pumpa, der dienstälteste Verwaltungsdirektor Deutschlands, der 46 Jahre am Cottbuser Theater tätig war, und Sportreporter Heinz-Florian Oertel. "Die Reporterlegende war ganz verdutzt, dass er mit 78 der Jüngste in einer Runde war", erinnert sich Birgit Mache.

In dieser Reihe blitzen viele anrührende Momente auf. Manche Erinnerungen liegen ein halbes Leben zurück, manch Wiedersehen auch und manche Inszenierung, die eingespielt wird. Sie widerlegen sogar Schiller, der da dichtete: "Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze." Dabei ging es der rührigen Archivarin immer darum, Gäste jeden Alters einzuladen, die einst mit diesem Theater in seiner ganzen Bandbreite verbunden waren.

Kammersänger Konrad Rupf, der 2007 in der Runde saß, hatte immer ein Büchlein bei sich, in das er jede seiner Vorstellungen eingetragen hatte. So erfuhr Spielleiter Oper Hauke Tesch, was der Kammersänger gesungen hatte, als Tesch 1965 das Licht der Welt erblickte. Mit Inbrunst gesungen aber wurde bei so manchem Kaffeeklatsch. Kammersängerin Jutta Schubert bezauberte mit einer Tonaufnahme ihrer Arie aus dem "Vogelhändler" von 1952. Kammersänger Klaus König, der in Bad Muskau aufwuchs und nach seinem Cottbuser Debüt bis an die Mailänder Scala und ans Teatro Colón in Buenos Aires gelangte, wurde mit dem Einspielen seines Preisliedes an der Semperoper überrascht. Der Tenor revanchierte sich mit einer glanzvollen Arie.

Als Birgit Mache die Reihe aus der Taufe hob, hätte sie nie vermutet, dass sie zehn Jahre lang andauern würde. Am 17. September 2006 gestartet, sollte sie zunächst nur den 100. Geburtstag des Theaters 2008 stimmungsvoll vorbereiten. Was auch gelang. Am 3. Oktober 2008 waren Christoph Schroth, 1992 bis 2003 Intendant am Staatstheater Cottbus, und Schauspieler Günter Wolf beim Kaffeeklatsch. Leider hatte Uwe Kockisch abgesagt, der in Cottbus seine Sporen verdient hatte. Der beliebte Schauspieler ist noch immer ein absoluter Wunschkandidat. Ein anderer, Roman Cycowski, der Bassist der Comedian Harmonists, hat in den 1920er-Jahren am Cottbuser und am Gubener Theater gesungen. Er starb 1998, vielleicht hätte man ihn noch befragen können?

Der 55-Jährigen ist es wichtig, "Erinnerungen nicht verblassen, Kunst und Anekdoten wieder aufleben zu lassen."

Die Veranstaltung wurde bald so erfolgreich, dass die Plätze im Foyer der Kammerbühne nicht mehr reichten und man in den Saal umzog. Von Aufhören konnte keine Rede mehr sein.

Von Anfang an war Moderator Hellmuth Henneberg mit von der Partie. "Ich könnte mir keinen Besseren dafür vorstellen", sagt die Archivarin. Er gibt das Kompliment gern zurück: "Ohne Birgit Maches akribische Recherche und ihr Buch, das zum 100. Theatergeburtstag entstand, wäre die Reihe nie so lebendig geworden", sagt er. Dabei war er erst skeptisch, ob er Kaffeeklatsch halten sollte, hatte er doch vorher am Staatstheater "Dialoge und Debatten" moderiert, gibt der Redaktionsleiter vom rbb-Studio Cottbus (derzeit in Job-Auszeit, Sabbatical) zu. Aber schon der erste Kaffeeklatsch habe richtig Spaß gemacht.

Der 57-Jährige entstammt selbst einer Theaterfamilie. Sein Vater war der Schauspieler Gerd Michael Henneberg (1922-2011), Jahrzehnte festes Ensemblemitglied am Berliner Maxim-Gorki-Theater. Als Theaterintendant wirkte er in den 1960er-Jahren zunächst am Friedrich-Wolf-Theater in Neustrelitz, wurde danach Generalintendant am Staatstheater Dresden. "In einem Kaffeeklatsch verriet mir Wolfgang Kaul, dass er es meinem Vater zu verdanken habe, dass er Schauspieler werden konnte", erzählt Hellmuth Henneberg. Seine Mutter aber ist die Schauspielerin und Fernsehansagerin Maria Kühne, die mit ihren fast 90 Jahren noch heute keinen Kaffeeklatsch in Cottbus verpasst.

Zum Thema:
Zum 29. Mal begrüßt Moderator Hellmuth Henneberg in der Cottbuser Kammerbühne (Wernerstr. 60) am 23. Oktober, 16 Uhr, Prominente zum Kaffeeklatsch. Zu Gast sind Ekkehard Dennewitz und Alejandro Quintana, zwei bemerkenswerte Regisseure. Ekkehard Dennewitz inszenierte in den 1970er-Jahren am Theater der Stadt Cottbus. Danach führte er unter anderem Regie am Theater der Jungen Generation in Dresden und arbeitete als Oberspielleiter an den Theatern in Neustrelitz und in Plauen. Zuletzt war er fast 20 Jahre lang Intendant und Regisseur am Hessischen Landestheater Marburg. Der chilenische Regisseur Alejandro Quintana begeisterte in den 1990er-Jahren bis 2004 mit seiner besonderen Bildsprache Publikum und Künstler am Staatstheater Cottbus. Danach inszenierte er unter anderem in Rostock, Schwerin, Chemnitz und wirkte in den letzten acht Jahren als Schauspieldirektor und Chefregisseur am Theater Heilbronn. Ab 15 Uhr Einlass & Gastronomie, Karten: sieben Euro