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Vom Versuch, die Menschheit zu retten

Stets streitlustig: Wolf Biermann.
Stets streitlustig: Wolf Biermann. FOTO: dpa
Lübbenau. 250 Plätze im stilvollen neuen Saal des Schlosses Lübbenau sind besetzt. Der Dichter, Liedermacher, politische Denker Wolf Biermann, 1976 spektakulär aus der DDR ausgebürgert, stellt innerhalb der Lausitzer LesArt seine gerade erschienene Biografie "Warte nicht auf bessere Zeiten!" vor. Renate Marschall

Zunächst aber heißt es warten auf den Gast. Biermann sei aufgehalten worden, informiert Hausherr und Gastgeber der Gemeinschaftsveranstaltung von Brandenburgischem Literaturbüro und RUNDSCHAU, Rochus Graf zu Lynar, die Gäste. Schnell macht der Name Manfred Krug die Runde, die Kunde von seinem Tod war erst einige Stunden alt. Lynar bestätigt, der Dichter müsse in Berlin noch ein Fernsehinterview geben.

Als Biermann kommt, ist er noch merklich aufgewühlt. Nicht so sehr wegen Krug, sondern weil er im Zug sein Notizbuch liegen gelassen hat. "Seit ich 16 Jahre alt war, habe ich wie ein Stasispitzel ohne Führungsoffizier alle Wichtigkeiten und Nichtigkeiten aufgeschrieben", erzählt er. 250 eng beschriebene Seiten weg - eine Katastrophe. Glücklicherweise konnte das Zugpersonal informiert und das Buch gerettet werden.

Hass-Liebe

Das wievielte Notizbuch seit 1954 mag das sein, in diesem wechselvollen, ereignisreichen Leben? Seiner Autobiografie jedenfalls ist es zugutegekommen, detailreich beschreibt er die gesellschaftliche Realität in der DDR, wie er sie erlebt hat. Seine Hass-Liebe zum Arbeiter-und-Bauern-Staat, der ihm, dem Kommunisten, das Leben schwer gemacht hat. Dabei hat er nur versucht, den Idealen, die seine Mutter Emma, eine Hamburger Kommunistin, ihm mitgegeben hat, treu zu bleiben. Das sollte schon seit den ersten Tagen seines Aufenthalts in der DDR auf eine harte Probe gestellt werden, beschreibt es Biermann im Buch. Aus dem liest der Schauspieler Klaus Dieter Klebsch, auch als Stimme von Dr. House (Hugh Laurie) bekannt.

Damals sei es Mode gewesen, dass Genossen aus Hamburg "die eigene Brut" in die DDR schickten. Beseelt war der junge Wolf ins Internat nach Gadebusch, in das Deutschland gefahren, das ihm, dem Kommunistenkind, viel eher Heimat sein sollte als die BRD. "Ich wollte lernen, wie man den Kommunismus aufbaut und die Menschheit rettet", bekennt er im Gespräch mit dem Journalisten Andreas Oeler. Gerade eine Woche war er im Osten, als er erleben musste, wie Mitglieder der Jungen Gemeinde genötigt wurden, aus der Kirche auszutreten. Schon damals konnte er die Klappe nicht halten, begehrte sein kritischer Geist gegen diese Maßregelung auf - sehr pointiert. "Ich war der Sohn meiner Mutter." Und er fühlte sich stets dem Vater verpflichtet, der, Jude und Kommunist, in Auschwitz ermordet wurde. "Dafür ist mein Vater nicht gestorben", das sollte er im Laufe der Jahre immer wieder sagen.

Zu weit driftete der Realsozialismus von dem ab, was die alten Kommunisten erträumt hatten.

Mutter Emma war schnell klar, woran es vor allem mangelt. "Du studierst Wirtschaft, die kriegen das nicht hin", verfügte sie. Mit dem Studium an der Humboldt-Uni wurde nicht viel, das Berliner Ensemble hatte eine viel größere Sogwirkung. Brechts Frau Helene Weigel stellte ihn ein.

"An die alten Genossen"

Biermann erinnert sich, wie er als junger Poet nach einer Veranstaltung an der Akademie der Künste, bei der er unter anderem sein Lied "An die alten Genossen" sang, das die gar nicht amüsant fanden, plötzlich auf dem Index stand. Er erzählt, wie Margot Honecker, deren Vater und Biermanns Großvater waren Kampfgefährten im Rotfrontkämpferbund, versuchte, ihn auf den "richtigen" Weg zu führen. Gebracht hat es nichts.

Elf Jahre Veröffentlichungsverbot. Dennoch, so sagt er, sei er der am wenigsten isolierte Mensch in der DDR gewesen. Namhafte Künstler aus aller Welt geben sich bei ihm die Klinke in die Hand. Und auch Emma kam regelmäßig. Auch wenn sie täglich neu über West-Berlin einreisen musste, dabei jedes Mal einer Leibesvisitation von "Mielkes Gummifinger" unterzogen wurde. Ihr Sohn wusste, wie er das beenden konnte. Er rief seinen Freund Robert Havemann an, Kommunist und Regimekritiker wie er. "Ich konnte doppelt sicher sein, dass ankommt, was wir sprechen." Und so drohte Biermann: Wenn die Stasischweine das heute noch mal machen, dann mache ich genau das, worüber wir neulich gesprochen haben. Die Mutter blieb unbehelligt.

"Herzenskind" Manuel

Auch wenn vieles im Buch den Anschein von Leichtigkeit hat, Biermann oft mit seiner Schlitzohrigkeit doch zum Erfolg kam, es gab auch Momente voller Angst. Ergriffen erinnert er sich beispielsweise an eine Autofahrt mit seinem "Herzenskind" Manuel, bei der die manipulierten Bremsen versagten. Nur seiner Geistesgegenwart war zu danken, dass nichts passierte. Mit dem längst erwachsenen "Herzenskind" stand er dann einen Tag nach seiner Lübbenauer Lesung in Leipzig auf der Bühne. Manuel Soubeyrand, inzwischen Intendant an der "neuen Bühne" Senftenberg, übernahm den Part des Lesers.

Zum Thema:
1936 in Hamburg geboren, übersiedelte 1953 in die DDR und veröffentlichte ab 1960 erste Lieder und Gedichte. Wegen deren kritischer Auseinandersetzung mit der SED-Parteidiktatur wurde 1965 ein totales Auftritts- und Publikationsverbot verhängt. Nach einem mit Kalkül genehmigten Auftritt 1976 in Köln wurde Biermann die Wiedereinreise in die DDR verweigert. Folge war eine große Protestwelle in Ost und West. Sie gilt als Anfang vom Ende der DDR.