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| 07:50 Uhr

Verliebte Seelen auf Wanderschaft

"Letzendlich sind wir dem Universum egal" ist die etwas brave Verfilmung des Jugendromans von David Levithan. Martin Schwickert

In seinem Jugendroman "Letztendlich sind wir dem Universum egal" machte der amerikanische Autor David Levithan eine Seele zur Hauptfigur der Erzählung, die keinen eigenen Körper besitzt und jeden Tag aufs Neue für genau 24 Stunden in den Leib eines anderen katapultiert wird. Aus der schrägen Idee entwickelte Levithan eine verwegene Liebesgeschichte, in der das Wechselverhältnis zwischen äußerem Erscheinungsbild und seelischer Identität variationsreich erforscht wird.

Nun haben Regisseur Michael Sucsy und Drehbuchautor Jesse Andrews ("Ich, der Earl und das Mädchen") den Bestseller-Roman für die Leinwand adaptiert und das ist keine leichte Aufgabe. Im literarischen Format spielt die Physis eines Ich-Erzählers eine untergeordnete Rolle, weil die Leser ja direkt mit dessen Gedanken- und Gefühlswelt verbunden sind. Das Kino hingegen ist nach wie vor ein Augen-Medium, in dem Identifikation auch und vor allem durch die körperliche Präsenz hergestellt wird. Aber wie soll das funktionieren, wenn die Hauptfigur alle fünf Minuten von einem anderen Schauspieler dargestellt wird: mal Mädchen, mal Junge, mal dick, dünn, mal weiß, schwarz, mal asiatisch? Wer soll sich da noch zurecht finden und wie überhaupt stellt man auf der Leinwand eine Seele unabhängig von ihrem Körper dar?

Die Erörterung solcher Fragen hätten einem Drehbuchautor wie Charlie Kaufman, der mit "Being John Malkovich" und "Adaptation" im Bereich der Seelenkatapultierung einschlägige Erfahrungen gesammelt hat, sicherlich viel Freude bereitet. Aber "Letztendlich sind wir dem Universum egal" ist weniger am originellen Arthouse-Kino orientiert, als an einem jugendlichen Mainstream-Publikum. Deshalb wird hier ein bisschen gemogelt und nicht die wandernde Seele, genannt "A", sondern die 16-jährige Rhiannon (Angourie Rice) ins Zentrum der Erzählung gestellt. Das Mädchen ist gründlich verwundert, aber durchaus angetan, als ihr sonst so unsensibler Macho-Freund Justin (Justice Smith) sie in der Schule bei der Hand nimmt und zu einem romantischen Ausflug ans Meer entführt. Normalerweise bekommt der junge Mann vor lauter Coolness kaum die Zähne auseinander. Aber jetzt fragt er sie ehrlich interessiert über ihre Eltern aus und kann sogar Rhiannons Lieblingssong aus dem 1980er Jahren auswendig mitsingen. Aber am Ende des Tages sagt er zum Abschied: "Du weißt, das kann nicht immer so sein" und ist am nächsten Morgen in der Schule derselbe Stinkstiefel wie zuvor.

Danach häufen sich in Rhiannons Umfeld die Tagesbekanntschaften, die sich auf ungewohnte Weise für sie interessieren. Eine neue Mitschülerin ist mit Lebensratschlägen zur Seite, ein Unbekannter auf einer Party tanzt mit ihr zur Lieblingsmusik und schon bald wird das Geheimnis gelüftet: Es ist der Seelenwanderer A, der hinter dem plötzlichen Aufmerksamkeits-Boom steckt. Der natürliche Unglaube gegenüber der unsteten körperlichen Existenz des neuen Freundes ist schon bald überwunden und für Rhiannon beginnt eine abwechslungsreiche Liebesgeschichte, die sich von den andauernden äußerlichen Veränderung ihres Geliebten nicht irritieren lässt.

Im Zentrum von "Letztendlich sind wir dem Universum egal" steht eine klare allegorische Botschaft, die darauf abhebt, sich in der eigenen Wahrnehmung weniger vom äußeren Erscheinungsbild als von den inneren Qualitäten der Menschen leiten zu lassen. Nicht umsonst nimmt A die verschiedensten Erscheinungsformen an, in denen Hautfarbe, Geschlecht, Körpermasse und Aussehen sich im Inkarnationskarussell munter abwechseln. In einer Zeit, die von kommerzialisierten Schönheitsidealen geleitet wird, ist die radikale Konzentration dieses ausgewiesenen Liebesfilms auf die Seelenverwandtschaft sicherlich ein gewinnbringendes Gedankenspiel, das nach dem Kinobesuch viele interessante offene Fragen aufwirft.

So frei und experimentell, wie die Geschichte jugendliche Liebeskonzepte befragt, so brav wird sie auf der Leinwand bebildert. Man merkt hier deutlich, dass Regisseur und Studio ein wenig Angst vor der Courage der Story bekommen und sie in ein betont konventionelles Filmformat gepresst haben. Einem jugendlichen Zielpublikum, das einen solch klugen Roman zum Bestseller gemacht hat, hätte man durchaus auch eine originellere Verfilmung "zumuten" können.