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Vom Saulus zum Paulus

Begeisternde Aufführung des "Paulus"-Oratoriums im Rahmen des 40-jährigen Jubiläums der Cottbuser Singakademie im Staatstheater.
Begeisternde Aufführung des "Paulus"-Oratoriums im Rahmen des 40-jährigen Jubiläums der Cottbuser Singakademie im Staatstheater. FOTO: M. Kross
Cottbus. Das Jubiläumskonzert "Paulus" riss das Publikum am Samstag im Cottbuser Staatstheater von den Sitzen. Ein musikalischer Hochgenuss. Rüdiger Hofmann

Es war ein wahrer Ohrenschmaus, der am Samstagabend im Cottbuser Staatstheater präsentiert wurde. Zum 40-jährigen Jubiläum der Singakademie Cottbus gaben Opernchor, Sängerinnen und Sänger der Chöre der Singakademie, das Philharmonische Orchester sowie ausdrucksstarke Solistinnen und Solisten ein Konzert der Extraklasse. Chordirektor Christian Möbius dirigierte das Oratorium "Paulus", komponiert von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Kaum zu glauben, wie jemand mit 25 Jahren in der Lage ist, solch ein Werk zu erdenken, in Noten zu pressen und der Welt als gewaltiges Oratorium preiszugeben. Mendelssohn begann in diesem Alter mit der Komposition des "Paulus". Das Werk wurde anlässlich des Niederrheinischen Musikfestes in Düsseldorf unter der Leitung des Komponisten am 22. Mai 1836 uraufgeführt. Es erfreute sich eines außergewöhnlichen Erfolges, der alles in den Schatten zu stellen schien, was an Oratorien seit Haydns Spätwerken in Deutschland geschrieben worden war und steht zugleich in der großen Tradition der spätbarocken Oratorien, also in der Nachfolge von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach. Von Düsseldorf aus trat der "Paulus" seinen Siegeszug durch Europa an. Kernelemente des Oratoriums: volle Ausdruckskraft, liedhafte, klassisch-romantische Formen, gespickt mit Elementen des Spätbarock. Den Text stellte Mendelssohn selbst mit dem Theologen Schubring nach Aussagen der Bibel zusammen. So entstand mit Chören, Chorälen und Rezitativen eine dramatische Lebensgeschichte des Paulus, der vom Christenverfolger Saulus zum glühenden Christus-Nachfolger Paulus wird, eindrucksvoll mit schöner Musik in Szene gesetzt.

Das Oratorium ist in zwei Teile gegliedert, beschreibt im ersten Teil die Verfolgung der Christen (Märtyrertod des Stephanus durch Steinigung) und das Damaskuserlebnis mit der Erscheinung Christi. Der zweite Teil erzählt von der Arbeit Paulus als Missionar und von den damit verbundenen Gefahren.

Musikalisch übernahmen bei der Aufführung die Chöre vielfältige Aufgaben: meisterhaft kommentierten sie das Geschehen, mahnten als Stimme Christi eindringlich und steigerten sich dann als hasserfüllter Volkshaufen mit kraftvoller Lautstärke und opulenten Klangfarben - mit einer Präzision und Dynamik und zugleich leichtfüßig an vielen Stellen.

Das Solistenquartett zeigte sich sehr gut präpariert: die Sopranistin Debra Stanley mit runder und warmer Stimme, Marlene Lichtenberg, Mezzosopran, mit zwar nur kurzen, aber klaren und kräftigen Gesangsdarbietungen (von der man gern noch mehr Passagen gehört hätte), der Raum füllende Tenor von Hardy Brachmann sowie Christian Henneberg als Bariton, der in seinen Partien durch große Bandbreite bestach. Alle vier Solisten sangen mit deutlicher Artikulation und Nuancenreichtum und zu jeder Zeit ausgewogen. Nils Stäfe, Bass, unterstützte das Quartett in seinen Kurzauftritten souverän.

Das Orchester war ein zuverlässiger Begleiter für die Solisten und den Chor. Klangsicher und elegant präsentierten sich vor allem die Holzbläser, aber auch die Bläser und Celli überzeugten. Der Chor nahm das hasserfüllte "Steinigt ihn!" mit einem vorwärtsdrängenden Rhythmus auf und leitete so zu Paulus Märtyrertod über. Der gewaltige Schlusschor ließ in imposanter Klangfülle den Lobpreis Gottes erschallen. Chor und Orchester boten allen Gestaltungswillen auf und beendeten das Werk mit strahlenden Dur-Folgen.

Chordirektor Christian Möbius dirigierte mit sichtlicher Freude an dieser bewegenden Musik. Präzise in den Einsätzen, einzelne Instrumentalgruppen sowie Stimmgruppen des Chores im Blick, aber nie das Ganze aus den Augen verlierend, war sein Dirigat durchsichtig, übersichtlich und anspornend. Das Publikum reagierte begeistert: Minutenlange, teilweise stehende Ovationen entließen die Musiker in die wohlverdiente Sommerpause.