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| 18:34 Uhr

Von dem, was war und hätte werden können

Seelenverwandte: Gisela Steineckert und Dirk Michaelis.
Seelenverwandte: Gisela Steineckert und Dirk Michaelis. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Nicht enden wollender Beifall, Standing Ovations am Donnerstagabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus – Wertschätzung für zwei Künstler, die viel mit der Identität der Menschen hierzulande zu tun haben: die Lyrikerin Gisela Steineckert und der Musiker Dirk Michaelis. Renate Marschall

Was für ein Abend! Zuhausig war er, stellt Gisela Steineckert am Ende fest. Da standen nicht nur zwei Seelenverwandte auf der Bühne, sondern auch die im Saal fühlten sich zugehörig, erkannten sich in den Geschichten und Liedtexten wieder. Wenn Dirk Michaelis davon singt, dass es uns eigentlich gut geht - eigentlich. Weil wir Fenster vor den Fenstern haben und Dächer vor der Sonne. Kein Phänomen, das allein mit der Überdosis Großstadt zu tun hat, von der im Lied die Rede ist. Denn wenn wir hinausschauen in die Welt - die vor der Tür und die vermeintlich weit entfernte - ist das mit dem guten Gefühl nicht mehr so einfach . . . Was die Stärke dieser Texte ausmacht, ist ihre Vielschichtigkeit.

An diesem Abend ging es um das, was im Leben wichtig ist - Aufrichtigkeit, eine Haltung zu haben, Mitgefühl - und natürlich die Liebe. Sie ist, in allen Facetten, Gisela Steineckerts Thema. "Brevier für Verliebte", "Das Schöne an den Männern", "Das Schöne an den Frauen", "Das Schöne an der Liebe" sind Titel ihrer Bücher.

Kennen wir so was nicht alle?

Es ist das Leben, das ihre Geschichten schreibt - traurige und lustige, politische und skurrile - immer berühren sie. Wie die von der 100-jährigen Hildi, die meint, nicht wirklich gelebt und geliebt zu haben und sich schließlich doch an ein reiches Leben erinnert: Trümmerfrau war sie, hat die ersten Steine für ein neues Leben aufeinandergelegt und abends in Klärchens Ballhaus getanzt. Begehrt war sie - aber der Richtige war nicht dabei.

Hildi teilt das Schicksal vieler Frauen ihrer Generation, in der Männer Mangelware waren. Oder wenn die Schriftstellerin eine Liebeserklärung an ihre Familie macht. Sie erzählt, wie verwundert sie war, dass trotz ihres Schenkelhalsbruchs kurz vor Weihnachten, das Fest stattfand. "Eigentlich wusste ich, dass meine Tochter das kann - wenn ich sie lasse."

"Ohne Liebe ist es kein Leben und ohne Leben drin keine Liebe", sagt die Steineckert und Dirk Michaelis macht seine Lieder drauf, Balladen, die die Kraft der Liebe beschwören: "Die Nacht hat vier Augen und zwei Herzen" -"manchmal streichst du mir durchs Haar, machst mit einem Handstreich alles klar". Es sind wunderschöne poetische Liebeserklärungen.

Wie aufmerksam sie ihm zuhört, wenn er singt und er ihr, wenn sie erzählt - als wäre es das erste Mal, dass sie zusammensitzen. Nichts wirkt eingeübt. Zum Amüsement der Zuschauer behauptet sie, dass man Sänger mit unaussprechlichen Wörtern aus der Fassung bringen könne. Michaelis tritt mit dazwischenzwitschern den Gegenbeweis an. Und schließlich widmet er sich noch einem merkwürdigen Instrument - der Maultrommel. Mit ihr und 1199 anderen war er Teil eines Maultrommel-Orchesters in Sibirien, das es ins Guinness-Buch geschafft hat. Eine Kostprobe gibt er unter anderem mit ein paar Takten von Beethovens Ode an die Freude. Erstaunen auf der Bühne, als im Saal plötzlich textsicher mitgesungen wird. Ein gebildetes Publikum sei hier zusammengekommen, meint Gisela Steineckert, und ob so was in 20 Jahren wohl auch noch möglich sei?

Größter Ostrock-Hit

"Wir haben vieles richtig gemacht, der Gedanke tut mir gut, kurz vor dem 85. Ich möchte die Welt verändern - das kann ich nicht. Aber solange ich lebe, werde ich es versuchen", bekennt die Schriftstellerin.

Seit 30 Jahren ist sie mit Dirk Michaelis befreundet. Der Anfang hat mit jenem Song zu tun, der zum größten Ostrock-Hit werden sollte: "Als ich fortging". Dirk Michaelis, damals Sänger bei "Karussell", brachte ihr 1987 eine Kassette und bat um einen Text zu der Melodie darauf. "Geht nicht", ließ sie den Musiker abtreten. "Ich war damals Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst, da konnte ich doch nicht für eine Band . . . ", versucht sie zu erklären. Die Kassette aber blieb. "Ich dachte, reinhören musst du schon mal. Die Wörter fügten sich in meinem Kopf wie von selbst. Und wenn der Text nun schon mal fertig war . . . " Es ist eins der schönsten Liebeslieder, das durch die politischen Ereignisse Ende der 80er-Jahre in der DDR zur Wende-Hymne wurde.

Nichts ist unendlich, das galt auch für diesen Abend. Das Lied entließ das mitsummende Publikum in die Nacht, und jeder konnte seinen eigenen fast vergessenen Träumen nachhängen, dem, was war und hätte werden können.

Zum Thema:
Gisela Steineckert: 1931 in Berlin in ärmlichen Verhältnissen geboren. Arbeitete nach dem Krieg als Sozialhelferin in Kindergärten, später kaufmännische Lehre und Tätigkeit als Sprechstundenhilfe. Seit 1957 freischaffend. 1979 wurde sie Mitglied des Komitees für Unterhaltungskunst der DDR, von 1984 bis 1990 war sie dessen Präsidentin. Seit 1973 ist sie in dritter Ehe mit Wilhelm Penndorf, einem ehemaligen Rundfunk-Chefredakteur für Musik, verheiratet. Die Schriftstellerin Kirsten Steineckert ist ihre Tochter aus erster Ehe. In zweiter Ehe war sie mit Heinz Kahlau verheiratet. Dirk Michaelis: 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Seine Eltern waren Tänzer, sein Stiefvater war Gerd Michaelis, der Leiter des Gerd Michaelis Chors. Der gelernte Maurer reiste seit 1980 als Amateurmusiker durch die DDR. Er bestritt seinen Lebensunterhalt in dieser Zeit unter anderem als Krankenpfleger und Kindergärtner. Mit dem Einstieg bei Karussell 1985 als Sänger wurde er Berufsmusiker.