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| 02:36 Uhr

Vom Ruhm der Unzufriedenheit

Siegfried Pitschmann 1964 bei einer Lesung in Schwarze Pumpe.
Siegfried Pitschmann 1964 bei einer Lesung in Schwarze Pumpe. FOTO: Archiv Schwarze Pumpe
Ein Jahr nach s (1930-2002) postum veröffentlichtem Roman "Erziehung eines Helden" erscheinen die "Erzählungen aus Schwarze Pumpe" in ihren Originalfassungen erstmals gemeinsam in einem Band. Der Autor, der am heutigen 12. Januar 86 Jahre alt geworden wäre, lebte viele Jahre mit Brigitte Reimann in Hoyerswerda. Die RUNDSCHAU druckt mit freundlicher Genehmigung des Aisthesis-Verlages vorab exklusiv eine Erzählung aus dem Band. Siegfried Pitschmann

Mein Freund, der Trocknerwärter in der Brikettfabrik W., liebt keine langen Reden. Er geht in die fünfzig, und ich kenne ein paar Leute, denen er nicht bequem ist. Er hat eine unschätzbare, unverwechselbare Eigenschaft: Er ist nie zufrieden.

Nun ist das keine Nörgelsucht um jeden Preis, auch nicht raffzähniges Schnappen nach jedem Zipfel unseres ansteigenden Lebensstandards - hier zeigt sich eine neue Qualität von Unzufriedenheit, schöpferischer Unrast, ohne Vorbehalt im Dienst der Gesellschaft.

Er steht gerade am Trockner 11, der vor wenigen Minuten angefahren ist. Er hat seine alte Mütze abenteuerlich zurückgeschoben. Es ist sehr warm, unter den explosionssicheren Lampen wehen dünne Staubschwaden, und in der Luft hängt der Geruch von trocknender Kohle und erhitzten Dampfrohren. Seine Augen, scharf und spähend unter geschwärzten Lidern, beobachten die Meßgeräte. Sein Gehör lauert ständig nach unrechten Geräuschen im Getöse der riesigen Aggregate, und irgend etwas in seiner Haltung, in allen seinen Bewegungen erinnert an einen großen, freundlichen und sehr wachsamen Stelzvogel.

Vor Jahren war er noch Waldarbeiter.

Vielleicht begann es damit, daß er sich darüber ärgerte, wie die Briketts in seinem Keller aus Mangel an Qualität in Staub und Stücke zerfielen. Vielleicht ärgerte es ihn, daß seinem Radio oft wegen der Stromschwankungen die Stimme versagte . . .

Er war dabei, als die Betonfundamente für die neue Brikettfabrik gegossen wurden, karrte Kies, Zement und Splitt, schleppte Schalbretter. Aber wer sollte später die Fabrik bedienen? Er meldete sich zum Lehrgang. Bürokraten vertrösteten ihn (und das sind ein paar jener Leute, denen er nicht bequem ist). Er schlug auf den Tisch, er machte seinen Lehrgang, abends, wenn er müde war vom Karren und Schleppen und wenn andere sich aufs Ohr legten.

Er war dabei, als die neuen Maschinen anliefen, als die ersten Briketts aus den tackenden Zwillingspressen rückten. Aber da waren noch Fehler in der Anlage. Jede Stockung traf ihn wie ein persönlicher Kummer, und er machte sich Gedanken wie viele seiner Kumpels. Und wenn sie entmutigt aufgeben wollten, weil Gleichgültige und Phrasenredner sie nur immer vertrösteten (das sind wieder ein paar jener Leute, denen er nicht bequem ist), ging er hin, schlug auf den Tisch, machte Vorschläge und forderte Veränderung. Und er war dabei, als die Brigade unterschrieb: Wir verpflichten uns . . . Aber dies war kein Abschluß. Er mußte durch Beispiel die Müden und Halbherzigen lehren (auch das sind ein paar jener Leute, denen er nicht bequem ist), daß es sich schlecht sitzt unter dem honigseibernden Vollmond Zufriedenheit, und noch nie gab es so schweren Unterricht. Eben meldet sich die Schaltwarte über Sprechfunk. Er läuft mit seinen langen, stakenden Schritten zur Telefonbude. Unter seinen Füßen vibrieren die Gitterroste im Gang der schweren Getriebe, ein Ventil kreischt, und er horcht angestrengt und nickt ungeduldig. Dampf auf Trockner 8. Die Abteilung geht voll in Betrieb.

Mein Freund, der Trocknerwärter in der Brikettfabrik W., liebt keine langen Reden, aber er hat eine unschätzbare, unverwechselbare Eigenschaft:

Wer sie besitzt, bei dem ist die Zukunft!

Einzige Fassung (1960). Aus: Siegfried Pitschmann: Erzählungen aus Schwarze Pumpe. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Kristina Stella. Aisthesis Verlag, 180 Seiten, 9,95 Euro, Erscheinungstermin: 11. März