"Träumerisch" und "ohne rechte Überlegung und alle Kritik" habe er seinen Roman 1895 geschrieben, behauptete Fontane in einem Brief. Einen Roman, der mit aller Poesie doch recht deutlich zeigt, wie sich eine junge Frau an gesellschaftlichen Konventionen wund stößt. Weshalb Gustaf Gründgens für die erste Verfilmung des Romans (1938 mit Marianne Hoppe) den Titel "Der Schritt vom Wege" wählte und, nach einem BRD-Film 1955 mit Ruth Leuwerik sowie dem Defa-Film von 1969 mit Angelika Domröse, Rainer Werner Fassbinder seiner Verfilmung den kritischen Titel gab: "Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen".
Fassbinders Titel könnte auch über der Senftenberger Fassung stehen, die sich auf neun Personen konzentriert. Dramaturgin Gisela Kahl hat ihre geschickt komprimierte Version aus vielen verknappten, stets auf eine klare Aussage oder deutliche Erklärung zugespitzten Dialogszenen montiert. Für dieses Kammerspiel hat Bühnenbildnerin Ulrike Schlafmann Zeichen gefunden, die das Thema des Romans sehr schön (auch bei den Kostümen) im Kontrast von Hell und Dunkel, von Beweglichkeit und Steifheit verdeutlichen.
Die schmale, lang gestreckte Stu diobühne wird (als Wohnhöhle) begrenzt von hochlehnig unbequemen, weißen Holzstühlen. Außerdem gibt es ein blindes Fenster, einen Vorhang für die Spukgeschichten und eine Schaukel für den jugendlichen Schwung der Heldin.

Vorausschauende Rahmenhandlung
Das Stück beginnt mit einer vorausschauenden Rahmenhandlung: Effi sitzt auf der Fensterbank und träumt einen traurigen Dialog mit der von ihr getrennten Tochter, die alle emotionalen Wünsche der Mutter nur mit stereotypem "Oh gewiss, wenn ich darf" abwehrt. Wenn Effi dann zur Schaukel tritt, ein Matrosenkleid überzieht und sich fröhlich zurück in die jugendliche Unbeschwertheit des 17-jährigen Mädchens schaukelt, das von ihrer Mutter die Heirat mit dem 20 Jahre älteren Baron von Instetten angetragen bekommt, weiß der Zuschauer von Beginn an, dass die Ehe scheitern wird. Die Versicherung der Mutter, Effi werde durch die Heirat mit 20 schon das erreicht haben, was andere erst mit 40 erlangten, muss für das junge Mädchen eine unbewusste Drohung sein. Wie soll sie sich selbst finden, wenn alles schon vorgezeichnet ist? "Ich war ein Kind", wird sie am Schluss sagen, wenn sie wieder auf der Fensterbank sitzt und ihre Mitschuld am Scheitern der Ehe akzeptiert, denn "man braucht nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch darauf."
Juschka Spitzer wirft sich geradezu in die wechselnden Empfindungen und Haltungen ihrer Effi. Die Darstellerin kann wunderbar backfischhaft schwärmen, sie kann neugierig leidenschaftlich sein und vermag selbst die Ängstlichkeit vor den von ihrem Mann zu ihrer Domestizierung eingesetzten Spukgeschichten durchaus glaubhaft zu vermitteln. Doch den unwirklichen Zauber der Romanfigur trifft die Darstellerin, die ohne psychologische Zwischentöne nur eindeutige Haltungen und Empfindungen vorspielt, letztlich doch nicht. Während bei Fontane ihr Mann ein Jugendfreund der Mutter und 20 Jahre älter ist, wirkt dieser in Roland Kurzwegs Darstellung eher gleichaltrig. Auch wird dessen Steifheit und Prinzipientreue mehr durch Kostüm und Körperhaltung als durch szenisches Spiel verdeutlicht.

Sympathischer Instetten verwundert
Letztlich wirkt dieser Baron von Instetten wie ein ganz netter Kerl und man versteht nur schwer, warum Effi mit diesem freundlich bemühten, wenn auch von beruflichen Zwängen bestimmten Mann, nicht glücklich wird. Was beide trennt, wird mehr gesagt als gespielt. Und so bleibt für den Zuschauer eine emotionale Distanz zu allen Figuren. Dass Effi nicht nur von Vergnügungssucht und gesellschaftlichem Ehrgeiz, sondern auch von der Hoffnung nach Liebe getrieben wird, dass Instetten dagegen sachlicher ist und nach festen Prinzipien lebt, wird durchaus klar. Doch wünscht man sich die Figuren manchmal vielschichtiger, nicht gar so eindeutig, und würde ihre Einsamkeit und ihr sehnsuchtsvolles Inneres mit Vater Briests Worten gern als "ein weites Feld" erfahren. Regisseurin Esther Undisz vertraut der übertragbaren Aktualität dieser alten Geschichte zu Recht, sie versucht keine Aktualisierungen, sondern erzählt F ontane mit großer Sorgfalt und handwerklicher Genauigkeit in den Beziehungsszenen nach. Doch führt die Bedachtsamkeit der kaum zweistündigen Inszenierung auch zu Bedächtigkeit und gelegentlicher Langwierigkeit.
Insgesamt ist dies aber ein solider Abend mit guten Schauspielern. Mirko Warnatz und Sybille Böversen geben dem Elternpaar Briest eine solide Sachlichkeit, in der Fontanes Humor leise mitschwingt, Inga Wolff vermag das gute Dienstmädchen Roswitha ganz ohne Pathos in Munterkeit und Ernsthaftigkeit zu beglaubigen, Stefan Bergel ist der ganz ins hoffnungsweiß gekleidete Major von Crampas, der seine Affäre mit Effi ohne alles Imponiergehabe spielt, und Kai Windhövel, der mit hochgezogenen Schultern, wie eingezwängt in seinem Überzieher, wunderbar verdruckst daherkommt, erscheint so kleinbürgerlich wie liebenswert.