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| 18:09 Uhr

Düstere Vision eines totalen Überwachungsstaates
Denken beim Publikum erwünscht

 Szene aus „1984“ von George Orwell (Bearbeitung: Alan Lyddiard) im Staatstheater Cottbus  mit Gunnar Golkowski (l., O´Brien) und Boris Schwiebert (Winston).
Szene aus „1984“ von George Orwell (Bearbeitung: Alan Lyddiard) im Staatstheater Cottbus mit Gunnar Golkowski (l., O´Brien) und Boris Schwiebert (Winston). FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Viel Beifall für die Premiere von George Orwells „1984“ am Staatstheater Cottbus. Von Renate Marschall

Als George Orwell zwischen 1946 und 1948 seinen Roman „1984“ schrieb, tat er das unter dem Eindruck von Naziherrschaft und Stalinismus. Er entwirft darin die düstere Vision eines totalen Überwachungsstaates, in dem die Partei immer Recht hat. Big Brother sorgt dafür, dass es so bleibt, indem das Volk permanenter Manipulation unterzogen wird. Dafür ist jedes Mittel recht: Vergangenheit und Sprache werden zurechtgebogen, Fake News verbreitet etwa über die Goldstein-Bruderschaft, eine angebliche Dissidentenbewegung, und eine Bedrohungssituation konstruiert – Krieg, Flüchtlinge... Selbstständiges Denken wird als subversiver Akt geahndet. Ebenso Emotionen wie Liebe.

Winston Smith ist als Mitarbeiter im Wahrheitsministerium. Jeden Tag sitzt er im Archiv und schreibt Nachrichten um, löscht unliebsame Personen aus dem Gedächtnis der Geschichte. Doch zunehmend gerät er in Widerspruch. Er selbst sucht nach Erinnerung, Individualität – und Liebe, die er mit Julia findet. Hoffnung setzen beide auf die Bruderschaft, für die sie bereit sind, alles zu tun – alles... O’Brien, zu dem sie Kontakt suchen, weil sie meinen, er sei ein Oppositioneller, entpuppt sich bei der Verhaftung von Winston und Julia als Spitzel und Mitglied des inneren Parteizirkels. Das Schicksal der beiden ist besiegelt. Aber sie sollen nicht einfach nur so sterben, zuvor sollen sie umgepolt werden, ihr Wille mittels Folter gebrochen.

Regisseur Andreas Nathusius inszeniert „1984“ in dem von Annette Breuer gestalteten grauen Bühnenleerraum, über dem das wache Auge Big Brothers schwebt und von dem die grauen Gestalten fast geschluckt werden, als Lehrstück.

Emotionen – ganz wie von Big Brother erstrebt – kommen auf der Bühne so gut wie nicht vor. Nicht, wenn sich die beiden Liebenden zum Schäferstündchen treffen, auch nicht, wenn Winston der Folter unterzogen wird und ihm O’Brien mittels eines überdimensionalen Papphandschuhs (erinnert an Micky Maus) das Denken auszuprügeln sucht. Das alles wird vorgeführt. Erst als Winstons schlimmste Horrorvision, von Ratten getötet zu werden, per Video bildhaft wird, ändert sich das.

Wortgewaltig, mit zahlreichen Bezügen ins Heute – etwa wenn Leute vor der Kamera erzählen, wie sorglos sie mit ihren Daten im Internet umgehen, woher sie ihre Informationen zum Weltgeschehen beziehen – demonstriert Nathusius „Big Brother is watching you“ „und Ihr macht es ihm auch noch leicht“. Dass „1984“ zurzeit auf so vielen Bühnen gespielt wird, der Roman 2017 in den USA zum Bestseller wurde, hat ganz sicher damit zu tun, dass viele Menschen den Eindruck haben, Orwells Horrorszenario erfüllt sich auf besorgniserregende Weise von China über die USA und die Türkei bis nach Deutschland. Auch weil die Mittel, derer sich Big Brother bedient – Fake News, Hate Speech, Social Bots, hinter denen Computerprogramme stecken, und Nutzertracking, das mehr über uns herausfindet als wir selbst wissen –, viel subtiler sind. All diese Zusammenhänge werden während der zweieinhalb Stunden deutlich. Die Idee mit dem neu gegründeten, durchaus überzeugend agierenden Bürgerchor ist inhaltlich naheliegend, war am Ende aber irgendwie zu viel, zu agitpropmäßig. Das Publikum hatte schon verstanden.

Es gab viel Beifall, vor allem für die wunderbare Schauspielerriege mit Lisa Schützenberger, Boris Schwiebert, Gunnar Golkowski, Amadeus Gollner und Rolf-Jürgen Gebert.