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| 16:45 Uhr

Im Dieselkraftwerk
Die vielschichtige Ordnung der Dinge

 Hermann Glöckner, Fest verbunden (Schwarz-weiß auf Rot), 1979, Faltgrafik
Hermann Glöckner, Fest verbunden (Schwarz-weiß auf Rot), 1979, Faltgrafik FOTO: VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Andreas Kämper
Cottbus . Schau am Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus verknüpft bis 5. Mai historische mit zeitgenössischen Werken. Von Ida Kretzschmar

Pulverbeschichtete Lochbleche entpuppen sich als Schmetterlingsflügel. Strenge geometrische Formen und kalkulierte Konstruktionen weichen überraschend ab ins Unerwartete.

„Vielschichtig“ geht es in dieser Ausstellung am Landesmuseum für moderne Kunst im Cottbuser Dieselkraftwerk zu. Das verspricht schon der Ausstellungstitel, mit dem Zusatz, etwas „von der Räumlichkeit der Flächenteilung“ zu erkunden, Blick in den öffentlichen Raum inklusive. Doch muss man schon genau hinsehen und sich einlassen, um in zunächst sperrig erscheinenden Materialien und Mustern, zwischen Linien, Flächen und Faltungen in ihren unterschiedlichsten Anordnungen Schicht für Schicht Abweichungen zu entdecken. Und damit eine gewisse Anmut, die erzeugt werden kann, wenn etwas außer Ordnung gerät.

Wie zwei Arbeiten von Albert Weis (Jahrgang 1969), auf die Kuratorin Ulrike Kremeier verweist. „Ist das nicht poetisch? Zwei Lochbleche rutschen von der Wand, als wären sie aus Papier. Sie bewegen sich im Wind in Rosa und Rot, vibrieren, vollführen ein Schattenspiel. Das alles erschafft Weis aus diesem beinharten Material. Am schnellsten lässt sich kindliche Fantasie davon inspirieren“, hat die Museumdirektorin beobachtet.

„Faltung“, so der Titel der Arbeiten des 1969 in Passau geborenen Künstlers. Wie jene der Berliner Künstlerinnen Ursula Döbereiner, Andrea Pichl und Katharina Schmidt korrespondieren sie in dieser Ausstellung mit historischen Werken aus der Sammlung des Landesmuseums.

Es sind modernistische Entwürfe, die auf Schichtungen und Faltungen sowie Serien und Linien und Flächenkonstruktionen basieren.

So widmete sich der Dresdner Künstler Willy Wolff (1905 - 1985) ab den späten 1950er-Jahren dem Experimentieren mit unterschiedlichen Materialien zur Herstellung gegenstandsloser, zwei- und dreidimensionaler Strukturen.

Im Fokus des künstlerischen Werks von Annemarie Balden-Wolff

(1911 -1970) steht dagegen der ab­strakte menschliche Körper als die Figur der Moderne. Ulrike Kremeier ist es besonders wichtig, dass mit der Collage der Dresdner Künstlerin „Geisterkuh“ aus dem Jahre 1963 auch der Mensch im Formenvokabular der Moderne wahrgenommen wird und so auch ihre ganz eigenen Positionen eines fantastischen Realismus mit surrealistischen Zügen.

Was schnell spürbar wird: Es gibt eine besondere Beziehung zu einem der Urväter des deutschen Konstruktivismus, Hermann Glöckner (1889 - 1987). Dem in Dresden geborenen Maler, der im Alter von 98 Jahren in Westberlin starb und auf eigenen Wunsch auf dem Loschwitzer Friedhof in Dresden beigesetzt wurde, blieb bis in die 1960er-Jahre aufgrund der Formalismusdebatte in der Bildenden Kunst der DDR eine Anerkennung als Konstruktivist und abstrakter Künstler versagt.

Zeit seines Lebens hatte er Faltungen zu seinem bildbegründenden Prinzip bestimmt, sie als Konzept begreifend, nicht als bloße Technik, was auch Arbeiten aus dem Bestand in der Ausstellung deutlich machen. Eine Faltgrafik in Schwarz-Weiß auf rotem Hintergrund zum Beispiel. Oder eine polierte Skulptur, die die räumliche Brechung eines Dreiecks demonstriert...

Die umgebenden zeitgenössischen Werke können vielfach als Hommage an Glöckners mathematisch-technische Gestaltungsprinzipien gelten. Dazu gehören die Faltungen und Farbexperimente von Katharina Schmidt, 1960 in Witten geboren. Sie lebt seit 20 Jahren in Frankreich, war dort eine der ersten Professorinnen für Malerei, heute ist sie an der Kunsthochschule in Marseille, erzählt Ulrike Kremeier.

Ursula Döbereiner, Jahrgang 1963, ist Professorin an der Kunsthochschule im französischen Brest. Sie hat eine Serie von Unikaten aus der vielfachen Reproduktion einer Zeichnung geschaffen. Man kann den Spuren folgen, wie sich die Matrize durch wiederholten Gebrauch abnutzt, wie dabei manipuliert, Hand angelegt, verändert, gefaltet wurde, bis die Ursprungszeichnung kaum noch erkennbar ist.

Schon im Foyer begrüßen den Ausstellungsbesucher Arbeiten von Karl-Heinz Adler (1927 -2018) aus dem Depot. Auch wenn sein Name nicht jedem gleich geläufig sein mag, seine Formsteinwände kennt beinahe jeder. Wie kaum ein anderer Künstler der DDR gestaltete er mit den von ihm entwickelten Bauplastiken und Formsteinen den öffentlichen Raum mit. Auch in Cottbus. Wie überhaupt in dieser Ausstellung eine Materialsammlung präsentiert wird, die wohl jeder irgendwo als Stadtdekor abgespeichert hat.

Interessant, wie dabei Andrea Pichl (Jahrgang 1964) auf Abweichungen trifft, sie selbst produziert, wenn sie untersucht, wie Standards den öffentlichen Raum dominieren. Die Berliner Künstlerin hält bröckelnde Formsteine und Dekorkacheln auf Digitaldrucken fest, baut ein Kartenhaus, vergoldet Zäune, spielt mit der Ambivalenz von banalen Alltagsformen und Wertschöpfungen.

Und wer es bis dahin nicht gewusst hat, erfährt bei einer Führung vielleicht, dass sich hinter Andrea Pichl das Modell der berühmten A.P.-Bildnisse von Clemens Gröszer verbirgt. Eine Ausstellung also mit vielschichtigen Offenbarungen.

 Hermann Glöckner, Fest verbunden (Schwarz-weiß auf Rot), 1979, Faltgrafik
Hermann Glöckner, Fest verbunden (Schwarz-weiß auf Rot), 1979, Faltgrafik FOTO: VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Andreas Kämper