ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:27 Uhr

„Vielleicht ist Obama so einer“

Das Stück wird selten gespielt: es geht um politische Unruhen und um das Rivalisieren politischer Lager. Hohe Ideale der Aufklärung, von Freiheit und Opferbereitschaft für die Gesellschaft. Egmont: ein Politiker und Lebemann, klug, sinnlich, angstfrei, charismatisch . . . und damit kaum noch von unserer Welt. Der unmögliche Egmont ist damit die ideale Rolle für Amadeus Gollner. Von Sylvia Belka-Lorenz

Er hat eine Art, über seinen Beruf zu erzählen, dass man - ohne Ton - gut annehmen könnte: der Mann macht irgendwo die Lohnbuchhaltung. Eine derart konsequente Art von Understatement, von der einer wie er weiß, wissen muss, dass sie aufmerken lässt. Schauspieler in Talkrunden langweilen ihn und die obligatorische (Talk-)Frage nach der Traumrolle ersparen wir uns deshalb. "Egmont" gilt als mittlerweile unspielbar: zu hoch die Ideale, zu perfekt die Figur: "Diesen Egmont gibt es wahrscheinlich nicht: Man beneidet ihn um seine Unverschämtheit, seine Selbstsicherheit, sein Charisma. Vielleicht ist Obama so einer - allein, wie der über eine Treppe geht, das ist ja fast Show. Eine ideale Projektionsfläche für die Leute." Es ist einiges in Schieflage geraten in Egmonts Heimat, den Niederlanden. Das Land trotzt tapfer der Spanischen Krone, doch längst brennen auch im Landesinneren die ersten Barrikaden. Mit harter Hand will Herzog Alba dagegen durchgreifen - fürchtet Anarchie in persona des Fürsten Egmont. Egmont muss weg. Mit politischen Zielen vertuscht wird der Keim einer Erzrivalität: Alba ist der geborene Zweite, ein zu kurz Gekommener, als Kind schon blass im Schatten von Strahlemann Egmont. Der Krieg nimmt seinen Anfang . . . in einer Sandkastenfeindschaft. Regisseur Bernd Mottl hat sich für eine Lesart des Goethe-Dramas entschieden, die die persönlichen Abgründe hinter der Weltpolitik ausleuchtet. Es gab andere: Egmont, der seine historische Mission erkennt - doch nein, diese Art politischen Theaters ist (ebenfalls historisch) überwunden. Gollner: "Ich bin gegen politisches Theater im Sinne irgendeiner Bekehrung. Ich will niemanden aufrütteln; ich will, dass man auf der Bühne klar sieht: was haben die damit gewollt, damit sich der Zuschauer lustvoll daran reiben kann!" Womit wir bei seinem Egmont sind: einem politischen Quereinsteiger, dem die Sympathien zufliegen, der unkonventionelle Ideen vertritt- sich in seiner Naivität aber eben auch leicht in den Fallstricken der Realpolitik verheddert. Dieser Egmont ist ein Popstar, der uns im Laufe eines Abends ein Psychodrama aufblättern wird - nicht zufällig beginnt die Cottbuser Inszenierung wie ein großer Kinofilm. Eher auf den zweiten Blick hat die Karriere des Amadeus Gollner Kinopotenzial. Er kommt 1966 in Görlitz zur Welt, Vater Pfarrer, Mutter Bibliothekarin. In der Schulzeit begeistern ihn Leichtathletik und Judo, von spinnertem Künstlertum keine Spur: "Wenn mir heute auf Klassentreffen gesagt wird: Das war ja klar, was aus dir wird, das ist einfach absurd!". Erst während der Lehre als Maschinen- und Anlagenmonteur entdeckt er das Amateurtheater für sich. Und die Kolleginnen beim VEB Elastik-Mieder Leipzig provozieren die ersten Improvisationsübungen: "Ein reiner Frauenbetrieb, wenn ich da in den Nähsaal kam, 80 Näherinnen, da musste ich sehen wie ich mich verteidige!" Es folgt der obligatorische Bewerbungsmarathon an allen Schauspielschulen: "Am Amateurtheater war etwas losgegangen, dass ich irgendwann rauskriegen musste: willst du das?" Nach jeder Vorsprech-Pleite beginnt er von vorn: "Ich habe Sachen gemacht, die mit mir überhaupt nichts zu tun hatten. Der ‚Geizige' von Moliere, der war's dann, den hatte ich in Leipzig gesehen. Ich meinte, diese Rolle eines 50-Jährigen jetzt unbedingt vorspielen zu müssen. Diese Frechheit hat wahrscheinlich überzeugt." Das ist 1989 an der berühmten Ernst-Busch-Schule. Nach dem Studium Engagements in Kassel und am Wiener Burgtheater. In Graz und Rostock unterrichtet er Schauspiel; er führt Regie, spielt in Film-, Fernseh- und Hörspielproduktionen. Um vor zwei Jahren in Cottbus zu landen. Schauspieldirektor Mario Holetzeck will ihn in seinem Ensemble haben. "Für Schauspieler ist es wichtig, bestimmte Bindungen zu haben. An einem Haus wie dem Burgtheater war die Gefahr groß, verloren zu gehen. Und deshalb musste ich es beenden. Hier in Cottbus bin ich von Anfang an in einer Konstellation gewesen, die etwas von Heimat hatte. Und Mario Holetzeck als Regisseur ist so eine wichtige Anbindung für mich." In genau dieser Konstellation scheint seitdem so ziemlich alles zu glücken. Amadeus Gollner ist auf der Bühne extrem reduziert und unausweichlich präsent, beides gleichzeitig. In der "Trilogie der Träume" bringt er sein Publikum mit verzweifelter Zerrissenheit zum Heulen. In "Wie im Himmel" spielt er den traurig-verkniffenen Pfarrer. Und als Platzmann in "Lehrer sollten nackt nicht tanzen" packt er eine Zielgruppe, die sonst von nichts und niemandem mehr zu packen scheint. Während die "Kids" verblüfft feststellen, dass Theater cool ist, heizt Gollner ihnen weiter ein: "Diese Energie ist schon spürbar, macht Lust, da 'ne ordentliche Show zu machen. Sogar an Tagen, an denen man eigentlich keine Kraft hat. Da muss man bloß noch den Motor anwerfen." Theaterspielen als Energiekreislauf. Davon träumen viele seiner Kollegen - und erjagen es doch nicht. "Zu Neid muss man ein Verhältnis finden: ist man selber auf dem richtigen Dampfer? Und dann muss man sich ganz kalt von so etwas absetzen, sonst ist man nicht mehr man selber." Das hat er schon seinen Schauspielstudenten zu vermitteln versucht: "Die Lust zu spielen, die Lust loszuspinnen. Potenzial ist da - und wenn erst die Ängste weg sind, kann viel passieren!" Sieht man ja an ihm. Amadeus Gollner - ab morgen als "Egmont". J. W. Goethe "Egmont", Regie: Bernd Mottl. Premiere ist am Samstag um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters.Karten im Besucher-Service, Tel.: 0355/7824 24 24. Zum Thema:
Amadeus Gollner am Sonntag ab 16 Uhr zu Gast beim "Kaffeeklatsch mit Prominenten" in der Kammerbühne des Staatstheaters. Weitere Gesprächspartner von Moderator Hellmuth Henneberg sind zwei Darsteller aus früheren Cottbuser "Egmont"-Inszenierungen: Ilse Strambowski war das Klärchen 1956/57 und Eckhart Strehle gab 1968 den Egmont.