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| 18:55 Uhr

Einiges bleibt auf der Strecke
Landpomeranzen im Moloch Berlin

„Das Sparschwein“: Die nächsten Vorstellungen gibt es am 2. Juni, 19.30 Uhr und am  6. Juli, 19.30 Uhr (Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24).
„Das Sparschwein“: Die nächsten Vorstellungen gibt es am 2. Juni, 19.30 Uhr und am  6. Juli, 19.30 Uhr (Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24). FOTO: Marlies Kross / Marllies Kross
Cottbus. Viel Applaus für die Premiere der Komödie „Das Sparschwein“ am Staatstheater Cottbus. Renate Marschall

  Pusteblumen auf einer Sommerwiese, dazu trällert ein Mini-Chor, der sich als Verein für schöngeistige Unterhaltung und gehobene Kultur outet „Im schönsten Wiesengrunde“, lustige Wäsche flattert auf der Leine, Heuschober – Spreewaldidylle. Der Einspieler am Anfang verortet Eugène Labiches Komödie „Das Sparschwein“, die Samstag im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus Premiere hatte, in der Lausitz. 1864 uraufgeführt, spielt sie eigentlich in der französischen Provinz, wo sich honorige Bürger regelmäßig zum Spieleabend treffen und dabei kräftig in ein Sparschwein einzahlen müssen. Als es endlich voll ist, hat jeder eine andere Idee, was man mit dem vielen Geld anfangen sollte. Schließlich einigt man sich auf eine Reise nach Paris.

In der Cottbuser Inszenierung von Jörg Steinberg sind die zum Verein gehörenden Akteure der Rentner Theo, seine Schwester Leonie, seine Tochter Bianca, der Bauer Christoph, Apotheker Cornelius, Felix, ein junger Notar auf Freiersfüßen sowie der Steuerberater Clemens, der außer beim Zählen des Sparschwein-Geldes keine Funktion hat. Das Zählen ist eine witzige Angelegenheit, weil jeder andere Ideen entwickelt, was mit dem Geld anzufangen ist. Bianca möchte es nutzen, um ihre Verlobung mit Felix zu feiern, der Gourmet Cornelius denkt an ein extravagantes Essen, der Landwirt an eine neue Kreuzhacke, Theo bräuchte Geld für den Zahnarzt, und Leonie muss dringend nach Berlin. Die ältliche Jungfer, die ständig für die Mutter ihres Bruders gehalten wird, hat endlich ein Date in einer Partnervermittlung – wie sie glaubt – mit dem Mann ihrer Träume. Sie zieht Bianca ins Vertrauen und gemeinsam gelingt es beiden dem selbst ernannten Wortführer Theo zu suggerieren, er habe die Idee gehabt, das Geld in Berlin auf den Kopf zu kloppen. Berlin! Bis auf Felix, der unentschuldigt fehlt, sitzen am nächsten Tag fünf herausgeputzte Landpomeranzen im Zug. Das ist ebenso per Video zu verfolgen, wie später der amüsante Versuch, die viel befahrene Spandauer Straße am Roten Rathaus zu überqueren. Diese Einspieler von Josephine Fabian, die auch die Bianca spielt, sind unterhaltsame Bereicherung.

Schnell hat der Moloch Berlin die Hinterwäldler eingesogen, um sie am Ende ziemlich ramponiert wieder auszuspucken. Dazwischen versucht jeder von ihnen seine Wünsche zu erfüllen. Die Damen gehen shoppen, Theo war beim Zahnarzt, der ja auf dem Lande nicht zu kriegen war, Bauer Christoph hat seine Hacke, die noch gute Dienste leisten wird. Hungrig fallen die fünf in ein Nobelrestaurant ein und werden vom blasierten Kellner über den Tisch gezogen. Die Rechnung beträgt fast 500 Euro. Zu viel, entscheiden die Vereinsmitglieder – und zahlen nicht. Dafür wandern sie in den Knast. Der Ernst der Situation erschließt sich ihnen dennoch nicht, sie fühlen sich im Recht. Wie sie den armen Kommissar  (David Kramer wunderbar genervt)   in Grund und Boden quatschen, ist ein Kabinettstückchen. Ein Ausbruchversuch mittels Kreuzhacke scheitert. Wie sie es während er Pause trotzdem geschafft haben, zu fliehen, bleibt ihr Geheimnis. In der Partnervermittlung, die sie gerade noch rechtzeitig erreichen, läuft alles schief und Susann Thiede als Leonie zur Hochform auf. Boris Schwiebert ist unter anderem Inhaber der Partnervermittlung und als solcher köstlich bemüht wie hilflos. Wie überhaupt die Schauspieler das temporeiche Spiel mit ihrer Darstellungskunst zum Spaß für das Publikum machen: Thomas Harms als einfach strukturiertes Bäuerlein, das lieber auf den Markt nach Polen gefahren wäre. Axel Strothmann, der dem Geltungsdrang des Rentners Theo Ausdruck verleiht oder Kai Börner, als Cornelius bis zur Unkenntlichkeit in einen Fettsack verwandelt, differenziert zwischen Unsicherheit und Renommiergehabe.

Mittellos und völlig derangiert müssen sie einen Weg finden, nach Hause zu kommen.

Regisseur Jörg Steinberg setzt auf Tempo, Wortwitz und viele bekannte Klischees – auch die Schwaben im Prenzelberg fehlen nicht. Leider bleibt alles ziemlich trivial. Die verborgenen Sehnsüchte erschöpfen sich bis auf die Partnersuche in Shoppen und essen. Labiches genaue Figurenzeichnung, ihr Seelenleben, wird den Schauspielern hier vorenthalten. Seine beißende Gesellschaftskritik, der Blick hinter die bürgerliche Kulisse, der in Steinbergs Inszenierung durchaus interessant als Sittenbild deutscher Dörfer angedacht ist, „in denen auch die dunkle Seele unserer Nation“ schlummert, wie das Programmheft beschreibt, bleibt leider auf der Strecke. Das Publikum hat sich trotzdem köstlich amüsiert und viel Beifall gespendet. Was für eine Reise! Erlebenswert ist sie allemal.