Man braucht für eine Zeitreise weder ein irrwitziges Auto noch eine skurrile Maschine. Für 50 Jahre zurück und 150 Kilometer nordwestwärts reicht ein Billett für das Staatstheater Cottbus. Die Stammgäste und langjährigen Freunde der Berliner Komischen Oper glaubten im Jugendstiltheater, ihren Augen nicht zu trauen: Auferstanden aus den Grüften: Des verehrten Walter Felsensteins legendäre Inszenierung der Opéra bouffe in drei Akten, "Ritter Blaubart", seinerzeit gespielt von 1963 bis 1992. Vom Hirtenhüttchen und Bauernhütchen bis zum samtstreifigen Ritterkostüm und zur königlichen Glatze stimmte einfach alles.

Und doch hatten Regisseur Steffen Piontek und Ausstatter Mike Hahne der alten Kamelle, Pardon, dem großen Vorbild, auf witzige und dezent augenzwinkernde Weise frische Theaterluft eingeblasen. Alle Details ein bisschen übertrieben, das Naturalistische ein wenig formalisiert und da, wo Berliner Bühnentechnik anders funktionierte als die in Cottbus, fanden sich auch neue gute Lösungen: Hinter Grabplatten auf dem Friedhof ein luxuriöses Boudoir, wer hat das schon. Ein geschwungener Rokoko-Empire-Bilderrahmen fasste die gesamte Szenerie von Anfang bis Ende zusammen; das Ganze ein grandioses Zitat.

Blaubart, der Frauenmörder, dem erst die Siebente glücklich entkommt - man kennt die viel bearbeitete Geschichte von Charles Perrault, den Brüdern Grimm, Maurice Maeterlinck, Béla Bartók. Offenbach und seine Librettisten Meilhac und Halevy travestierten das Sujet. In der Dienstleistungsgesellschaft des 19. Jahrhunderts macht sich ein Ritter nicht mehr selbst die Hände schmutzig, der Alchimist Popolani hat für ein sauberes Gattinnenableben zu sorgen. Es denkt nicht daran und hält die Abgelegten zur eigenen Unterhaltung bei Laune. Wenig anders arbeitet Graf Oskar, der am Hof des Königs Bobèche für die Beseitigung unliebsamer Höflinge zuständig ist.

Am Ende steht eine siebenfache Hochzeit. Fünfmal tot geglaubte Damen und Herren, dazu Bobèches ausgesetzte und wiedergefundene Tochter und ihr auserwählter Prinz sowie das beherzte Bauernmädchen Boulotte und der verhinderte Möchtegern-Mörder Blaubart. Auf dem Weg dahin haben die Profis intelligenter Pariser Unterhaltung nicht an treffsicherer Satire gespart und das wenig Erstaunliche daran ist, dass Liedchen wie die Opportunistenkanzonette oder die hybride königliche Anordnung "Man bringe mir die Welt" noch immer treffen.

Außerdem ziemlich treffsicher: Ivo Hentschel und das Cottbuser Orchester. Es wird volltönend und geschmeidig musiziert, schließlich handelt es sich bei "Blaubart" um eine veritable Opéra, nicht um eine der vielen kammermusikalischen Offenbachiaden. Hentschel balancierte den Orchesterklang sehr genau aus zwischen dem luftigen Sound von Satire und Ironie und dem komponierten Opern-Ehrgeiz, dem Offenbach lebenslang nachhing. Ähnlich variabel der Cottbuser Chorklang. Giftig-empörter Dorfklatsch, schwach aufmuckendes Hofschranzengemurmel oder ein schmalzig pompöser Hochzeitshymnus, alles traf und hatte charakteristischen Biss.

Schließlich das mannigfaltige Ensemble der Solisten. Liudmila Lokaichuk gab ein graziles Blumenmädchen Fleurette, das sich bei der Aneignung von Prinzessinnenmanieren als durchaus lernfähig erweist. Feiner heller Sopran mit Soubrettenleichtigkeit und Energie gleichermaßen. Dirk Kleinke musste sich schon ordentlich ins Zeug legen, um der Geliebten gewachsen zu sein. Er schaffte es stimmlich durchaus, ließ sich von der leicht karikierenden Personenführung auch die Liebhaberrolle nicht streitig machen. Vorzüglich die Fädenzieher im Hintergrund, An dreas Jäpel als Popolani und Heiko Walter als Graf Oskar. Beide perfekt bei Stimme, aber ihr bester Auftritt war ein choreografiertes Sprechduett mit Tambourin.

Witzig und überzeugend auch das Königspaar Matthias Bleidorn und Gesine Forberger. Wie sie leidet und sich behauptet‚ von Ticks geschüttelt die Contenance bewahrt, war genauso komisch wie der ganze Bobèche. Bleidorn kränkelte und sang und agierte dennoch tadellos eitel, nervös, schier hibbelig. Vielleicht verleiht er im Vollbesitz seiner Kräfte dem lächerlichen König auch noch einen Tick Gefährlichkeit.

Die beiden Hauptdarsteller Carola Fischer, Boulotte, und Jens Klaus Wilde in der Titelpartie genügten ihren Rollen und Gesangspartien leider nicht. So sehr ich beide Künstler schätze, hier waren sie fehlbesetzt. Die Gesangspartien waren für beide nicht zu schaffen und Figurencharaktere und Spiel stimmten ebensowenig. Blaubart fehlte die siegessichere erotische Ausstrahlung, er wirkte eher wie der müde Ritter Falstaff, während aus dem liebeslustig sinnlichen Bauernmädchen Boulotte ein mit allen Wassern gewaschenes Marktweib wurde.

Ein Intendant sollte so etwas rechtzeitig sehen und notfalls in die Tasche greifen und Gäste engagieren. Schade um einen großen Teil des Spaßes, den die wunderbare Cottbuser Dèjà-Vu-Idee insgesamt doch gemacht hat.