Horvath schrieb 22 Theaterstücke, doch gerade sein Roman wird immer wieder für die Bühne eingerichtet. Sicher, weil er so deutlich Kritik am Nationalsozialismus übt. Der Dichter, der nach einem Treffen mit Robert Siodmak in Paris am 1. Juni 1938, nachdem er mit ihm über die geplante Verfilmung des Romans gesprochen hatte, von einem umstürzenden Baum erschlagen worden ist, hat allerdings keine konkreten Namen oder Fakten in seinem Roman benannt. Doch die Anspielungen sind deutlich, auf Nationalsozialismus und Militarismus, und auf die Unterstützung Francos im Spanischen Bürgerkrieg. 0b dieser Text uns allerdings wirklich zeitlos-Aktuelles zu unserer Zeit zu sagen vermag (Stichworte: deutsche Soldaten in Afghanistan, Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus), scheint mir zu didaktisch gehofft.

Er soll einer von uns sein

Der letzte Zuschauer, der, eine Bierbüchse in der Hand, die Studiobühne betritt, greift sich einen Programmzettel und zündet sich eine Zigarette an. Er trägt militärische Tarnuniform und wird von einem Schauspielerkollegen, als vom Eingang "Zurückbleiben bitte" und das von der Berliner S-Bahn bekannte Klingelzeichen für das Schließen der Türen erklingen, harsch angefahren. Klar, Horvaths anonymer, arbeitsloser Ich-Erzähler, der in seinem 1937 vollendeten Roman "Ein Kind unserer Zeit" zum Militär geht, soll einer von uns sein. Und so sitzen wir auf Holzbänken auf beiden Seiten und in den zwei Etagen einer Raumbühne mitten im Geschehen. Dieser gekachelte Durchgangsraum mit Wandöffnungen (Bühne: Katharina Sichtling) wirkt angemessen trost- und zeitlos. Hier wird erst einmal gebrüllt, es heißt "Stillgestanden" für drei Militärs, zwischen denen sich die Hauptfigur geborgen fühlt. "Jetzt steht immer einer neben dir", "Ordnung muss sein" und "das Höchste ist das Vaterland", das "gut gefürchtet" sein müsse, erfahren wir, bevor alle drei die ersten Worte des Romans singen: "Ich bin gern Soldat."

Dann steigt der Musiker Mando, der das Geschehen mit Gitarre und Human Beat Box atmosphärisch live grundiert, als werbender Ausrufer für Unterhaltungsangebote hinab in den Raum. Er macht die Zuschauer an, verteilt Lose und später Bratwurst, während die Soldaten Luftballons zerschießen oder über Frauen räsonieren: "Du brauchst die Weiber", jedenfalls zur Herstellung rassisch einwandfreier Kinder.

Till Demuth spielt die Titelfigur von Anfang an als nachdenklichen, suchenden Mann. Auch wenn er mittönt, "Es gibt ein Land, das werden wir uns holen", und zwar, indem "wir säubern", steckt darin weniger Aggressivität als selbstverständliche Gedankenlosigkeit.

Es ist ein Roman, dessen nüchtern poetische Sprache das unschöne Kälterwerden von Menschen und Situationen bestürzend klar versinnlicht. Auch wenn Theaterfassung und Inszenierung von Nicole Oder manchmal den eigenen Ton von Horvath nicht treffen (können), besitzt die knapp eindreiviertelstündige Aufführung große, auch unterhaltende szenische Kraft.

Während der Musiker Mando mit seinen beatbox-Mundgeräuschen die jeweilige Stimmung liefert, spielen sich die drei Schauspieler durch 18 unterschiedliche Figuren. Sie bieten keine Psychogramme oder ausgefeilten Figurenentwicklungen, sondern malen ihre Figuren vor allem durch Kostümwechsel und mit mimisch-gestischer Überdeutlichkeit aus. So wechselt Tanya Erartsin souverän von einer groben Soldatenfigur zur träumerisch liebreizenden Kassiererin auf dem Rummel, während Bernd Färber, der u. a. vom steifen Offizier zum Einmann-Würstchenstand (als Vater des Soldaten) wird, eher die (auch hilflose) Komik seiner Figuren betont.

Spielerisches Klischee

Die Entwicklungsgeschichte des freiwilligen Soldaten wird, verglichen mit dem Roman, verkürzt. Wenn der Soldat, der seinen Hauptmann im Krieg retten wollte, ohne zu wissen, dass dieser aus Ekel am Krieg Selbstmord machte, mit zerschossenem Arm erst ins Lazarett und dann in die Invalidität und Arbeitslosigkeit entlassen wird, so erscheint in dieser Inszenierung die (auch erotische) Zusammenkunft mit der Hauptmannswitwe nur als spielerisches Klischee. Während die bei Horvath vor allem in der Fantasie stattfindende Begegnung mit einer Rummelplatzkassiererin und die weitere sehnsüchtige Suche nach ihr hier mit handfester Deutlichkeit statt mit Horvaths poetischer Offenheit gezeigt wird.

Zu allen emotionalen Szenen zithert die Gitarre von Mando. Der Soldat träumt von der Kassiererin, doch diese sitzt, nachdem sie wegen Schwangerschaft (nicht von ihm) abgebaut und dann, bei Horvath wegen Abtreibung, bei Nicole Oder wegen Aussetzung ihres Kindes, im Knast. So tötet der Soldat aus hilfloser Wut den verantwortlichen Buchhalter. Verzweifelt, vereinsamt, seiner Freude am Soldatentum und seiner klaren Wertvorstellungen verlustig und auch mit der Hoffnung auf Liebe gescheitert, stirbt das Kind seiner Zeit am Schluss im Park in der Winterkälte, - und die Schauspieler lassen dazu den Schnee in die Szene rieseln.

Der Abend ist klar in seiner Botschaft und überzeugt mit seiner so einfachen und zugleich einfallsreichen Formensprache. Er ist, bei allen kleineren Einwänden, ein besonderer für die Neue Bühne Senftenberg. Die junge Regisseurin Nicole Oder vom Heimathafen Neukölln, bekannt mit "Arabqueen" und "ArabBoy", die vor Kurzem auch schon auf der kleinen Bühne des Staatstheaters Kassel inszeniert hat, beweist sich mit ihrem Senftenberger Horvath als ein hoffnungsvolles Regietalent.