Aufgewachsen im Schwarzwald, studiert er nach der Schule in Potsdam Psychologie, später in Berlin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ auch Schauspielerei. Es folgen erste Engagements am neuen theater halle, am Kinder- und Jugendtheater „Carrousel“ (heute Theater an der Parkaue) in Berlin und am Staatstheater Cottbus. „Dass ich letzlich in Senftenberg an der Neuen Bühne gelandet bin, war ein glücklicher Zufall“ , bemerkt der 33-jährige Ulrich Blöcher, „vielleicht aber doch eher eine Fügung des Schicksals.“ Er ist sehr abergläubisch, der junge Mann mit den stechend blauen Augen, den dunkelblonden kurzen Locken und dem ausgeprägten Sinn für Freiheit. Und eigentlich gibt es für ihn keine Zufälle. „Ich war am Cottbuser Staatstheater unglücklich und auf der Suche nach etwas Neuem“ , berichtet er. So sei er einfach nach Senftenberg gefahren und ins Büro von Intendant Sewan Latchinian spaziert, den er noch aus seiner Zeit in Berlin kannte, und habe gefragt, ob er nicht einen Job für ihn hätte. „Und wie es das Schicksal so will, hatte just eine Stunde vor mir ein anderer im Intendantenbüro gesessen und das Engagement abgesagt, das ihm angeboten wurde“ , sagt Blöcher, lächelt und schlägt die Beine übereinander. Die braunen Boots an seinen Füßen stoßen dabei versehentlich gegen den kleinen Beistelltisch in der Kantine der Neuen Bühne. „So habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Stelle bekommen, ohne vorsprechen zu müssen“ , fügt er hinzu.
Mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern Charlotte (zwei Jahre) und Josefine (acht Monate) zog er kurz darauf nach Senftenberg. „Vorher hat meine Familie in Berlin gelebt, ich in Cottbus, jetzt sind wir endlich alle zusammen“ , erzählt er glücklich. Wenn er ein Wochenende mit der Familie verbringen wollte, musste er einen Antrag stellen und genehmigen lassen, der ihn zum Verlassen der Stadt berechtigte, „das ist aber an jedem Theater so, schließlich müssen sie die Aufführungen absichern“ , relativiert der Schauspieler die Vorgehensweise für einen zweitägigen Ausflug.
Eingeengt fühlt er sich trotzdem. Aber auch deswegen, „weil es immer und überall Regisseure gibt, bei denen die Schauspieler kaum Entscheidungsfreiheit und eigene Gestaltungsmöglichkeiten haben“ , wie er es formuliert. Da kommt er wieder heraus, der Freiheitsdrang, den auch der junge W. spürte. In Senftenberg war das anders, wie so vieles. „An der Neuen Bühne herrscht eine schöne Energie, die Kollegen sind nett, die Stimmung ist gut. Das habe ich so noch nie erlebt“ , berichtet er. „Die Zusammenarbeit mit Steffen Pietsch, der ,Feuerherz' inszeniert hat, war wirklich schön. Ich konnte viel von mir und meinen Vorstellungen mit einfließen lassen und so die Rolle von W. mitentwickeln“ , erklärt er. Das sei wesentlich besser, als wenn alles schon feststehe und man nur noch ausführen solle.
Im selben Moment kommt Steffen Pietsch um die Ecke in die Kantine. „Spricht man vom Bär, kommt er daher“ , murmelt Ulrich Blöcher, begrüßt den Regisseur per Handschlag und bestätigt einmal mehr: „Das war jetzt bestimmt kein Zufall.“
Nach einem Schluck aus der Kaffeetasse lehnt sich der in legerer Jeans und khakifarbenes T-Shirt gekleidete Blöcher entspannt auf der schwarzen Couch zurück. „Neben dem Schicksal glaube ich auch an die Zahlenmystik“ , gibt er zu. Denn bestimmte Zahlen würden einfach Glück bringen, „deshalb achte ich genau darauf, dass diese in meinem Leben vorkommen“ , ergänzt er. Welche das seien, verrate er aber nicht.
Ob er auch einen Glücksbringer mit auf die Bühne nehme? „Nein, so was habe ich nicht, aber vielleicht sollte ich mir mal einen zulegen. Daran habe ich bisher noch gar nicht gedacht“ , gesteht er, während er nachdenklich mit den Fingern an der Lippe zippelt.
„Es ist schade, dass man bei festen Engagements so viel einfach machen muss“ , kommt er noch einmal auf das Thema Freiheit zurück. Später einmal will er gerne frei arbeiten, vielleicht ein bisschen Fernsehen machen, aber trotzdem weiter Theaterspielen. „Was mich am Spielen so fasziniert, ist, nach dem zu suchen, was ich nicht bin und an mir erst entdecken muss“ , berichtet er. Bei W. sei das zum Beispiel die Kompromisslosigkeit. „So bin ich privat nicht, ich löse meine Konflikte, die denen W.s ähneln, ganz anders“ , sagt er. Die rechte Hand unterstützt seine Aussagen unbewusst durch kleine Gesten. Während W. sich gegen die Familie entschied, hat sich Ulrich Blöcher bewusst dafür entschieden.
Eine perfekte Rolle gibt es für ihn nicht. „Ich habe kein Traumbild“ , sagt er. Aber den Jago in Shakes peares Othello, der würde ihn reizen. „Er ist wie ich ein großer Pessimist, steht aber im Gegensatz zu mir dazu“ , beschreibt er die Figur. „Ich würde dabei verzweifeln. Man darf sich von der Welt nicht unterkriegen lassen, sondern muss eben weitermachen, egal wie schlecht sie ist“ , erklärt der junge Vater, der vor Beginn der nächsten Spielzeit drei Monate Elternzeit nimmt. Außerdem finde er Jagos gnadenlose Ehrlichkeit bewundernswert, „er beschönigt nichts, packt die Menschen an ihren wunden Punkten und legt ihre Abgründe frei.“
Und auch den Sisyphos würde er gern einmal spielen. „Aber so weit ich weiß, gibt es kein Stück mit ihm“ , sagt er wehmütig. Aber der griechische Gott, der dem Mythos zufolge den Tod überlistet hat, gefalle ihm. „Er war frech und hat sich nicht einfach mit der Welt abgefunden“ , sagt er und grinst dann verschmitzt. Auch einer, der sich nicht nur unterordnen wollte, sondern von dem Gedanken an die Freiheit angetrieben wurde.