Es ist das erste Mal, dass er nicht erklären muss, wo er nun liegt, dieser Ort, in dem die DDR-Verwandten seines Vaters wohnten, die er oft besuchte. Denn als Ulrich Matthes „Ebersbach“ in den Saal wirft, tönt es gleich in der passenden Mundart zurück: „Ach, das ist ja in der Oberrrrlausitz.“ Matthes zieht die Stirn kraus. Ja, das Senftenberger Publikum erstaunt ihn immer wieder. Er ist der erste Koch-Gast des Intendanten mit Westsozialisation, wie Sewan Latchinian schmunzelnd betont.

Und kann deshalb hier auch noch etwas lernen. Denn dass man im DDR-Schulsystem keine Fächer abwählen konnte, hat Ulrich Matthes bisher noch nicht gewusst – und scheint ehrlich begeistert über diese neue Erkenntnis. Überhaupt gibt sich der 52-jährige Schauspieler als nachdenklicher Mensch, der sich sehr für das Leben in der damaligen DDR interessiert – und dem bei der Erinnerung an ein Erlebnis in einem israelischen Kibbuz auf der Bühne die Tränen kommen.

Schlaflose Nächte

Das „Tagebuch der Anne Frank“ habe ihn als 13-Jährigen sehr bestürzt – deshalb habe er schlaflose Nächte gehabt, als er 2004 das Angebot bekam, in „Der Untergang“ Joseph Goebbels zu spielen: „Denn als Schauspieler will man seine Figuren ja verteidigen – aber Goebbels kann man nicht verteidigen.“ Dennoch habe er nach langen Skrupeln die Rolle angenommen und dies auch nicht bereut. Und glücklicherweise habe er nur wenige Wochen danach das Glück gehabt, in Volker Schlöndorffs Film „Der neunte Tag“ zu spielen: Dort verkörperte er einen katholischen Geistlichen im KZ Dachau. „Das war wie eine Teufelsaustreibung“, so Matthes. „Dieses Dreivierteljahr war auch für mich als Mensch eine Ex tremerfahrung.“

Doch der Westberliner wollte immer Schauspieler werden, seit er als Kind für den Film „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ ausgesucht worden war. „Das machte irren Spaß, aber ich drohte ein bisschen abzuheben“, erzählt er. Seine Eltern stoppten ihn, er begann ein Englisch- und Deutschstudium. Doch der Spieldrang war größer. Nachdem ihm der große Schauspieler Martin Held Talent bescheinigt hatte, ging er auf eine private Schauspielschule und spielte danach an verschiedenen Theatern, zunächst in der Provinz in Krefeld. Wobei Provinz für ihn nichts Negatives sei, meint Matthes und holt zu einer Lobeshymne über das Senftenberger Theater aus. Bis zu allen Schauspielkollegen in Berlin sei der tolle Ruf des Hauses vorgedrungen. Er selbst ist am Deutschen Theater glücklich.

Mit Kanon zur Ratatouille

Eigentlich sollten nun, wie in der Reihe üblich, Filmausschnitte mit Matthes (der auch in „Aimee und Jaguar“, „Winterschläfer“ oder „Novemberkind“ gespielt hat) über die Leinwand flimmern, doch er hat sich für einen Ausschnitt aus dem von ihm geliebten Trickfilm „Ratatouille“ entschieden. Passend zu ebendiesem Mittelmeergericht aus buntem Gemüse, das er gleich kochen wird. Der Intendant steuert einen Rindfleischsalat bei. Als Matthes erfährt, dass Corinna Harfouch, seine „Untergang“-Partnerin, beim Kochen in Senftenberg einen Kanon mit dem Publikum angestimmt hat, tut er das Gleiche und staunt über den Wohlklang von „Bruder Jakob“. Auch von dem, was so langsam in seinem Topf entsteht, ist er ob der schönen Farben begeistert.

Auch eine „Overjeans“ ist dabei – so hatte eine Leipziger Gemüseverkäuferin eine in der DDR seltene Aubergine genannt, erinnert sich Sewan Latchinian lachend. Dann ist die Ratatouille fertig, und die beiden Köche putzen wie verzaubert einen ganzen Teller weg. Der Rindfleischsalat schmecke durch die Äpfel „originell und lustig“, meint Matthes, und der Intendant findet, schöner könne man gar nicht sagen, dass es sch. . . schmeckt. Dann gibt es noch eine Premiere: Als erster Gast versucht sich Matthes an Latchinians Küchen-Jodler.