Erst pochen laut Herzschläge, dann wird mit Leidenschaft auf Blechtonnen und eine Trommel gehauen, dass auch die Trommelfelle der Zuschauer in Schwingung geraten. Es geht aber nicht etwa um Musik, sondern um Streit: weshalb sich die Musikanten von Andreas Schulzes wohlgeordneter Trommelperformance auch schnell in einen heftigen, aggressiven Kampf werfen. Alle, die da nun gegeneinander die Stöcke schwingen oder Tonnen werfen, gehören entweder zu den Montagues oder den Capulets, zu zwei sich in Hass und Konkurrenz heftig zugetanen Familien. In ihren dunklen Anzügen wirken sie wie Mafiosi, weshalb sie sich auch bald die Pistolen aus den Schulterhalftern reißen. Doch Prinz Escalus (Wolf-Dieter Lingk), die Büchse über der Schulter und die Schaft-Gummistiefel an den Beinen, kommt rechtzeitig von der Entenjagd zurück. Er unterbricht den Kampf und spricht ein ordnendes, genervtes Machtwort, ohne den Streit schlichten zu können. Konkurr enz und Wut schwelen weiter. Sie brechen sich bei jeder Begegnung zwischen den jungen Leuten der Familien Bahn. Erst in beleidigenden Anmachsprüchen, dann in Handgreiflichkeiten.
Ein schöner Beginn für ein Stück, das von überbordenden Gefühlen handelt: von Gewaltausbrüchen und Pubertätsheftigkeiten, von Liebesrausch und Hassemphase. Und so müsste es weitergehen: indem die heftigen Emotionen von Shakespeares Figuren in die Körper der Schauspieler fahren und dies in Bewegung bringen.
Leider aber stehen vor dieser sinnlich doppelten Beweglichkeit die aufdringlich schwerfälligen Sprachspiele und Witzeleien von Thomas Brasch. Dessen Übertragung kommt nicht auf leichten Sohlen, sondern in schweren Bedeutungsstiefeln daher. Einst für eine im Stil der Commedia dell'arte gehaltene Inszenierung des Stückes durch Katharina Thalbach am Berliner Schillertheater angefertigt, wirkt sie leider (wie schon damals) wie ein Bollwerk gegen jedes Tempo im Text und im Spiel. Auch wenn viel getobt und gekämpft wird (u.a. von Jan Krawczyk und Sebastian Reusse), so kommt die Cottbuser Inszenierung doch nie wirklich in Schwung. Immerhin überführt Kai Börner die Emotionen seines Mercutio aus dessen Gedanken und Worten in einen leidenschaftlichen Lebens- und Todestanz. Und sofort lebt die Inszenierung, - und der Zuschauer lebt auch auf. Meist aber bleibt Matthias Thiemes Patchwork-Inszenierung ohne eine innere Spannung und K raft, die aus all den unbedingten Hass- und Lust-Gefühlen, aus Kampfesstreit und Liebesleid erwachsen müssten.
Schlimmer: Diese Inszenierung verrät keine durchgehende Idee, sondern verliert sich oft nur in Äußerlichkeiten. Mal wird ein szenischer Einfall ausgemalt, mal eine Nebenszene aufgebläht. Da schlägt Julias Vater in einem Zornausbruch seine Frau mit der Faust nieder, wirft die Amme aufs Bett und bedroht Julia. Oder Julias Mutter muss mit der Flasche in der Hand hereintorkeln, während der bei Shakespeare des Lesens nicht mächtige Bote (Thomas Harms) hier stumm ist und am Schluss den mit seinen Hilfshandlungen gescheiterten Pater mit der Pistole abknallt! Und Sigrun Fischer sucht der Amme, deren Rolle in dieser zeitlosen Inszenierung undeutlich bleiben muss, ein Profil zu geben, in dem sie die Figur mit kehlig-hartem, ostpreußischem (?) Tonfall unter dem Kopftuch einer Zigeunerin ausstattet.
Nun erwartet man ja nicht, dass Shakespeares alte Geschichte etwa als aktuelle Hooligangeschichte aktualisiert oder, wie am Vorabend der Cottbuser Premiere im Berliner Hebbeltheater durch den Autor Feridun Zaimoglu geschehen, als deutsch-türkischer Community-Fight gegeben wird. Aber "Romeo und Julia" sollte denn doch nicht gleich so ziel- und kraftlos gegeben werden wie in Cottbus. Hier spielt das Stück weder heute noch gestern (trotz historischer Kostüme nach dem Maskenball), sondern bleibt immer Theater. Das dazu noch in szenisch bunter Bebilderung eher vorgetragen als versinnlicht wird. Und zugleich, trotz eines jungen Regisseurs, recht ältlich wirkt. Auf einer leeren Bühne von Christopher Melching, deren bis zur Decke reichendes Brettergerüst weder Assoziationen zur elisabethanischen Bühne ermöglicht noch ästhetisch überzeugt, sondern eher die Spielfläche einengt, werden gern genutzte Kle ttermöglichkeiten geboten. Da belauscht Romeo seine schwärmende Julia von oben herab, und diese muss zu ihm hinaufklettern. Wenn sich beide oben an der Bretterwand nicht aneinander, sondern an die Bretter klammern und sich dabei auch körperlich näher zu kommen suchen, dann wirkt all dies Gehangel eher unfreiwillig komisch. Wie das endlose Röcheln Julias nach der Einnahme des Scheintod-Giftes oder das langwierige Gewurschtel, in dem sich bei Thieme die Todesszene von Romeo und Julia verliert. Paul Grill, eigentlich doch ein Körper-Schauspieler, bleibt als Romeo steif und blass und behauptet seine Rolle nur, statt sie zu spielen. Während Christiane Höfler immerhin ein beschwingtes Strahlen, ein sehnsuchtsvolles Leuchten zeigt. Doch bleiben beide, wie auch die gesamte Inszenierung, irgendwo zwischen Shakespeare und unserer Gegenwart stecken. Hier bekommt sie keine schauspielerische Form, weder von innen noch von außen, und wird des halb auch nicht zum Ereignis: die plötzliche und unbedingte Liebe von Romeo und Julia. Ohnehin werden die großen Gefühle von Shakespeares Figuren insgesamt mehr behauptet als dass sie psychologisch und szenisch entwickelt oder gar versinnlicht würden.
Bedenkt man die oft bewiesenen großen Fähigkeiten und Möglichkeiten des Cottbuser Ensembles, so muss diese "Romeo und Julia"-Inszenierung enttäuschen.