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| 05:00 Uhr

Vier Fäuste für die Lausitz

Szene aus Faust II: Inga Wolff – Homunculus (im Glas im Hintergrund), Roland Kurzweg – Faust, Sybille Böversen – Mephisto (v.l.n.r.).
Szene aus Faust II: Inga Wolff – Homunculus (im Glas im Hintergrund), Roland Kurzweg – Faust, Sybille Böversen – Mephisto (v.l.n.r.). FOTO: Steffen Rasche
Es ist kaum sechs Jahre her, dass in Senftenberg beide Teile von Goethes „Faust“ im Haus der Neuen Bühne Senftenberg zum viel gespielten Publikumserfolg wurden. Auch das völlig andere, neue „Faust-Projekt“ wird viel Publikum anlocken. Bei diesem Theaterspektakel des 4. GlückAufFestes, das am Freitag Premiere hatte, begibt sich Faust mit dem Publikum auf eine Reise durch die Welt, indem er nicht im Theater verweilt, sondern auch die Stadt erkundet. Das Publikum folgt ihm in Bussen durch die Nacht. Von Hartmut Krug

Es beginnt im Theater. Der Mensch und sein Schaffen und Walten auf Erden erscheinen im „Faust“ als Spiel und Experiment. So klingelt der Schöpfer in Senftenberg mit einem Glöckchen den Prolog im Himmel ein, aus dem heraus die Gruppe Wallahalla mit angeschlagertem Rock-Pop die Parts der Erzengel singt. Dieser Herr der Schöpfung der Welt und des Theaterstücks ist in Senftenberg eine Dame und sieht wie Goethe aus. Ganz am Schluss seines theatralen Experiments wird sich dieser Herr und Dichter in Senftenberg noch einmal zeigen und, nachdem er durchs wilde Schlussgetümmel der Teufel und Engel geschritten ist, still hinter dem Publikum verschwinden. Aus ihm, aus dem Publikum, kommt in Sewan Latchinians Inszenierung alles, - denn Faust ist einer von uns. Irgendwie. Kein Malocher, kein Arbeitsloser, keine Alltagskopie, sondern durchaus eine Theaterfigur, die eine(r) von uns sein könnte. Und sich vom Zuschauersitz auf seine Bühne begibt. Wie später manch anderer Darsteller. Hier wird nicht nur für die Senftenberger, sond ern auch mit den Senftenbergern Theater gespielt. Der Senioren- und der Theaterjugendclub, eine Musicalgruppe und das Dolce Vita-Bewegungsstudio Pia Neuss spielen mit.
Wunderbar, dass dabei die Aufführung nie in die Nähe der peinlichen Bravheit gerät, die oft laienhaftem Mitmachtheater eignet. Die Bühne (Ausstattung, auf allen Stationen einfach und überzeugend: Tobias Wartenberg), Mittelpunkt der Geschichte und der Welt, ist ein kleines, von Neonröhren umsäumtes Geviert inmitten der Zuschauer. Faust ist zunächst ein langhaarig ergraut in die Jahre gekommener, erfolglos grummelnder Intellektueller (Mirko Zschocke zeigt Fausts Restenergie mit blitzenden Augen), der den Pakt mit einem ebenfalls bereits älteren und deshalb eher gelassenen Mephisto (Heinz Klevenow mit wunderbarer Sprachgestaltung und diszipliniert zurückhaltendem Spiel) weniger mit Leidenschaft als mit genervter Traurigkeit abschließt. Hier ergreifen zwei Männer ihre letzte Chance.
Sewan Latchinians „Faust 1“ läuft in wenig mehr als zwei pausenlosen Stunden in komprimierter Deutlichkeit und ohne zwanghafte Aktualisierungen ab. Der Regisseur wartet dabei nicht mit einer besonderen oder originellen Interpretation auf, sondern er erzählt mit klaren Theaterzeichen und sehr direktem Spiel einfach die Geschichte. Hier wirkt kein Kunst-Pathos, keine Oberlehrer werden mit ausgestellten Zitaten in ihrem Bildungs- und Kenntnisstolz beglückt, sondern Theater erweist sich als nicht alltägliche große Alltagsgeschichte. Ein Chor erhebt sich zum Gesang mitten im Publikum für die Geister- und Volksszenen, und für „Auerbachs Keller“ wird das Spielpodest zu einem von prolligen Typen in Trainingsanzügen umringten Tisch. Die von Mephisto mit einem (von Heinz Klevenow wunderbar dargebotenen) rappigen „Lied vom Floh“ mächtig in Stimmung und Verwirrung gebracht werden. Und das handfeste Gretchen (deren unterschiedliche Haltungen Anna Hopperdietz etwas zu handwerklich abruft), beschäftigt sich, wenn ihre Ruh hin ist, recht körperlich mit dem Kruzifix im Bett. Faust steigt zu ihr aus einer Bodenluke unter die Bettdecke, worauf beiden das Gespräch über die Religion weniger wichtig wird als ihr Liebesspiel.

Auf suchendem Weg
„Faust 1“ überzeugt (wie auch „Faust 2“ ) dramaturgisch (Gisela Kahl) mit seinen verknappten und gelegentlich ineinander verschnittenen Szenen. Wohltuend auch, wie bei der Walpurgisnacht nicht etwa versucht wurde, mit Nackt- oder Krassheit unserer übersexualisierten Welt zu entsprechen.
Auf seinem suchenden Weg vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer wird Faust von vier verschiedenen Darstellern gespielt. Auch Mephisto verjüngt oder verändert sich durch neue Besetzungen, bis am Schluss die beiden ersten Darsteller ihre Rollen getauscht haben, der erste Faust also den letzten Mephisto spielt. Dies ist nicht nur ein ensemblepolitischer Coup bei Senftenbergs kleinen Ensemble, bei dem jeder mehrere Rollen spielen muss: Nein, all dies besitzt auch künstlerische Überzeugungskraft und interpretatorische Stimmigkeit. Die erste lange Pause nach „Faust 1“ haben sich Schauspieler wie Zuschauer wohlverdient. Im Festzelt gibt es Getränke und manch Gegrilltes und Gekochtes, und (aus Witterungsgründen) den eigentlich für den Schulhof geplanten szenischen Übergang zu „Faust“ . Schon aber treibt uns Mirko Warnitz (wie alle Organisationskräfte im Pionierlook) als witzige Reiseleiter/Reiseleiterin zu den Shuttlebussen.
Es geht (mit Reiseproviant) auf eine lange Reise durch das kleine Senftenberg, die für Faust eine Reise in die „große Welt“ ist. Zunächst wird das Publikum im gläsernen Innenhof der Sparkasse am Marktplatz an langen Holzbänken platziert. Wie Aktionäre sitzt man vor der langen Podestfront des als Vorstandsvorsitzender im edlen Managerzwirn daherkommenden Kaisers. Nachdem Faust das Papiergeld erfunden hat, wird Goethes historischer Mummenschanz zum Karnevalsumzug: Papiergeld flattert vom Himmel und Lametta und Kamelle fliegen ins Publikum. Das sich bunte Hütchen aufsetzt, in kleine Tröten bläst und fleißig das angebotene Bier in die Plastebecher schüttet. Eine trotz ihrer Schlichtheit und gefährlichen Nähe zur Schunkelbereitschaft dramaturgisch einleuchtende, muntere und Laune machende Szene.
Noch besser, ja richtig toll wird es im zweiten Akt in der Fachhochschule Lausitz. Im von Nebel verschwadeten runden Treppenhaus eilen weiß verhüllte Wissenschaftsgeister zu ihren Experimenten, und von den steil aufsteigenden Reihen des Hörsaals (für Elektrotechnik, Informatik und Maschinenbau) kann man der Schaffung von Homunculus (glatzköpfig und augenkullerig im fahrbaren Glaskasten: Inga Wolff) zuschauen.
Genial dann die „Darstellung“ der in den meisten Inszenierungen des zweiten Faustteils völlig misslingenden klassischen Walpurgisnacht. Denn vor einer mit kommentierenden Texten übersäten Tafelwand agiert am Pult Christian Mark als Professor Wagner. Er bringt uns das Fabelreich der hellenischen Sagen in witzigen professoralen Vorträgen mit Overhead-Projektor-Bildern und Goethe-Interpretationen näher, als es jedes darstellende Spielen von Goethes Szenen leisten könnte. Und Fausts Gang zu den Müttern, seine Begegnung mit Paris und Helena, wird als Puppenspiel gegeben.

Intelligent wie komisch
Noch nie habe ich den zweiten Akt von „Faust 2“ , sonst immer eine quälende Angelegenheit, so zugleich intelligent wie komisch, vor allem aber für alle verständlich gesehen. Hier stimmt alles: Dramaturgie, Verbindung zum Spielort, Schauspielerei (nebst Kinder-Ballettgruppe) und musikalische Begleitung mit szenisch-musikalischen Nummern des Trios Wallahalla.
Trotz Regen und Pfützen, trotz erster leichter Erschöpfungsanzeichen im Publikum (dieses sich bei der Premiere über mehr als neun Stunden von 17 Uhr bis fast drei Uhr morgens hinziehende Spektakel macht nicht nur viel Vergnügen, sondern auch viel Arbeit), fährt man animiert zur nächsten Station.
Das Senftenberger Renaissance-Schloss dient als Palast des Menelaos zu Sparta, vor dem das mit Retsina, griechischen Leckereien und warmen Decken versorgte Publikum der mit ihrem Rollkoffer aus Troja zurückkehrenden Helena begegnet. Alle folgen wir Phorkyas alias Mephisto in den Innenhof zu Faust, wo dieser auf schmaler Bretterbühne mit Helena sein Glück findet, bis der Tod ihres Kindes dieses enden lässt.
In einer riesigen, vor sich hin rostenden Industriehalle als letzter Station erleben wir Fausts Tod und den Countdown. In einem Raum, der fantastische szenische Wirkungen bietet und tolle Effekte erlaubt. Hier sitzt der Türmer Lynkeus ( „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“ ) mit seinem Kaffee unter einem Pinup-Poster hoch oben in der Glaskabine eines Krans.
Sorge, Mangel und Schuld erscheinen als überdimensionale Schatten, wie aus Kürbissen zum Halloween ausgeschnitten, hinter den Hallenfenstern. Philemon und Baucis müssen leider als skurrile Alte daherhüpfen, die den als klischeehafte Kampfmaschinen dröhnenden drei gewaltigen Gesellen am einen Ende der mächtigen Halle zum Opfer fallen. Schließlich öffnet sich am anderen Ende ein plüschiger, rot glühender Höllenschlund, und wahre Heerscharen geflügelter weißer Weihnachtsmärchen-Engel und rotwamsiger Teufel geraten in einem armeschwenkenden Musicalfinale aneinander. Dazu klampft und dröhnt die Band Wallahalla: „Wer ewig strebend sich bemüht. . .“ , und Intendant und Regisseur Sewan Latchinian spricht die Schlussverse von Goethes „Chorus Mysticus“ vom gleichnishaften Vergänglichen und Ewig-Weiblichen ins Mikrofon. Dann brandet erschöpfter Jubel auf.
Die Aufführung ist in Senftenberg angekommen. Nicht, wie die letzte Faust-Inszenierung, die sehr deutlich nach dem Preis für den Fortschritt fragte, wirklich vor Grube und Lore. Doch bei einem Publikum, das sich unterhalten, aber nicht unterfordert, informiert, aber nicht belehrt fühlen kann.
Nicht jede Szene dieser viele Stile und Formen einsetzenden Inszenierung überzeugt gleichermaßen. Zuweilen wirkt der aus dem Überlebenskampf eines kleinen Stadttheaters geborene Zwang zum Event doch zu übermächtig und versimpelt einige Passagen. Doch insgesamt begeistert dieses Faust-Spektakel nicht nur inszenatorisch, sondern vor allem auch schauspielerisch weitgehend. Die Organisation und Betreuung des Publikums ist sogar meisterlich zu nennen. Insgesamt stellt dieses GlückAufFest ein gelungenes Beispiel dafür dar, wie sich ein kleines Theater seinem Publikum und seiner Region öffnen muss und kann.
Ein Wunder, wenn sich jetzt nicht das Publikum mit Goethe „mit Stößen sich bis an die Kasse ficht“ und „Um ein Billett sich fast die Hälse bricht“ .