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Virtuos durch drei Jahrhunderte

Der Londoner Pianist Sam Haywood interpretierte Klaviermusik aus verschiedenen Epochen.
Der Londoner Pianist Sam Haywood interpretierte Klaviermusik aus verschiedenen Epochen. FOTO: Bernd Weinreich/bwh1
Cottbus. Zum musikalischen Höhepunkt der 24. Brandenburgischen Seniorenwoche hatten der Cottbuser Kunstverein "Carl Blechen" und der Regionalverband der Deutsche Chopingesellschaft e. Bernhard Reichenbach

V. in den Konzertsaal des Kunstmuseums Dieselkraftwerk eingeladen. Zu Gast war Sam Haywood aus London, weltweit bekannter Pianist, der bereits zum vierten Mal an gleicher Stelle konzertierte.

Sam Haywoods Programm zeichnete sich durch eine Kombination aus extremen musikalischen Kontrasten und atemberaubender Virtuosität aus. Dies schon allein daher, dass sich die musikgeschichtliche Spanne der Werke von kurz vor bis kurz nach dem 19. Jahrhundert erstreckte. Beginnend mit Beethovens Sonate op. 10 Nr. 3 (1798) bis hin zu Maurice Ravels Sonatine aus dem Jahr 1905 ergab sich ein stilistisches Spektrum von enormer Vielfalt. Aber auch innerhalb der einzelnen Stücke bildeten solche Kontraste das ästhetische Grundelement.

Sam Haywoods großes Können bestand nun darin, jede dieser Phasen stilsicher auszukosten und die Zuhörer in diesen ständig wechselnden Mikrokosmos mitzunehmen. Dabei kommt er ohne übertriebene Gesten und äußerliche Manieriertheit aus. Die leisen, lyrischen Passagen gelingen ihm ganz natürlich, nur sparsam unterstützt durch das dämpfende linke Pedal, allein mittels seiner ausgefeilten Anschlagskunst.

Nimmt man zum Beispiel Mendelssohn Bartholdys selten zu hörendes "Rondo capriccioso", das den zweiten Teil des Abends eröffnete: weit gespannte melodische Bögen münden unvermittelt in schnelle, kapriziöse Tanzfiguren, die an seinen "Sommernachtstraum" erinnern.

Ein solches Wechselbad der Gefühle verstand der Pianist erst recht in den zyklisch angelegten "Papillons" von Robert Schumann dem Hörer "vor Ohren" zu führen. Hat man es doch hier mit teils sehr kurzen, im Ausdruckscharakter völlig gegensätzlichen Abschnitten zu tun.

Dann spielte Sam Haywood zwei Préludes aus op. 23 von Rachmaninow sowie Ravels fis-Moll-Sonatine hintereinander. Der direkte Vergleich beider Stücke ließ kaum glauben, dass sie beinahe gleichzeitig entstanden sind. Denn welch enormen stilistischen Unterschied hatte der Pianist dabei zu bewerkstelligen! Zudem stellte er seine überragende Virtuosität unter Beweis, sodass der begeisterte Beifall des Publikums noch in die letzten Töne einfiel.

Überhaupt herrschte im voll besetzten Saal eine freudige, fast schon familiäre Atmosphäre: Zwischen einzelnen Stücken saß Sam Haywood zum Publikum gewandt, um eine veränderte Abfolge der Werke zu erläutern, musste dann aber das Programmheft zur Hand nehmen, um zu schauen, was er als Nächstes spielen wollte. Ergebnis: ausgelassene Heiterkeit unter den Zuhörern. Ob das bei seinem USA-Debüt im "Kennedy Center" New York oder in der "Royal Academy of Music" London auch so war?

Sein Cottbuser Programm beschloss der Pianist mit Fryderyk Chopins großdimensionierter Polonaise op.44, einer "Art symphonischer Dichtung für Klavier" (Wolfgang Glemser im Programmheft). Hier war noch einmal Sam Haywoods klug disponierter Einsatz der pianistischen Mittel gefragt: große dynamische Differenziertheit in den einzelnen Abschnitten, mit wohldosierter Virtuosität einerseits und emotionaler Tiefe andererseits: ein Erlebnis!

Stehende Ovationen des Publikums forderten den sympathischen Maestro mit Manuel de Fallas "Feuertanz" noch zu einer extrem virtuosen Zugabe heraus. Und alle waren sich einig: Wir hatten einen Weltklasse-Pianisten gehört!